Rigi Anzeiger
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4171 Kilometer auf dem Einrad und 5 Plattfüsse

Hans Howald aus Küssnacht pedalte quer durch Europa

Während 73 Tagen radelte der Küssnachter Hans Howald entlang von Flussläufen und Kanälen Europas. 4171 Kilometer vom Atlantik bis ans Schwarze Meer. Ganz allein und auf einem 36-Zoll Einrad.

Unterwegs in Bayern: Hans Howald, eine Hand am Sattel seiner “Berta“, die andere ausgestreckt, um die Balance zu halten, radelt mit seinem Rucksack und dem Schweizer Fähnchen durch abwechslungsreiche Flusslandschaften.

Unterwegs in Bayern: Hans Howald, eine Hand am Sattel seiner “Berta“, die andere ausgestreckt, um die Balance zu halten, radelt mit seinem Rucksack und dem Schweizer Fähnchen durch abwechslungsreiche Flusslandschaften.

Der Küssnachter Hans Howald liebt und wagt das Aussergewöhnliche. Der bald 65 Jahre zählende Elektrotechniker und Betriebswirt mit eigenem Büro für Software- und Cleantech-Start-ups, verheiratet, eine erwachsene Tochter, frönte in den 70-er und 80-er Jahren der Extremsportkletterei und durchstieg beispielsweise 1981 mit Marcel Rüedi die Eigernordwand in zwei Tagen auf einer neuen Route. Mit der Heirat seiner Frau Stefanie kehrte etwas Ruhe ein. Ruhe vor dem Sturm? Ein Freund Stefanies soll mal gesagt haben: «Hans ist hochtourig!» Diesen Satz habe sie lange nicht richtig verstanden. Heute wisse sie: «Hans ist ein Energiebündel!» Wohl unbeabsichtigt hat Ehefrau Stefanie in den letzten Jahren zu Hansens Unternehmungslust beigetragen: Zum 60. Geburtstag schenkte sie ihrem Mann ein Einrad. Und dieses blieb nicht etwa im Keller. Nein – das Einrad fahren machte viel Spass. Als erstes Ziel wurden in Einzeletappen 35 Schweizer Seen umrundet. Über 1500 Kilometer auf dem Einrad.

Mit Berta unterwegs
Nach Jahren intensiven Engagements im Berufsleben sann Hans Howald zu Beginn des Jahres 2014 auf ein neues Abenteuer: auf eine Einradtour quer durch Europa, von der Loiremündung in Frankreich bis zur Donaumündung bei Constanta in Rumänien. Doch über die genaue Absicht und Ziele wussten nur wenige Bescheid. Die Antwort seiner Frau Stefanie auf dieses Vorhaben war zuerst ein Nein. Sie hatte Angst, als Alleinreisender könnte ihm etwas zustossen, er könnte überfallen werden und nicht mehr zurückkehren. Nach intensiven Gesprächen willigte sie ein. Und dann liefen die Reisevorbereitungen. Die zwei Geschäftspartner mussten ihr Einverständnis geben. Die Kundenbetreuung musste geregelt werden. Die Route wurde im Detail geplant. Eine Knacknuss war die Ausrüstung. Mit möglichst wenig Gewicht auf das Einrad. Einiges liess sich am Einrad befestigen, der Rest kam in einen Rucksack.

Das Einrad, genannt Berta, war mit einer Bremse, einem Horn, einem Garmin-GPS, einem Radcomputer und einer Satteltasche bestückt. Um Hansens Hals hing eine Hundepfeife – vor allem auf den letzten Etappen war mit wilden Hunderudeln zu rechnen – und in einer Bauchtasche befanden sich wichtige Dokumente, das Portemonnaie und das iPhone. Über das Internet und Skype war die Partnerin Stefanie immer über den genauen Aufenthalt ihres Mannes im Bild. Das beruhigte. Und zum Trost über seine lange Abwesenheit liess Hans Howald seiner Frau alle vierzehn Tage einen Blumenstrauss zustellen.

