Rigi Anzeiger
Der Rigi Anzeiger ist die führende gratis Wochenzeitung für die Luzerner, Schwyzer und Zuger Regionen Rontal und Rigiland. Der Rigi Anzeiger erscheint seit über 50 Jahren in einem sehr interessanten Erscheinungsgebiet, einer WEMF-beglaubigte Auflage von 35 728 und wird jeden Freitag mit den regionalen News von der Post in alle Briefkästen im Einzugsgebiet verteilt.

Am gleichen Strick ziehen ist wichtig

Kindergarten- und Schuleintritt

Entscheidet der Zeitpunkt des Kindergarten- oder Schuleintritts über das Schicksal eines Kindes? Die frühkindliche Förderung und Bildung werden als wesentliche Elemente für den späteren Schul- und Berufserfolg betrachtet.

Ob junger Vater oder junge Mutter, alle haben den Kindergarten- und Schuleintritt einmal miterlebt. Vielleicht sind die Erinnerungen an dieses «schicksalshafte Ereignis» verflogen. Vielleicht denken die heute Vierzigjährigen noch an das Kindergartentäschchen zurück, beim Schuleintritt an die mit einem Hasenfell überspannte Schultheke oder an den ersten Tag in einem Schulzimmer. Doch von dem, was vor rund 40 Jahren war, ist im heutigen Kindergarten- und Schulwesen wenig übrig geblieben.

Der Kindergarten ist heute Teil der Volksschule und als solcher im Luzerner Volksschulbildungsgesetz verankert. Unter § 12 Schuleintritt ist vermerkt, dass Kinder, die vor dem 1. November das 5. Altersjahr vollenden, im Schuljahr, welches am 1. August des gleichen Jahres beginnt, den Kindergarten zu besuchen haben. Im Absatz 2 ist aufgeführt, dass Erziehungsberechtigte jüngere Kinder in den Kindergarten schicken können, sofern diese die Anforderungen erfüllen. Als Voraussetzungen für einen früheren Kindergarteneintritt gelten:

• Das Kind muss fähig sein, den Kindergarten-unterricht in vollem Umfang zu besuchen
• Das Kind muss fähig sein, dem Unterricht inhaltlich zu folgen
• Das Kind muss sich selber an- und auskleiden können, zum Beispiel im Turnunterricht
• Das Kind muss selbstständig auf die Toilette gehen können
• Das Kind muss selbstständig den Schulweg bewältigen können.

Im Absatz 4 des Gesetzes heisst es weiter, dass die Schulleitung über den Eintritt in die Primarschule entscheide, sofern sich die Kindergartenlehrperson und die Erziehungsberechtigten nicht einig sind.

In Meggens Zweijahreskindergärten basteln Kinder unterschiedlichen Alters am gleichen Tisch und helfen einander.

In Meggens Zweijahreskindergärten basteln Kinder unterschiedlichen Alters am gleichen Tisch und helfen einander.

Schulreif oder schulfähig?
Vor 40 Jahren sprach man von Schulreife – man verstand die kindliche Entwicklung damals primär als Ergebnis von Reifungsprozessen und ging davon aus, das Kind reife heran wie eine Tomate an einer Staude und sei dann zu einem bestimmten Zeitpunkt schulreif. Erreichte ein Kind die geforderten Kriterien nicht, die in einem Schulreifetestverfahren definiert waren, wurde es als «unreif» befunden und vom Schulbesuch um ein Jahr zurückgestellt in der Hoffnung, das Kind könne seine Defizite aufholen.

Heute spricht man von Schulfähigkeit oder Schulbereitschaft. Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die kindliche Entwicklung nicht nach einem Programm abläuft, sondern dass das Kind, sein Umfeld und seine Umwelt in einem vielschichtigen, wechselseitigen Beeinflussungsprozess, einem Entwicklungsgang stehen, an dem das Kind aktiv beteiligt ist. So entwickelt sich beispielsweise die Intelligenz in Abhängigkeit von Anregungen aus seinem näheren und weiteren Umfeld. Je nach soziokulturellem Hintergrund haben die Kinder deshalb sehr unterschiedliche Ausgangspositionen und Entwicklungschancen im Hinblick auf einen erfolgreichen Kindergarten- und Schulbesuch. Die Schulfähigkeit wird heute differenzierter betrachtet und umfasst in der Regel drei Bereiche:

• Die Selbstkompetenz, wie Eigenständigkeit, Offenheit, Selbstbewusstsein, Ausdauer, Belastbarkeit …
• Die Sozialkompetenz, wie Regeln erkennen und einhalten, einander helfen, Verantwortung übernehmen …
• Sachkompetenz, wie alle Sinne nutzen, Abfolgen verstehen, Sprache verstehen, gebrauchen und neue Begriffe bilden …

Der Übergang vom Kindergarten in die Schule ist ein längerer Prozess. Er umfasst die Zeit des Kindergartens und sicher auch einige Monate des ersten Schuljahres. Für eine erfolgreiche Bewältigung des Übergangs ist es wichtig, dass die beteiligten Personen, die Eltern, die Kindergarten- und Unterstufenlehrkraft sich als gleichwertige Partner verstehen und eine gute Zusammenarbeit anstreben. Der Kindergarten- oder Schuleintritt glückt dann am besten, wenn alle den gemeinsam erarbeiteten Entscheid unterstützen. Kurzum alle müssen am gleichen Strick ziehen.
Erfahrungen mit zweijährigem Kindergarten
Das Luzerner Volksschulbildungsgesetz sieht vor, dass der zweijährige Kindergarten bis zum Schuljahr 2016/17 in allen Gemeinden angeboten werden muss. 19 Gemeinden haben das Angebotsobligatorium für den Zweijahreskindergarten bereits realisiert, darunter aus dem Rigiland Meggen und Vitznau. Der Megger Schulleiter Remo Ehrenbolger hält fest: «Für die Kindergartenlehrpersonen und somit für die Kinder ergibt sich der grosse Vorteil, bei jedem Kind, welches nicht frühzeitig den Kindergarten besucht, individuell und gemeinsam mit den Eltern den optimalen Zeitpunkt für den Übertritt in die Primarschule nach einem oder nach zwei Jahren wählen zu können. Schulleitung und Lehrpersonen empfehlen in Meggen, im obligatorischen Alter in den Kindergarten einzutreten. Die Eltern und die Kindergartenlehrperson entscheiden dann gemeinsam darüber, ob ein zweites Kindergartenjahr für die Entwicklung des Kindes Sinn macht. Frühzeitig in den Kindergarten eingeschulte Kinder haben ihr Kindergartenkontingent von zwei Jahren bereits im obligatorischen Alter aufgebraucht. Diese jüngeren Kinder müssen dann altersgemäss in die 1. Primarklasse eintreten und haben in der Regel nicht mehr die Möglichkeit, ein weiteres Jahr im Kindergarten zu verbleiben. Beim früheren Einjahreskindergarten hatten wir Repetitionen zwischen 20% und 30%, was damals zu viel war. Das Angebot des Zweijahreskindergartens entspricht einem Bedürfnis und ist eine positive Entwicklung. Total besuchen in Meggen zirka 50% der Kinder den Kindergarten während zwei Jahren. Davon ungefähr die Hälfte der Kinder, die frühzeitig in den Kindergarten eingetreten sind, die andere Hälfte der Kinder besucht den Kindergarten noch ein weiteres Jahr nach dem Eintritt im obligatorischen Alter.»

In Vitznau gibt es den zweijährigen Kindergarten bereits seit dem Schuljahr 2009/10. Wie Schulleiter Taio Secchi berichtet, verfügt die überschaubare, familiäre Schule Vitznau wegen rückläufiger Kinderzahlen über genügend Schulraum, um einen Zweijahreskindergarten anbieten zu können. Etwa 70% der Kinder würden frühzeitig in den Kindergarten eintreten. Die übrigen 30% der Kinder kämen entweder wegen eines langen und beschwerlichen Schulweges oder weil die Eltern das Kind noch daheim behalten möchten, was er gut nachvollziehen könne, nicht in den Zweijahreskindergarten. Wiederholungen von Kindergartenjahren gäbe es seit der Einführung nur wenige. Grundsätzlich mache die Schule Vitznau gute Erfahrungen mit dem Angebot des Zweijahreskindergartens.

Dass Gespräche und eine gute Zusammenarbeit zwischen den Lehrpersonen und den Erziehungsberechtigten entscheidend für einen harmonischen, erfolgreichen Kindergarten- und Schulbesuch sind, unterstreichen auch die beiden Schulleiter der Seegemeinden Meggen und Vitznau. Alles zum Wohl des Kindes.