Rigi Anzeiger
Der Rigi Anzeiger ist die führende gratis Wochenzeitung für die Luzerner, Schwyzer und Zuger Regionen Rontal und Rigiland. Der Rigi Anzeiger erscheint seit über 50 Jahren in einem sehr interessanten Erscheinungsgebiet, einer WEMF-beglaubigte Auflage von 35 728 und wird jeden Freitag mit den regionalen News von der Post in alle Briefkästen im Einzugsgebiet verteilt.

Architektur am Tourismusweg

Die etwas andere Rigi – eine Sommerserie zur Königin der BergeTeil 2

Die Rigi war einst der Modeberg schlechthin. Wer was auf sich hielt, pilgerte in die luftigen Höhen in der Mitte der Schweiz. Rigi Kenner Angelo Zoppet blickt in einer dreiteiligen Sommerserie auf eine etwas andere Seite der Königin der Berge. 2. Teil: Von Unterstette bis Rigi First.

Die Rigi mit seiner einmaligen Lage in der Mitte der Schweiz ist bis heute der Ausflugs- und Aussichtsberg geblieben. Der einstige Modeberg ist trotzdem aussergewöhnlich, vielfältig und hat auch architektonisch etwas zu bieten. Der zweite Teil führt auf dem historischen Pilger- und Panoramawanderweg von Unterstette bis Rigi First.

In der «Schweizer Revue» vom Juni 2012, der grössten Zeitschrift für die Auslandschweizer (Auflage 400’000 Exemplare) schrieb der Appenzeller und ehemalige Der Bund-Chefredaktor  Hanspeter Spörri, mit dem Titel Rigi – die Schweiz unter dem Vergrösserungsglas: «Die Rigi, berühmt wegen der spektakulären Lage, war zwar einst ein Nobelkurort, doch in den vergangenen fünfzig Jahren war der Berg kaum mehr als ein Ziel für Ausflügler bei schönem Wetter. Ein berühmtes Reiseziel ist die Rigi wegen ihrer Lage zwischen Vierwaldstätter-, Zuger- und Lauerzersee und wegen der einmaligen Aussicht. Zudem ist das Bergmassiv eine Art Theaterkulisse, es liegt dort, wo Schillers Tell-Drama spielt: zwischen Gessler-Burg, Hohler Gasse, Tellsplatte und Rütli.»

Vielbesungener Aussichtsberg
Auf dem ersten Teil der Rigi-Tourismusweg- und Architekturreise wanderten wir vom mittleren Rigigipfel Scheidegg, 1656 Meter hoch, bis nach Unterstette – 200 Meter tiefer gelegen und ziemlich genau in der Mitte der Wegstrecke des historischen Panoramaweges nach Rigi Kaltbad. Start zur Rigi-Reportage war auf der Nordseite im Verkehrs- und Bahnknotenpunkt Goldau. Mit der Seilbahn ab Kräbel ging’s hinauf zur Scheidegg. Die auch hier umfassende Aussicht auf dem flachen Gipfelplateau vermag die dortigen eher tristen baulichen Begebenheiten zu überstrahlen.
Der breite Weg schlängelt von der Bergstation hinunter zur ehemaligen Endstation der Rigi-Scheidegg-Bahn (RSB). Linkerhand ein für diese Gegend ungewöhnliches achteckiges Holzhaus mit flachem Zeltdach. Dann nach dem Aufsuchen des neuen, modernen und preisgekrönten Ferienhauses zweier renommierten Zürcher Architekten ging’s zurück auf den Parnoramaweg. Nach dem Einschnitt Hinder Dosse wählten wir den grasigen Pfad über die sonnigen, steilen Südflanken des Dosse: über Oberstafel nach Unterstette zum berühmten, noch heute modernen Nurdachhaus von Justus Dahinden und dem inzwischen unter Schutz gestellten, alten Stahlviadukt der ehemaligen Rigi-Scheidegg-Bahn (RSB).

Noch gesperrter Unterstetten-Viadukt von Osten
Noch gesperrter Unterstette-Viadukt von Osten

Prof. Dahindens erstes Haus auf Unterstetten - 3
Professor Dahindens erstes Haus auf Unterstette

 

