Rigi Anzeiger
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Cityhopper

Cityhopper

Die Geschichte vom kleinen Osterhasen, der in der Stadt leben wollte


Osterhasen leben – wie alle Hasen auf der ganzen Welt – am liebsten auf dem Lande; da, wo es grüne Wiesen und weite Felder gibt und viele Karotten und Rüben. Das ist nämlich das, was Hasen am liebsten essen. Doch es gab einmal einen jungen Osterhasen, der wollte nicht länger auf dem Lande leben, der wollte in die Stadt ziehen. Dass es dort keine grossen Wiesen gibt, und keine weiten Felder mit Karotten und Rüben, das störte ihn nicht. Er wollte zu den Menschen und vor allem zu den Kindern, die in der Stadt wohnen. Und er wollte sie nicht nur an Ostern besuchen, sondern das ganze Jahr bei ihnen sein. Wie kam er nur auf die Idee, ein Stadt-Osterhase zu werden?

Als dieser Osterhase noch klein war, da hatte ihn sein Vater einmal zum Einkaufen in die Stadt mitgenommen. Das kam sehr selten vor. Osterhasen kaufen eigentlich nie in der Stadt ein. Aber an jenem Tag – kurz vor Ostern – war es sehr dringend. In Hasenhausen, dem Dorf der Hasen, waren die bunten Farben ausgegangen, die sie für die schön bemalten Ostereier brauchten.

Was war das für eine Aufregung! Man weiss ja, dass Osterhasen in der Zeit vor Ostern alle Pfoten voll zu tun haben. Zwischen Fasnacht und Ostern müssen die Hasen Tag und Nacht arbeiten um alle Menschen und Kinder mit hübsch bemalten Ostereiern verwöhnen zu können. Die Hasen hatten in ihren Häusern Tausende von Eiern, Hunderte von Bestellungen, aber keinen Tropfen Farbe mehr. Das war schlimm, denn unbemalte Eier will an Ostern niemand. Darum war eine grosse Aufregung unter den Hasen. Die alten Hasen sprachen von einer Katastrophe.

Dem Vater des kleinen Hasen war das ständige Gerede über die fehlenden Farben sehr peinlich, denn er ganz allein war verantwortlich für den Vorrat an Farben. Er schämte sich. Sein Leben lang war er immer sehr exakt und nie ist ihm ein Fehler passiert. Dass es ausgerechnet jetzt geschah, so kurz vor Ostern, das ging ihm sehr nah. Seine Frau versuchte ihn zu trösten. Sie sagte ihm immer wieder, es sei ja noch Zeit und das hätte jedem anderen Hasen auch passieren können. Aber Vater Osterhase war in seinem Stolz verletzt und liess sich nicht aufmuntern. Er war tagelang schlecht gelaunt, bis dann der Tag kam, als er mit seinem Sohn in die Stadt fuhr, um neue Farben zu holen. Vater Hase hatte sich einen ganz bestimmten Tag dafür ausgewählt.

So kam der kleine Hase zum ersten Mal in die Stadt. Auf der ganzen Fahrt mit der Eisenbahn, die durch viele Felder und Wälder, durch Dörfer und Weiler, an Seen und Bächen entlang führte, hat ihm sein Vater erklärt, dass man in der Stadt sehr gut aufpassen müsse. Da gebe es grosse Lastwagen und viele Autos und schnelle Motorräder, und Busse, und Taxis, und es sei sehr lärmig, und die Luft stinke, und man müsse ständig Angst haben, dass man überfahren werde. Auch die eilig gehenden Leute stiessen ständig gegeneinander, auf den Rolltreppen, auf den Gehsteigen, im Bahnhof, auf den Fussgängerstreifen, in den Warenhäusern – einfach überall. Es gebe für alle und alles zu wenig Platz, und die Menschen hätten für alles zu wenig Zeit. Der Vater erklärte auch, dass man die Strasse nur auf Zebrastreifen und nur bei Grün und keinesfalls bei Rot und auch nicht bei Gelb überqueren dürfe.

