Rigi Anzeiger
Der Rigi Anzeiger ist die führende gratis Wochenzeitung für die Luzerner, Schwyzer und Zuger Regionen Rontal und Rigiland. Der Rigi Anzeiger erscheint seit über 50 Jahren in einem sehr interessanten Erscheinungsgebiet, einer WEMF-beglaubigte Auflage von 35 728 und wird jeden Freitag mit den regionalen News von der Post in alle Briefkästen im Einzugsgebiet verteilt.

Bye bye Bangkok!

«Ist das sauber hier», schiesst es mir seit einigen Tagen ab und an in Bussen, Treppenhäusern oder Restauranttoiletten durch den Kopf. Morgens müssen plötzlich wieder mehrere Schichten an Kleidern angezogen werden und dennoch friere ich auf dem Weg zur Arbeit und zur Schule.

Auf den Strassen sind kaum Roller zu sehen und das Treiben am Zürcher Hauptbahnhof erscheint mir gar nicht mehr hektisch. Dafür kostet ein Bahnticket für eine Strecke von einer Stunde so viel wie in Thailand ein Flug auf eine Ferieninsel. Beim Mittagessen in der Kantine kann ich zu meiner Freude verstehen, was die Dame hinter der Theke sagt. Überfällt mich auf dem Nachhauseweg vom Ausgang ein Heisshunger, kann dieser leider meistens nur durch Fast Food gestillt werden. All diese Situationen waren mir in den letzten fünfeinhalb Monaten während meines Austauschsemesters an der Mahidol-Universität in Bangkok fremd gewesen. Inzwischen hat das Abenteuer Thailand für mich geendet und ich bin wieder in der Schweiz angekommen.

Zurück in der Schweiz vermisse ich die in Thailand omnipräsenten kleinen Essensstände.

Zurück in der Schweiz vermisse ich die in Thailand omnipräsenten kleinen Essensstände.

Die Redewendung des «lachenden und weinenden Auges» hatte ich immer für ziemlich abgedroschen gehalten, und in der Vergangenheit hatte ich meine Gefühle bei einem Bruch oder einem Neustart in sämtlichen Lebensbereichen ziemlich deutlich beschreiben können. Als vor ich drei Jahren beispielsweise vom Austauschsemester in Mexiko zurückkam, vermisste ich das mexikanische Lebensgefühl, meine dortigen Freunde, die Tacos und das Klima. Am liebsten wäre ich nach einem kurzen Abstecher zu Hause wieder in das Land zurückgekehrt, in dem ich so viel erlebt hatte. Damals war aber auch noch ungewiss gewesen, wie meine berufliche Zukunft aussehen würde und für die damals anstehende Bachelor-Arbeit hatte ich auch noch kein Thema gefunden, das mich vom Hocker haute. Dieses Mal jedoch freute ich mich auf das Nachhausekommen, auf meine Familie und Freunde, auf meinen Job, den ich während des letzten halben Jahres dank Internet und flexiblen Mitarbeitern auch von Bangkok aus hatte ausüben können, auf den Abschluss des Masterstudiums im kommenden Sommer, auf die Fertigstellung der Masterarbeit über ein mich fesselndes Thema, auf Käse, Schokolade, Skifahren, zwei Konzerte und die Fasnacht. Die Zeit in Thailand war zweifellos sehr spannend und lehrreich gewesen und ich würde die Erfahrung auf keinen Fall missen wollen. Wenn ich an das leckere Essen denke, läuft mir noch immer das Wasser im Mund zusammen, und beim Betrachten der grauen Schneeüberreste auf den Schweizer Trottoirs vermisse ich das thailändische Klima. Als in einem Seminar der Hochschule Luzern ein Studienkollege einen Rüffel erhielt, weil er fünf Minuten zu spät gekommen war, erinnerte ich mich mit etwas Wehmut an meinen Lieblingsdozenten in Bangkok, der selbst diejenigen Studenten, die bis zu einer Stunde zu spät im Unterricht eintrudelten, noch mit einem warmen Lächeln begrüsst hatte.
Dennoch würde ich nicht dauerhaft in diesem Land leben wollen. Dies vor allem wegen der Arbeitsmentalität. In der Uni war Frontalunterricht weit verbreitet, ständig jammerten meine Klassenkameraden bei den Dozenten über die zu hohe Arbeitsbelastung und bei Gruppenarbeiten nahm automatisch die älteste Person der Gruppe die Führungsrolle ein – ungeachtet der Kenntnisse und Fähigkeiten der einzelnen Teammitglieder.
Kurz: Als Reiseland liebte ich Thailand, ich durfte dort einige unvergessliche Erlebnisse machen und möchte gerne nach Bangkok zurückkehren, aber auswandern werde ich wohl nicht dorthin – zumindest nicht, solange ich im arbeitsfähigen Alter bin, was immerhin noch rund 40 Jahren entspricht.

Stephanie Sigrist aus Risch absolvierte ein Austauschsemester in Bangkok und berichtete darüber regelmässig im Rigi Anzeiger. Mit dieser E-Mail verabschiedet sie sich von den Leserinnen und Lesern. Redaktion und Verlag des Rigi Anzeiger danken Stefanie Sigrist für die interessanten Berichte über ihren erlebnisreichen Aufenthalt in Bangkok.

Bangkok würde ich jederzeit wieder besuchen.

Bangkok würde ich jederzeit wieder besuchen.

Der Fluss Chao Phraya und der Tempel Wat Arun sind zwei der Markenzeichen der Stadt, in der ich eine tolle Zeit verbringen durfte.

Der Fluss Chao Phraya und der Tempel Wat Arun sind zwei der Markenzeichen der Stadt, in der ich eine tolle Zeit verbringen durfte.

Auf Ausflügen lernte ich die Vielfalt Thailands kennen, so auch die ehemalige thailändische Hauptstadt Ayutthaya.

Auf Ausflügen lernte ich die Vielfalt Thailands kennen, so auch die ehemalige thailändische Hauptstadt Ayutthaya.

 

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