Rigi Anzeiger
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Am anderen Ende der Welt

Im Gespräch mit Zwischenjahr-Absolventinnen aus Meggen und Root

Ein Jahr lang eine neue Sprache lernen, einen anderen Teil der Schweiz oder gar ein neues Land kennenlernen: Ein Zwischenjahr kann verschiedenste Facetten haben.

Fröhlich, offen, hilfsbereit: so sähe die Antwort aus, würde Lea Muggli die ersten Eindrücke von ihrem Austauschjahr auf drei Wörter minimieren. Die Meggerin lebt seit bald drei Monaten in der philippinischen Stadt Bacolod City und besucht dort das sogenannte «Senior Year» an der High School. Ein neues Leben in einem Land mit einer völlig anderen Sprache und Kultur als der Gewohnten: ein Wagnis für eine 15-Jährige. «Die letzten paar Wochen und Tage vor dem Flug waren nicht einfach. Ich hatte Mühe, allen tschüss zu sagen und plötzlich Zweifel, dass die Philippinen zu weit weg seien und ich viel zu jung für so ein Austauschjahr», so Lea. Auch in den ersten zwei Wochen in Bacolod City habe sie zum Teil ziemlich gelitten. «Es gab so viel Neues, an das ich mich gewöhnen musste, ich vermisste meine Freunde und Familie und konnte mit niemandem so richtig darüber sprechen, da ich noch fast kein Englisch und Filipino verstand», erzählt die 15-Jährige weiter. Schliesslich freundete sie sich dann jedoch mit ihrer Gastschwester an, wurde von ihren eigenen Eltern aufgemuntert und mittlerweile sei das Heimweh nicht mehr so schlimm.

Bei der dritten Familie hat es geklappt

Die Erfahrung, dass nicht immer alles von Anfang an stimmt, machte auch die 18-Jährige Michelle Brunner aus Meggen. Ein Jahr verbrachte sie in der englischen Stadt Eastbourne, lebte dort bei einer Gastfamilie und besuchte eine Englischschule. Zweimal wechselte sie ihre Gastfamilie, bis sie schlussendlich mit der dritten Familie Glück hatte. «Dadurch, dass ich in eine Schule ging, an der ausschliesslich Schweizer Englisch lernten, war es für mich sehr wichtig, eine Familie zu haben bei der ich mich wohl fühlte und mein Englisch üben konnte», sagt Michelle. Für eine andere Variante entschied sich Nicole Ulrich aus Root. Die 19-jährige lebte ein Jahr lang als Au-pair bei einer Familie in Lausanne. «Ich wollte nach der Sekundarschule etwas Anderes machen als wieder in die Schule zu gehen oder einen Beruf zu lernen wie es üblich ist», sagt sie. Ursprünglich plante sie ein Hauswirtschaftslehrjahr, brach dieses dann jedoch ab und wechselte mit dem PRO FILIA-Vermittlungsbüro zum Au-pair, wo sie während vier Tagen in der Woche auf vier Kinder aufpasste, im Haushalt half und an zwei Nachmittagen in der Schule Französisch lernte. Möglichst oft blieb sie auch während den Wochenenden in Lausanne um das Leben auf der anderen Seite des Röstigrabens kennenzulernen. «Ich fand das Wetter in Lausanne grundsätzlich angenehmer und die Leute um Einiges offener als in der Zentralschweiz», sagt Nicole.

 

Eine Klasse mit 45 Mitschülern

Noch mehr Kulturunterschiede lernt Lea in den Philippinen kennen. Im einzigen christlichen Land von Asien kann jeder sämtliche Gebete und Hymnen auswendig. «Zusätzlich zu einer Zeremonie und einem Fahnenhissen pro Woche gibt es vor jeder Lektion und vor dem Mittag ein gemeinsames Gebet», sagt sie. Ironisch findet die Meggerin ausserdem auch, dass einerseits Küssen an der Schule verboten ist und die Leute sehr konservativ sind, aber andererseits trotzdem alle in Hotpants und Trägershirts rumlaufen. Obwohl sie nur zwei Minuten Schulweg hat wird Lea immer von einem Angestellten ihrer Gastfamilie begleitet. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht, nur sogenannte «Jeepneys»: Minibusse, welche allerdings alleine zu gefährlich seien. Angekommen in der Schule gilt es, irgendetwas vom Unterricht mitzubekommen. Nicht immer ganz einfach bei 45 mehr oder weniger interessierten Mitschülern in der Klasse. «Da es auf den Philippinen die klassische Lehre wie wir sie in der Schweiz kennen nicht gibt, besuchen sämtliche Kinder elf Jahre die Schule und studieren nachher», so Lea. Ausserdem gebe es auch keine Unterteilungen in Niveaus, wie wir es uns gewöhnt sind, sagt die 15-Jährige, welche die einzige Schweizerin an ihrer Schule ist. Ganz anders aufgegleist war da die Englischschule, unter der Leitung von Didac, welche Michelle Brunner in Eastbourne besuchte. «Am Anfang des Jahres gab es einen Einstufungstest, woraus dann die Klassen nach Niveau unterteilt wurden», sagt sie. Dadurch dass sie in diesem gut abschnitt, konnte sie schlussendlich auch sehr von dem Unterricht profitieren. Mit ihren fünf Gastgeschwistern und den Gasteltern machte sie ausserdem viele Ausflüge, fühlte sich wie ein richtiges Familienmitglied und konnte somit auch das Englisch, welches sie in der Schule lernte praktizieren. Trotzdem gab es auch Momente, in denen sie sich alleine fühlte. «Dadurch dass man merkt, dass Mami und Papi weit weg sind und nicht bei allen Problemen helfen können, liegt es nahe, dass man innert kurzer Zeit viel selbstständiger wird», sagt die 18-Jährige. «Ich bekam ausserdem durch die Tätigkeit als Au-pair einen ganz anderen Bezug zu Kindern», meint Nicole Ulrich. Obwohl sie laut Vertrag nur vier Tage bei der Familie angestellt war, verbrachte sie gerne noch ihre Freizeit damit, etwas mit den Kindern zu machen, mit ihnen zu spielen und sie ins Bett zu bringen.