Der kleine Hase hat sich Vaters Worte geduldig angehört. Aber er konnte sich nicht richtig vorstellen, wovon sein Vater sprach. Denn er hatte ja noch nie zuvor ein Taxi, eine Rolltreppe, einen Zebrastreifen oder sonst etwas gesehen, was es in der Stadt gibt. Deshalb wartete er gespannt auf die Ankunft in der Stadt. Als der Zug im Bahnhof einfuhr sagte der Vater: «Wir sind da! Wir sind in der Stadt!» «Wie heisst die Stadt?» wollte der kleine Osterhase wissen. «Sie heisst Luzern», sagte der Vater und er er erklärte seinem Sohn einige Besonderheiten dieser Stadt.

Im Bahnhof waren viele Menschen, die bunt gekleidet und lustig geschminkt waren. Einige tanzten, andere sangen und wieder andere lachten laut. Mit offenem Mund stand der kleine Hase da und staunte. Das bunte Treiben gefiel ihm. Vom Glasdach des Bahnhofes hingen grosse Puppen und Tiere. Sie waren gleich bekleidet wie die Menschen unter ihnen. Von irgendwoher ertönten Pauken und Blasinstrumente – ziemlich falsch und doch irgendwie schön – eine Musik, die der kleine Hase noch nie gehört hatte. «Die Menschen in der Stadt sind lustig angezogen» sagte der kleine Hase zum Vater «und sie sind gar nicht so ernst, wie Du immer gesagt hast». Vater Osterhase räusperte sich. «Weisst Du, mein Sohn, jetzt ist für einige Tage Fasnacht in Luzern. Und an der Fasnacht kleiden sich viele Menschen ganz farbig und sie sind dann auch lustiger als sonst übers Jahr. Ich habe unsere Reise in die Stadt mit Absicht für die Fasnachtstage geplant, weil wir dann als Hasen nicht auffallen. Alle Menschen denken, wir seien verkleidet. Du wirst sehen, wir werden bestimmt noch andere Hasen sehen, solche, die verkleidet sind und keine echten Hasen wie wir.» Und tatsächlich, schon kurze Zeit später sah der kleine Hase eine ganze Hasenfamilie aus einem Zug steigen. Sie sahen wirklich so aus wie er und sein Vater.

Schliesslich zeigte Vater Osterhase seinem Sohn die Rolltreppen und die vielen Taxis, die vor dem Bahnhof warteten. Der kleine Hase sah den Menschen zu, wie sie ein Taxi bestiegen und wegfuhren. «Fahren wir auch mit dem Taxi?», fragte der kleine Hase seinen Vater. «Das kostet viel Geld», antwortete der und erklärte seinem Sohn, dass Taxis nur für Leute seien, die nicht gehen könnten, oder zu bequem seien, oder Angst vor dem Regen oder schweres Gepäck zu tragen hätten oder für Fremde, die sich nicht auskennen. «Muss man für die Rolltreppen auch bezahlen?», wollte der kleine Hase wissen. «Nein, natürlich nicht», belehrte ihn sein Vater. «Rolltreppen sind gratis. Wir fahren jetzt auf einer Rolltreppe nach unten und später auf einer anderen wieder hinauf. «Pass gut auf deine Pfoten auf, du darfst sie niemals auf den Spalt zwischen den Stufen setzen», ermahnte der Vater seinen Sohn. Der schaute zuerst eine Weile aufmerksam den Menschen zu und als er sah, dass auch Kinder und sogar Hunde ohne Angst die Rolltreppe benutzten, da wagte er es auch. Unten angekommen war er so begeistert, dass er seinen Vater darum bat, ganz allein noch einmal hinauf und nochmals hinunter fahren zu dürfen. Der Vater erlaubte es ihm.