Hans Howald startete mit seiner Einradtour in St-Nazaire am Atlantik und folgte vorerst dem Lauf der Loire ostwärts vorbei an prachtvollen Schlössern. Alles spielte sich gut ein. Keine Körperbeschwerden. Gute Radwege. Interessante Begegnungen. Chambre d’hôtes waren überall zu finden. Einzig der Rucksack war zu schwer. Das erschwerte eine gute Balance auf dem Einrad. Also wurden «überflüssige» Kleidungsstücke verpackt und nach Hause geschickt. Ehefrau Stefanie wunderte sich, als unverhofft ein Paket aus Frankreich eintraf. Aber dank guter Medienverbindungen war bald alles klar. Hans Howald pedalte weiter über Tours und Orléans. Doch da gab es einen Plattfuss. Ärgerlich! Der Pneu liess sich mit dem mitgeschleppten Werkzeug nicht von der Felge nehmen. In einem Hotel beschaffte sich Hans Howald einige Esslöffel und benutzte diese als Hebelwerkzeuge. Einige Löffelstiele verbogen sich, aber schliesslich liess sich der Pneu aushebeln und der defekte Schlauch konnte geflickt werden. Jetzt konnte die Fahrt in Etappen à jeweils 50 bis 70 Kilometern pro Tag bei einer Geschwindigkeit von rund 15 km/h fortgesetzt werden entlang der Saône, des Doubs, des Rheins und schliesslich der Donau. Im deutschen Pförring begegnete er am 31. Tag seiner Reise einem Journalisten, der ein paar Fotos machte und schliesslich einen Bericht im «Donaukurier» über den Schweizer mit dem gewinnenden Lächeln platzierte. Durch den Langsamverkehr sehe man die Welt mit anderen Augen, die Landschaft, die Tierwelt, aber auch die Menschen, habe der Küssnachter mit dem sympathischen Schweizer Akzent gesagt.

Entspannt pedalt Hans Howald auf seinem Einrad „Berta“ auf dem asphaltierten Radweg in Linz, Österreich.

Entspannt pedalt Hans Howald auf seinem Einrad „Berta“ auf dem asphaltierten Radweg in Linz, Österreich.

Andere Welt
Während der Donauradweg bis nach Budapest bestens ausgebaut, die Unterkunftsmöglichkeiten gut und viele Sehenswürdigkeiten zu bestaunen waren, änderte sich die Situation in Kroatien, Serbien, Bulgarien und Rumänien, wo teils nur noch Schotterwege zu finden waren, Übernachtungsmöglichkeiten rarer wurden und ärmliche Siedlungen durchfahren werden mussten.
Hans Howald: «Im kroatischen Vukovar waren noch ein zerschossener mächtiger Wasserturm und durchlöcherte Häuserfassaden als Mahnmale an den Balkankrieg zu sehen. Auf einer nächsten Etappe durchquerte ich die serbische Hauptstadt Belgrad, die eine reiche Geschichte hat. Eindrücklich war die Fahrt durch das Eiserne Tor, wo sich die Donau in den Südkarpaten durch ein enges Durchbruchstal zwängt. Und dann folgte der Radweg auf einer langen Strecke der rumänisch-bulgarischen Grenze, wo die Donau als Grenzfluss dient. Hier musste ich ab und zu zur Hundepfeife greifen, um streunende Kläffer auf Distanz zu halten. Auch Gänse zeigten ihre Neugier und flatterten auf den Strassen herum. Viele Störche und Schlangen waren zu sehen. Auf diesen Streckenabschnitten fühlte man sich in der Entwicklung des Gewerbes, der Land- und Gastwirtschaft um mindestens 100 Jahre zurückversetzt. Auf den letzten Etappen Richtung Schwarzes Meer nahmen die Strapazen zu; denn oft musste ich lange Strecken zurücklegen, um eine Unterkunft zu finden.»

Nach 73 Tagen Einrad fahren erreichte Hans Howald völlig entspannt, gesund und munter und überglücklich die Hafenstadt Constanta am Schwarzen Meer. Mit dem treuen Einrad «Berta» wurde ein Wunschziel erreicht.

Hans Howald hatte mit Radwegen unterschiedlichster Qualitäten fertig zu werden: Hier ein Feldweg in Serbien mit einem Schäfer.

Hans Howald hatte mit Radwegen unterschiedlichster Qualitäten fertig zu werden: Hier ein Feldweg in Serbien mit einem Schäfer.

Im rumänisch-bulgarischen Grenzgebiet gehörten gewisse Strassenabschnitte den Gänsen.

Im rumänisch-bulgarischen Grenzgebiet gehörten gewisse Strassenabschnitte den Gänsen.

Hans Howald mit seinem Einrad “Berta“ am Ziel seines Traumes: Constanta am Schwarzen Meer

Hans Howald mit seinem Einrad “Berta“ am Ziel seines Traumes: Constanta am Schwarzen Meer