 

Nicht mehr alles ist auf Knopfdruck verfügbar

«Hätte ich die Möglichkeit, das Ganze zu wiederholen, würde ich mich von Anfang an für ein Au-pair-Jahr entscheiden», sagt die in Root Wohnende. Die Chance, während eines Hauswirtschaftslehrjahres bei der Familie als billige Hilfskraft angesehen zu werden, sei gross. Ausserdem sei es wichtig, den Mut zu haben, etwas Angefangenes abzubrechen, falls es beispielsweise mit der Familie nicht klappe, und nicht das Gefühl zu bekommen dass man da jetzt durchmüsse. Mit ihrer Familie blieb sie auch nach dem Au-pair Jahr noch in Kontakt, und ein bisschen geweint wurde sogar bei einem erneuten Besuch ein halbes Jahr nach Abschluss noch. «Mittlerweile ist das Französisch nicht mehr auf Knopfdruck verfügbar», so Nicole. Sicher ist sie jedoch, dass dies schnell wieder drin wäre. Vorerst geht es jetzt aber mit einer anderen Sprache weiter. Nach Abschluss der Kantonsschule im nächsten Sommer plant die 19-jährige ein Au-pair Semester in Holland. Bei Michelle, die im August mit einer Lehre als Hochbauzeichnerin begonnen hat, ist das Englisch nach mehr als drei Monaten Rückkehr in der Schweiz noch ziemlich präsent. «Oftmals vermische ich Englisch und Schweizerdeutsch, da ich immer noch in Englisch denke», sagt sie und schmunzelt. Ganz zufrieden ist sie jedoch noch nicht mit ihrem Englisch. «Meine Gastfamilie hat mir zwar immer wieder gesagt, wie perfekt ich spräche. Ich selber bin da ein bisschen kritischer mit mir», so Michelle weiter. Derweil merkt Lea, wie sie immer mehr mitdiskutieren kann. Englisch und Filipino zu lernen bleibt jedoch nicht ihr einziges Ziel für das Zwischenjahr in Asien. «Ich würde gerne Leute aus der ganzen Welt kennenlernen», so Lea. «Und ausserdem gibt es da auch noch eine ziemlich grosse Liste, mit Orten auf den Philippinen, welche ich noch sehen möchte.» Nicole Gisler

 

Von Feriensprachkursen bis Au-pair
Didac: Didac Schulen ist eine Bildungsinstitution mit Schulen in Bern, Lausanne, Genf, Lugano und Eastbourne. Zu ihren Angeboten gehören unter anderem Sprachjahre und Feriensprachkurse. Weitere Infos sind im Internet unter www.didac.ch zu finden.
Rotary: Der Club, der sich für humanitäre Hilfe, ethische Normen in der beruflichen wie auch der privaten Welt und Völkerverständigung einsetzt, bietet für Mitglieder Austauschjahre an. Im Gegensatz verpflichtet sich die jeweilige Familie, Schüler aus diesem Land ebenfalls für ein Jahr zu beherbergen. Weitere Angaben findet man im Internet auf www.rotary.ch.
PRO FILIA:
Der Schweizer Verband vermittelt Sprachaufenthalte für Jugendliche als Au-pair in der Westschweiz, im Tessin, in der Deutschschweiz sowie bei Englisch sprechenden Familien in der Schweiz. Ausserdem bietet PRO FILIA auch Vermittlungen von Au-pair Stellen oder Sprachschulen im Ausland an. Weitere Informationen sind unter www.profilia.ch zu finden.
Weitere Informationen zu diesen und weiteren Möglichkeiten zu Austauschjahren sind ausserdem im Bildungsinformationszentrum BIZ in Luzern zu finden.