Einige Minuten später erreichten sie eine breite Strasse, die vor dem Bahnhof vorbeiführte. Der Vater erklärte dem kleinen Osterhasen nun noch einmal, wozu die gelben Streifen auf der Strasse da seien und wozu die roten, gelben und grünen Ampeln. Der kleine Osterhase gab sich Mühe, alles zu verstehen, denn er wollte bei seinem ersten Besuch in der Stadt von Anfang an alles richtig machen. Sie kamen an vielen hohen Häusern mit grossen Schaufenstern vorbei. In den Auslagen waren hellbraune, dunkelbraune und weisse Osterhasen aus Schokolade zu sehen und gelbe Küken und bunte Ostereier. «Diese Eier sehen ja aus wie unsere», sagte der kleine Hase zu seinem Vater. Der nickte, schaute seinen Sohn ganz besonders lieb an und sagte dann: «Das sind auch unsere.» Bei einem Schaufenster, in welchem ein grosses Flugzeug stand, blieb der kleine Hase wie festgewachsen stehen. Er staunte mit grossen Augen durch das grosse Glas, denn er hatte noch nie in seinem Leben ein Flugzeug von so nah gesehen. Während er sich im Schaufenster umsah, blieben seine Augen an einem Plakat hängen, auf dem in grossen Buchstaben zu lesen stand: «Cityhopper – Städteflüge». «Was heisst Cityhopper?» wollte der kleine Hase vom Vater wissen. Der legte seine Stirn in Falten, studierte ein bisschen und sagte dann: «Es ist Englisch; City heisst Stadt und Hopper heisst Hüpfer. Es heisst also Stadthüpfer. Da musste der kleine Hase laut lachen. Der Name hat ihn sehr belustigt. Kichernd sagte er zu seinem Vater: «Ich will von nun an Cityhopper heissen. Der Name passt zu mir.» Er hüpfte in den Laden und nahm sich einen Reiseprospekt, damit er zu Hause allen zeigen könne, wie man seinen neuen Namen richtig schreibt.

Als sie weiter durch die Stadt gingen, wurde der kleine Hase – der sich nun Cityhopper nannte – von einem fröhlich lärmenden Kind überholt, das auf einem Brett mit vier Rädern schnell an ihm vorbei sauste. Cityhopper staunte dem Kind lange nach. Er fragte seinen Vater, ob er ihm auch so ein Brett machen könne. «Das kann ich wohl», sagte dieser «aber auf unseren holprigen Feldwegen kann man damit nicht fahren.» Cityhopper war danach lange ruhig und nachdenklich. In seinem Kopf ging etwas Wichtiges vor. Er begann sich auszudenken, dass das Leben in der Stadt viel lustiger, fröhlicher und unterhaltsamer sei als auf dem Lande. Hier sei alles so aufregend und es gebe so viel zu sehen und zu tun, dachte er. In diesem Moment entschloss er sich, später einmal ein Stadt-Osterhase, ein Stadt-Hüpfer, ein Cityhopper, zu werden. Mit seinem Vater, der ebenso stumm neben ihm her ging, sprach er kein Wort über seine Gedanken. Cityhopper hatte nun ein Geheimnis.

Sie gingen noch eine Weile durch breite Strassen und kamen an vielen weiteren Schaufenstern und an immer neuen, lustig gekleideten Menschen vorbei. Und dann, auf einem kleinen Platz, wo viele Bäume standen, kamen sie zu dem Geschäft, wo Vater Osterhase die von ihm bestellten Farben abholen wollte. Der Mann im Laden kannte Vater Osterhase noch von früheren Besuchen und war sehr nett. Es begann ein langes Gespräch mit vielen komplizierten Wörtern. Eines Tages, dachte er sich, werde ich das alles auch verstehen.

Nach ein paar Jahren verstand Cityhopper die Gespräche der Männer. Und wenn er etwas nicht verstand, dann fragte er seinen Vater, seine Mutter oder einen alten Hasen. So begann Cityhopper alles über das Handwerk der Osterhasen zu lernen und zu begreifen. Er lernte Farben herzustellen, diese zu mischen und wie man aus Hasenpelzen feinste Pinsel machen kann. Er lernte Muster und Motive kennen, die auf die Ostereier gemalt werden. Und er lernte auch, wie man sich selbst und die Ostereier vor den neugierigen Kindern versteckt. Die ältesten Hasen im Dorf, die alles, was sie sagten, sehr wichtig nahmen, waren sehr zufrieden mit Cityhopper. Und dann kam die Zeit, wo das Lernen für Cityhopper zu Ende war weil er schon alles wusste, was man in seinem Dorf lernen konnte.