Unterstette – Dahindens erstes Meisterwerk
Kurze Mittagsrast auf der Terrasse Berg-gasthaus Unterstetten mit atemberaubenden Tief- und Seeblicken. Dann weiter zum nun wegen Einsturzgefahr gesperrten 100 Meter langen, gebogenen und 140 Jahre alten Viadukt. Die Stahlverbundbrücke thront auf drei 15 Meter hohen, eleganten Stahlfachpfeilern. Nur wenige Meter daneben liegt im sanften Schildabhang ein weiteres schützenswertes Bauwerk. Es ist das erste Haus, das Justus Dahinden für seinen Vater Josef vor bald 60 Jahren planen und bauen durfte. Josef Dahinden war einer der Söhne der Rigi-Wintertourismus- und Hotelpionierin Rosa Dahinden. Er baute auch den nicht mehr existierenden Dossen-Skilift am mit Abstand schönsten Skiberg auf der Rigi. Vater Dahinden war ein strenger Auftraggeber: Erst den zehnten Entwurf des späteren Wiener Professors genehmigte er. Zum bis heute unverändert gebliebenen Zelthaus sagt sein Schöpfer: «Das Nurdachhaus in Unterstette war für mich die erste Umsetzung eines architektonischen Traums in die Wirklichkeit. Geborgenheit und Schutz an dieser exponierten Lage ist nötig und soll gestalterisch auch gezeigt werden. Das Dach kommt ohne darunterliegende Wände aus. Zurückgesetzte Stützen treten optisch nicht in Erscheinung, so dass die Dachpyramide zu schweben scheint.»
Wir wandern auf dem Tourismusweg Richtung First weiter. Bloss 100 Meter nach den beiden schützenswerten Unterstette-Objekten stossen wir auf das wohl ungewöhnlichste und kurrligste Rigi-Ferienhaus. Vor Jahren hatte ein Rigifreund den letzten noch verbliebenen Panoramawagen der einstigen Rigi-Scheidegg-Bahn erworben und zu einem schmucken Ferienhäuschen umgebaut. Direkt und etwas erhöht am Weg auf einem Stück Schiene, wo an den Wagenachsen noch gut die RSB-Initialen erkennbar sind. Um den Würzenstock herum erreichen wir die Alp Schild mit einer im Sommer fein heraus geputzten Alpwirtschaft. Und von da zweigt einer der schönsten, aber auch nicht ganz ungefährlichen Rigi-Wege ab: der Felsenweg. Wir verlassen erneut den echten Panoramaweg und tauchen in die felsige Südflanke des Schildstocks ein. Der nun schmälere Weg ist gut mit Drahtseilen gesichert und wenig später erreichen wir die Rigistation First, mit den vielen noch immer vorhandenen, alten Alleebäumen.

RSB-Bahnwagen Nr. 4 als Ferienhaus - 1
RSB-Bahnwagen Nr. 4 als Ferienhaus

Panoramaweg, Abschn. Felsenweg u. Schild - 1
Panoramaweg, Abschnitt Felsenweg und Schild

 

Gruoben: altbewährt und neu entdeckt

Schon lange bevor die Rigi zu einem Tourismus- und Aussichtsberg mutierte, bewirtschafteten Einheimische und Älpler den Berg mit seinen unterschiedlichen Alpen. Die 1356 entstandene Arther Unterallmeindkorporation (UAK), bestimmte auf der Schwyzer Seite der Rigi Jahrhunderte lang das Geschehen. Die sommerlichen Nutzungen auf und am weitläufigen Bergmassiv bedingten an vielen Orten einfache Unterstände, die Schutz vor Regen, Wind und Sturm gaben. Diese einfachen Unterstände aus Holz, von denen es auf der Rigi bis vor einigen Jahren nur noch vereinzelt ein paar wenige gab, bestehen aus Rück- und Seitenwänden und einem Dach. Gegen Wege oder Wetterseiten hin sind sie offen und im Innern meist mit einfachen Sitzbänken ausgestattet. Die Einheimischen nannten diese Unterstände Gruebinen. Der Begriff «grueben» oder «gruoben» stammt aus der Schwyzer Mundart, und bedeutet eigentlich ausruhen. Auf der Rigi-Südseite heisst die zweite Station der roten Vitznauer Rigibahn Gruebisbalm.

In früheren Zeiten bauten auch die Waldarbeiter solche Grueben oder Gruoben, um darin nicht nur Schutz vor der Witterung zu suchen, sondern auch um Rast und Mahlzeiten einzunehmen sowie ihre Werkzeuge zu deponieren. An der steilen und bewaldeten Rigi-Nordostflanke gibt es noch heute rund ein halbes Dutzend solcher Unterstände. Allerdings sind die meisten dem Verfall preisgegeben. Eine der wenigen alten, noch gut unterhaltenen Groben begegnet dem Rigiwanderer auf dem kantonalen Hauptwanderweg Nr. 63 von Goldau nach dem Wallfahrtsort Klösterli. Auf gut 1100 Meter Höhe, am Ende des steilen Rigiwaldes und am unteren Ende der Alp Resti hat es noch eine solche Gruobi. Nach dem Jahrhundertsturm Lothar vom 26. Dezember 1999 lag auch auf der Rigi viel Sturmholz. Um nicht alles Holz abführen zu müssen hatten findige und kluge Köpfe die Idee, für den Tourismus aus geeignetem Sturmholz neue, zeitgemässe Gruoben zu bauen. Davon hat es auf der Rigi mittlerweile neun Stück. Die massiven und dekorativen Unterstände aus Rundholz sind mit einladenden Feuerstellen versehen und meist auch eingezäunt.

Gruobi Rotstock
Gruobi Rotstock

 

Infos und Tipps
•    Faltprospekt «RIGI» Massstab 1:27’500 für 5 Franken, zu beziehen bei Tourist Information Rigi, Rigi Kaltbad.
•    Buch «Rigi – mehr als ein Berg» von Adi Kälin (2012), hier+jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte GmbH, Baden.

 

››› Teil 1: Von der Scheidegg bis Unterstetten.