Rigi Anzeiger
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Bildung fällt Klosterzwist zum Opfer

Im Bildungshaus Stella Matutina Hertenstein herrscht Bedauern

Der Generalrat der Baldeggerschwestern im Kloster Baldegg hat entschieden, per Amtsantritt einer neuen Bildungsleiterin im Bildungshaus Stella Matutina in Hertenstein per 1. August dieses Jahres, das hausgemachte Bildungsangebot zu streichen und damit auch die neue Bildungsleiterin ihres Amtes zu entheben. Die bisherigen Bildungsleiter sind entsetzt.

Das imposante Bildungshaus Stella Matutina auf der Halbinsel Hertenstein gehört zur Schwesterngemeinschaft des Klosters Baldegg. Heute sind hier noch 14 Schwestern tätig. Das Haupthaus und die diversen Nebengebäude wurden einst als lokale Schule genutzt. Inzwischen hat sich Stella Matutina zum kirchlichen Bildungshaus für Erwachsene entwickelt und dank einem ständig gewachsenen Angebot an eigenen Kursen und Veranstaltungen einen weit über die Landesgrenzen hinaus reichenden Namen geschaffen «Wir haben ganz klein begonnen und bis heute ein Jahresangebot von mehr als 130 Kursen und Veranstaltungen aufgebaut. Angebote, die andere Bildungsinstitutionen nicht anbieten», schildern die bisherigen Bildungsleiter Schwester Hildegard Willi und Pater Werner Hegglin (Bild links).

Die meist mehrtägigen, aber auch Wochenkurse zu kirchlichen und weltlichen Aspekten, wie Gesprächskultur, Altervorsorge, Fremdsprachen, Gesang- Tanz- und Bewegungslehre oder Atemtechnik ziehen Kursteilnehmer aus der ganzen Schweiz und sogar aus dem Ausland an. Namhafte Dozenten und Kursleiter aus Europa schätzen das Bildungshaus auf der idyllischen Halbinsel und akzeptieren dafür auch ein bescheideneres Honorar als anderswo. Dank den 80 Betten in den 58 Zimmern des Gästehauses in parkähnlicher Umgebung bringen die Kursbesucher auch willkommene Beschäftigung in den klösterlichen Betrieb. «Viele Kursteilnehmer nehmen schöne Erinnerungen von diesem Ort mit nach Hause und kommen mit Freunden und Bekannten wieder», weiss Schwester Hildegard. Und ist überzeugt: «Die ganze Region profitiert von unserem Bildungshaus, das im landesweiten Bildungsangebot heute seinen festen Platz hat».

Jähes Ende einer Erfolgsgeschichte
Eva Kurmann von Weggis Vitznau Rigi Tourismus kann das bestätigen. «Das Bildungshaus mit seinem qualitativ sehr hochstehenden Angebot zieht sehr viele Besucher an. Die Kurse sind auch für die Einheimischen attraktiv und beliebt. Das Bildungshaus zählt zum festen Bestandteil des touristischen Angebotes von Weggis».

Diese Erfolgsgeschichte soll nun ein plötzliches Ende finden. Seit Monaten ist vorgesehen, dass die beiden bisherigen Bildungsleiter Schwester Hildebrand Willi und Pater Werner Hegglin – beide schon im reiferen Alter – ihre anspruchvolle Aufgabe per 31. Juli an Schwester Tamara Steiner übergeben. Diese, bereits seit 1985 im Kloster tätige Schwester, bringt mit ihrer grossen Erfahrung als Lehrbeauftragte die idealen Voraussetzungen mit und möchte das Bildungsangebot in der bisherigen Art weiterführen.

Doch offensichtlich haben zuweilen auch Klosterschwestern das Heu nicht auf der gleichen Bühne – bzw. auf demselben Klosterboden. «Unterschiedliche Vorstellungen zwischen der Generalleitung und Schwester Tamara führten zur Entscheidung, dass das Bildungshaus Hertenstein nicht unter der Leitung von Schwester Tamara Steiner weitergehen wird. Gleichzeitig hat die Generalleitung entschieden, ab Sommer 2013 kein eigenes Bildungsprogramm mehr herauszugeben», heisst es in einem Schreiben der Generaloberin des Klosters Baldegg, Schwester Zita Estermann. Kurz: Die Klosterleitung verzichtet auf die Weiterführung des bisherigen Bildungsangebotes in Hertenstein unter der Leitung von Schwester Tamara.

Klosterfrau mit Wirtepatent
Interessanter Nebenaspekt: Die Generaloberin amtiert erst seit Ende 2011 in Baldegg. Zuvor hatte sie das Kurhaus Oberwaid in St.Gallen geleitet. Für diese Aufgabe musste die Klosterschwester Zita Kurse in der Brauerei Schützengarten besuchen und das Wirtepatent erwerben. Hat diese weltliche Herausforderung womöglich das Verständnis für den kirchlichen Bildungsauftrag beeinträchtigt oder stehen marktwirtschaftliche Überlegungen dahinter? «Nein, finanzielle Überlegungen können nicht hinter dem Entscheid stehen, das Bildungsangebot zu streichen. Verluste hat unser Bildungsangebot bestimmt keine verursacht», sind die beiden noch bis Ende Juli amtierenden Bildungsleiter Schwester Hildegard Willi und Pater Werner Hegglin überzeugt. Der unerwartete Entscheid aus dem Mutterhaus und seine Plötzlichkeit schmerzt und verwirrt sie. Enttäuscht darüber, dass der unheilvolle Prozess, der zur Streichung «ihres» Bildungsangebotes geführt hat, ohne ihren Miteinbezug und frühzeitige Information stattfand, haben die beiden zu einer Medienkonferenz geladen.

Heftige Reaktionen
«Unser Bildungsangebot ist in den vergangenen 20 Jahren zum Grosserfolg geworden. Die Prospekte für die Kurse der zweiten Jahreshälfte unter Schwester Tamara sind schon gedruckt», sagen sie. Jetzt müssen sie 7000 Interessenten und Stammkunden über die Streichung des beliebten Angebotes informieren. „Etliche Stammkunden und Dozenten haben es schon mitbekommen. Wir erhalten zahlreiche Briefe, Mails und Telefonate aus dem In- und Ausland zu diesem Thema. Es herrscht allgemeine Betroffenheit und Unverständnis gegenüber dem Entscheid», berichtet Schwester Hildegard.

Die wahren Hintergründe des Debakels können die beiden abtretenden Bildungsleiter nur erahnen. «Es hat mit Auflagen gegenüber Schwester Tamara begonnen. Und im Laufe der Diskussionen haben sich die Sichtweisen der Beteiligten offensichtlich bis zum Stillstand verengt», fassen sie zusammen. Weil vor allem in kirchlichen Kreisen die Hoffnung zuletzt stirbt, haben die beiden noch nicht resigniert. «Die Beteiligten müssten sich irgendwie wieder öffnen», sagen sie. Und: «Nebst Schwester Tamara gäbe es noch andere, externe Persönlichkeiten, die unser Bildungsangebot weiter entwickeln und betreuen könnten. Über eine solche Aufgabe würden sich viele, die unser Bildungshaus kennen und schätzen, sehr freuen».