Als wieder einmal das ganze Dorf Hasenhausen versammelt war, stand Cityhopper auf, ging in die Mitte, und verkündete allen, dass er bald in die Stadt ziehen und dort als Stadt-Osterhase leben wolle. Alle Hasen schauten sich verdutzt an, Männer, Frauen und Kinder. Sie wussten nicht, was sie sagen sollten. Denn seit es Osterhasen gibt, hat man noch nie so etwas gehört und schon gar nicht von einem so jungen Hasen. Freiwillig hat noch nie ein Osterhase sein Dorf verlassen.

Die im Kreis um Cityhopper herum sitzenden Hasen sagten kein Wort. Nur leises Flüstern, Tuscheln und Murmeln war zu hören. Bis endlich der älteste Osterhase sich an den Vater von Cityhopper wandte und sagte: «Du, du musst Dich dazu äussern. Es ist dein Sohn der da steht.» Der Vater hatte es nicht eilig aufzustehen, denn er wollte sich gut überlegen, was er der Versammlung antworten sollte. Schliesslich stellte er sich hinter seinen Sohn hin, legte diesem beide Hände auf die Schulter und sprach ihn so an, dass es alle gut hören konnten: «Weisst Du, mein Sohn, ich habe es so kommen sehen. Als wir vor sieben Jahren miteinander in der Stadt waren, hatte ich eine Vorahnung. Und dass du dir damals den Namen Cityhopper ausgewählt hast, das bestärkte meine Vermutung. Später habe ich an deinem Lerneifer und an deinem Fleiss gemerkt, dass du etwas Besonderes werden willst. Als dein Vater sage ich dir heute: du bist etwas Besonderes geworden. Bevor ich dir aber erlaube, in die Stadt zu ziehen, musst du mir drei Gründe nennen, warum du in der Stadt leben willst. Ich will mir dann deine Antworten überlegen und mich mit den alten Hasen besprechen. Erst dann werde ich mich entscheiden. Das soll aber hier und heute geschehen.»

Cityhopper’s Vater hatte seine Worte so rührend gesprochen, dass viele Frauen sich Tränen aus den Augen wischen mussten. Als Cityhopper sich hin setzte um sich seine Antwort zu überlegen, kam wieder Leben in die Runde. Einige Hasen – vor allem Frauen und Kinder – stürmten auf Cityhopper zu und stellten ihm viele Fragen. Sein Vater schickte sie zurück, «weil Cityhopper jetzt Ruhe zum Nachdenken brauche», sagte er. Aber Cityhopper musste nicht lange überlegen, denn das hatte er schon seit Wochen getan. Deshalb stand er schon nach kurzer Zeit auf, richtete den Blick auf seinen Vater und begann zu sprechen: «Vater, ich habe in der Stadt Ostereier gesehen, die nicht so schön sind wie unsere. Ich habe in der Stadt gehört, dass viele Menschen nicht wissen, woher die Ostereier kommen und dass viele Kinder die Ostereier nicht mehr suchen müssen, weil sie auf dem Küchen- oder Wohnzimmertisch oder im Kühlschrank stehen. Das will ich ändern. Ich will ein Botschafter der Osterhasen sein und unsere Traditionen und Handwerkskünste in der Stadt neu beleben.»

Nachdem Cityhopper seine Antworten vorgetragen hatte war es lange still in der Runde. Alle waren tief beeindruckt von Cityhoppers Erklärung. Am meisten beeindruckt waren die alten Hasen, die sich – mit Falten in der Stirn – lange anschauten. Nach einer Weile zogen sie sich mit Cityhoppers Vater zur Beratung zurück. Sie hockten sich etwas abseits hin und streckten die Köpfe zusammen. Nach einer Viertelstunde standen die Männer auf und kamen zu den Dorfbewohnern zurück und stellten sich vor ihnen auf.

Der älteste Hase kratzte sich lange in seinem weissen Bart bevor er mit feierlichen Worten in die Runde sprach: «Liebe Häsinnen und Hasen. Wir haben die Argumente von Cityhopper und unsere Befürchtungen gegeneinander abgewogen und sind zur Einsicht gekommen, dass wir Cityhopper ziehen lassen wollen. Wir wünschen ihm viel Glück bei seiner Aufgabe. Wenn er in der Stadt Probleme haben sollte, kann er ja wieder zu uns zurück kommen.» Den Schluss der Rede haben die meisten nicht mehr mitbekommen, denn sie scharten sich alle um Cityhopper und feierten ihn wie einen Popstar.

