Rigi Anzeiger
Der Rigi Anzeiger ist die führende gratis Wochenzeitung für die Luzerner, Schwyzer und Zuger Regionen Rontal und Rigiland. Der Rigi Anzeiger erscheint seit über 50 Jahren in einem sehr interessanten Erscheinungsgebiet, einer WEMF-beglaubigte Auflage von 35 728 und wird jeden Freitag mit den regionalen News von der Post in alle Briefkästen im Einzugsgebiet verteilt.

Autorität der Lehrer ist unangetastet

«Wirst du dich auch melden, um unseren Professoren die Ehre erweisen zu dürfen?», hatte eine Mitschülerin Anfang Monat neugierig wissen wollen.

In ganzen drei E-Mails vom Uni-Sekretariat war ausführlich darüber informiert worden, was für den diesjährigen «Wai-Khru»-Tag geplant war. An dieser Veranstaltung sollte allen Lehrern für ihre Arbeit gedankt werden. Dabei durften ausgewählte Studenten Verse aufsagen und Blumen überreichen. Für dieses Amt hatte man sich drei Wochen vor dem Anlass bewerben können. Knapp vier Stunden nach der ersten E-Mail, in der informiert wurde, dass nach Freiwilligen gesucht wurde, traf bereits eine zweite Nachricht ein, dass der Andrang äusserst gross gewesen sei und man deswegen keine weiteren Bewerbungen berücksichtigen werde. Am grossen Tag erhielten alle Dozierenden der Mahidol-Universität zahlreiche Blumensträusse in unterschiedlichsten Grössen von ihren Schülern. Vielfach gingen die Studenten bei der Übergabe der lieblich duftenden Gaben auf die Knie und verbeugten sich anschliessend tief vor ihren Lehrpersonen. Zudem wurden Verse aus der buddhistischen Schrift zitiert und die obligate Königshymne durfte selbstverständlich auch nicht fehlen.

Wai Khru: In einer feierlichen Zeremonie wurde den Lehrern der Mahidol-Universität Respekt gezollt.

Wai Khru: In einer feierlichen Zeremonie wurde den Lehrern der Mahidol-Universität Respekt gezollt.

Doch thailändische Lehrer geniessen nicht nur an dem ihnen gewidmeten Tag grosses Ansehen. Obwohl viele Professoren von ihren Studenten beim Vornamen angesprochen werden dürfen, ist ihre Autorität unangetastet. Selbst wenn der Dozierende die Klasse offensichtlich falsch informiert, wird nicht widersprochen. So fragte mich beispielsweise eine ältere Professorin in einer der ersten Ökonomie-Vorlesungen, wie hoch der Mindestlohn in der Schweiz sei. Als ich antwortete, dies gebe es bei uns nicht und kurz von der Abstimmung im Mai dieses Jahres berichtete, tat die in ganz Thailand für ihre Publikationen bekannte Wirtschaftstheoretikerin meinen Einwand einfach mit einem Schulterzucken ab und kehrte zum ursprünglich behandelten Stoff zurück. Auch meine Klassenkameraden, die sonst während der Stunden normalerweise viele Fragen stellen, liessen das Thema ruhen.
Neben dem Verhalten der Dozierenden unterscheidet sich auch der Unterricht an der hiesigen Uni sehr von den Vorlesungen und Lehrveranstaltungen, die ich aus der Schweiz kenne. Die Studenten müssen in mindestens 80 Prozent aller Stunden anwesend sein, um die Abschlussprüfungen schreiben zu dürfen. Zudem gibt es jede Woche obligatorische Hausaufgaben, die vom Lehrer persönlich eingesammelt und korrigiert werden. In einem Fach gibt es eine Note für das Mitmachen im Unterricht. Manchmal fühle ich mich in die Primar- und Sekundarschulzeit zurückversetzt. So werden wir auf Masterstufe über grundlegende Wirtschafts-Konzepte informiert, die ich bereits vor acht Jahren im Gymnasium kennengelernt hatte. Doch da die Uni eine der wenigen Möglichkeiten für mich ist, mit englischsprechenden Thailändern in Kontakt zu kommen und Anschluss zu finden, freue ich mich doch meistens wieder auf die Vorlesungen – zumal meine Klassenkameraden sehr nett und aufgeschlossen sind. Bereits nach unserer ersten Begegnung haben meine neuen Kollegen mich in ihre Projektgruppen integriert und ich wurde gefragt, ob ich mich ihren Unternehmungen wie Kuchenessen, Bartouren oder Kinobesuchen anschliessen möchte. Natürlich wollte ich das!

Stephanie Sigrist aus Risch absolviert ein Austauschsemester in Bangkok und berichtet darüber regelmässig im Rigi Anzeiger.

 

E-Mail aus Bangkok 1: Nächster Halt Tempel und Abgase 

E-Mail aus Bangkok 2: Warnungen stellen sich als nichtig heraus 

E-Mail aus Bangkok 3: Autorität der Lehrer ist unangetastet 

E-Mail aus Bangkok 4: Nur kleine Wolken über Bangkok 

E-Mail aus Bangkok 5: Bequeme Thais und hinterlistige Tuktukfahrer

E-Mail aus Bangkok 6: Wehe dem, der den König nicht ehrt

E-Mail aus Bangkok 7: Rollerunfälle sind Todesursache Nummer eins

E-Mails aus Bangkok 8: Fluss im Regenwald oder doch Sugar Daddy?

E-Mails aus Bangkok 9: Andere Länder, andere Tischsitten