Rigi Anzeiger
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Andere Länder, andere Tischsitten

Leicht verunsichert starrte ich auf die beiden Plastiktüten in meiner Hand. Wie mache ich das jetzt nur? Eigentlich hatte ich vor einer langen Busfahrt nur noch ein Mittagessen einnehmen wollen aber nun sass ich an der Haltestelle mit einem kleinen Säckchen voll dampfendem Reis, einem ganzen Fisch inklusive Kopf und Schwanz auf einem Holzspiesschen, während aus einem dritten Mini-Tütchen langsam eine dunkle Sauce auf den Boden neben mir tropfte.

Als Esswerkzeug musste einzig ein kleiner Plastiklöffel dienen. Bis der Bus abfahren sollte, blieben mir noch knapp 15 Minuten. Diese Szene hatte sich in meiner ersten Woche in Bangkok ereignet, als meine internalisierten Verhaltensrichtlinien noch immer sehr von Schweizer Standards geprägt gewesen waren.
Einen ganzen Fisch an einer Bushaltestelle mit einem Löffel grob von den Gräten zu befreien und mangels Möglichkeiten zur Abfallentsorgung im öffentlichen Raum die sterblichen Überreste des Wirbeltieres auch noch mit in den Bus zu nehmen, entsprach so gar nicht meinen Vorstellungen von Anstand. Schliesslich hatte ich mich einige Meter von den anderen Fahrgästen weggestellt und mein stark riechendes Mittagessen dort so unauffällig wie möglich verspeist – was ohne feste Unterlage und bloss mit der Hilfe eines Löffels gar nicht so einfach war.
Inzwischen mache ich mir das Leben längst nicht mehr selber schwer und orientiere mich an den hiesigen Gepflogenheiten. Das heisst, dass beim Essen häufig die Hände eingesetzt werden dürfen und bereits vor dem Probieren des Gerichtes nachgewürzt werden kann. Auf der Strasse kann und darf überall gegessen werden und Geruchsbelästigung scheint hier ein unbekanntes Konzept zu sein. Deswegen hätte ich im Nachhinein betrachtet überhaupt kein schlechtes Gewissen zu haben brauchen, als ich meinen Fisch an der Bushaltestelle von einem Spiess abknabberte. Steht Nudelsuppe auf dem Speiseplan, darf das Gesicht so nahe wie möglich an den Teller gebracht werden, um die Reisnudelstränge aufzusaugen. Auch schlürfende Geräusche sind nicht verpönt und ich habe mich schon dabei erwischt, dass es sich bei der Einnahme von heissen Suppen mit grossen Mengen an Reis oder Gemüse kaum verhindern lässt. Nach knapp drei Monaten in Thailand stört mich das auch gar nicht mehr – weder bei meinen Tischnachbarn noch bei mir selber. Nur das Kauen mit offenem Mund, das ich hier so oft beobachten konnte wie noch an keinem anderen Ort, habe ich nicht übernommen und werde das auch in Zukunft nicht kopieren. An die anderen Tischmanieren habe ich mich ziemlich schnell gewöhnt, da ich seit meiner Ankunft in Bangkok ungefähr vier Hauptmahlzeiten pro Tag einnehme. Die Vielfalt der Gerichte und die permanente Verfügbarkeit von warmen Speisen faszinieren mich bis heute täglich aufs Neue. Obwohl die meisten Thailänder, die ich hier kennenlernen durfte, nur sehr kleine Portionen pro Mahlzeit zu sich nehmen, hat Essen doch einen äusserst grossen Stellenwert und ich freue mich auf weitere gemeinsame Abendessen mit meinen einheimischen Klassenkameraden, die meistens damit enden, dass ich alles aufesse, weil vor allem die Frauen angeblich nach zwei Löffeln Suppe, einer Handvoll Reis und drei Fleischstückchen satt sind.

Seit meiner Ankunft in Bangkok, nehme ich durchschnittlich vier Hauptmahlzeiten pro Tag ein.

Seit meiner Ankunft in Bangkok, nehme ich durchschnittlich vier Hauptmahlzeiten pro Tag ein.

Die grosse Auswahl an einheimischen Gerichten fasziniert mich nach wie vor.

Die grosse Auswahl an einheimischen Gerichten fasziniert mich nach wie vor.

Stephanie Sigrist aus Risch absolviert ein Austauschsemester in Bangkok und berichtet darüber regelmässig im Rigi Anzeiger.

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