Als Weihnachten und Neujahr längst vorbei und in Luzern gerade wieder Fasnacht war, da machte sich Cityhopper auf den Weg in die Stadt. Das ganze Dorf war auf den Beinen um ihn zu verabschieden. Viele steckten noch etwas in seinen Bündel den er an einem langen Stecken auf der Schulter trug. Alle winkten und lärmten. Cityhopper winkte lange zurück, bis er im Wald verschwand.

*****

Cityhopper hatte einen Zug am späten Nachmittag gewählt, damit es dunkel sei, wenn er in Luzern ankomme. Seine Gedanken sprangen wild hin und her, zwischen seinem alten und seinem neuen Zuhause, von dem er noch nichts wusste, ausser dass es beim Bahnhof liegen sollte. Cityhopper hat sich schon seit Monaten überlegt, wie er in der Stadt herumreisen wolle. Eines nachts kam ihm die Idee, dass er mit dem Zug reisen könnte, mit Güterzügen, wo ihn kein Mensch entdecken würde. Weil die meist sehr langsam fahren, könnte er unterwegs auch mal auf- oder abspringen. Deshalb wollte er sein Zuhause im Güterbahnhof einrichten. Als Cityhopper in der Stadt ankam war ein wilder Lärm von Guggenmusik und es herrschte ein grosses Gedränge und Gewühl im Bahnhof. Ihm war’s Recht, denn so fiel er nicht auf, als er sich zwischen den Hunderten von farbigen Bein- und Strassenkleidern hindurch mogelte, um schliesslich am Ende des Bahnhofes im Dunkel der Nacht zu verschwinden.

Ein sicheres Lager, zumindest für diese erste Nacht, das war für ihn nun das Wichtigste. Zwischen zwei Geleisen hockte er sich hin und prägte sich die Umgebung ein, damit er sich später ohne langes Suchen wieder zurechtfinden würde. Er merkte sich die Nummern der Bahnsteige, die Auf- und Niedergänge, die Unter- und Überführung, die Bahnhofuhren, die Lichtreklamen, einfach alles, wonach er sich orientieren konnte. Das alles hat er sich schon Monate vorher durch den Kopf gehen lassen, so lange, bis er genau wusste, worauf er Acht geben müsse.
Nach einer Weile hüpfte Cityhopper weiter. Schnell hatte er einige Geleise übersprungen, sah dabei wie einige Männer schwere Postsäcke in einen Bahnwagen warfen, wie andere Männer Funken werfend an einer Weiche arbeiteten und wie ein Bahnarbeiter laute Anweisungen für das Rangieren gab.

«Wenn ich Glück habe», hat er sich immer wieder gesagt, «dann finde ich einen Ort, wo ich nicht nur schlafen, sondern auch arbeiten kann.» Nach so was hielt er nun Ausschau. Schon fast beim letzten der vielen Geleise angelangt, erreichte er einen alten Güterschuppen mit langen Verladerampen, Dutzenden von Türen und vielen kleinen Fenstern. Da wusste der Hase, hier muss es sein. In vielen Fenstern waren die Scheiben eingeschlagen oder gar nicht mehr da, so dass es ihm leicht fiel, einen Einstieg zu finden. Schon nach wenigen Metern wurde er fündig. Weil hinter dem Loch im Fenster grosse Kartons standen, konnte er erst auf diese und von da auf andere und schliesslich auf den Boden hinunter springen. Er sah sich im Raum um. Der dicke Staub, der auf allem lag verriet ihm, dass hier seit Monaten niemand gewesen war. «Das ist gut», sagte sich Cityhopper. In einer Ecke fand er einen Stapel Kartons auf dem er sich sein erstes Schlaflager einrichtete – mit dem Kopfkissen, das er als einzige Erinnerung von zu Hause mitgenommen hatte.

Weil er ziemlich aufgeregt und noch nicht richtig müde war, ging er wieder nach Draussen. Er übte nochmals den Katzengang, den er schon im Hasendorf trainiert hatte. Mit diesem Trick schlich Cityhopper in der neuen Umgebung herum, die langen Ohren nah an den Körper gezogen, dass man sie nicht mehr sehen konnte. Das Gleiche tat er mit den Beinen. So wurde er im Dunkeln für eine Katze gehalten.

«Oh Schreck! Ich werde beobachtet!», musste Cityhopper nach einer Weile voller Angst erkennen. Zwei Augenpaare waren so auf ihn gerichtet, dass er ihr Funkeln sehen konnte. Er richtete seinen Blick auf die Augenpaare, die nahe beieinander waren, als gehörten sie einem vieräugigen Wesen. Hasen sehen gut in der Nacht. Er sah, dass die Augen zu zwei Katzen gehörten, die unter einem Güterwagen hockten. Fehlalarm also. Katzen tun Hasen nichts an und umgekehrt auch. Das wusste er. Was er nicht wusste und was er sich immer wieder fragte war, wozu Katzen eigentlich gut seien. Nach dem Streifzug in der neuen Umgebung kroch er müde und zufrieden in seine provisorische Unterkunft, legte sich auf sein geliebtes Kopfkissen und träumte schon bald schöne Träume.

Früh am Morgen wurde er von furchtbarem Krach geweckt. Da war ein Rasseln, Quitschen, Pfeifen und Puffen, als kämen Panzer angefahren. Cityhopper ging ans Fenster und spähte hinaus. Die kalte Morgenluft schnitt ihm ins Gesicht. Viel war da nicht zu sehen, ausser dass Güterwagen führerlos aneinander prallten, dann von Männern zusammengehakt und schliesslich von einer laut brummenden Lokomotive weggezogen wurden, immer und immer wieder. Cityhopper legte sich wieder hin und versuchte nochmals einzuschlafen. Es ging nicht. Also richtete er sich auf und begann, Pläne für den neuen Tag zu schmieden.

Als Erstes wollte er sein neues Zuhause einrichten. Mit den ersten Sonnenstrahlen, die seinen Unterschlupf erhellten, musste er einsehen, in was für eine Bruchbude er da geraten war. Überall war Staub und Spinnweben hingen von Balken und Brettern, die meisten voll von toten Fliegen, Mücken und anderem Getier. Das störte ihn nicht besonders, denn das kannte er von den Lagerschuppen zu Hause. Er machte sich daran, den Raum zu erkunden. Auf beiden Längsseiten waren Fenster. Nur eine einzige Scheibe war kaputt, jene, wo er eingestiegen war. In einer Ecke entdeckte er ein altes Lavabo. Er war richtig fröhlich, als er seinen Rundgang beendet hatte, denn was wollte er noch mehr. Ein trockenes Zuhause mit Bahnanschluss, mit Morgen- und Abendsonne und fliessendem Wasser. «Zu Hause müssen alle das Wasser vom Brunnen holen», dachte er sich. Aus den grossen Kartons formte er verschiedene Räume: Eine Küche, ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, ein Arbeitszimmer, ein Atelier und ein Gästezimmer. «Wenn das die Menschen im Dorf sehen könnten, wie feudal ich hier eingerichtet bin», sagte er zu sich, als er mit der Einrichtung fertig war. Dann legte er sich auf sein neues Lager, das nun schon wie ein richtiges Bett aussah. Er träumte in den Tag hinein und schlief ein. Als er wieder erwachte, war es fast dunkel. Ganz dunkel wurde es in seinem neuen Zuhause nie, denn das Licht der Gleisanlagen und der Lichtreklamen erhellten seine Wohnung in vielen bunten Farben.

Da! Was war das? Cityhopper hörte Hundegebell, das nicht nur von einem Hund stammen konnte. Das Gebell kam näher, immer näher. Vor Hunden hatte er grosse Angst. Cityhopper schlich ans Fenster und spähte in die Richtung, aus der das Gebell kam. Er sah Männer, die mit dem Strahl ihrer grellen Taschenlampen das Dunkel durchkämmten und er sah die Hunde, die heftig an den langen Leinen zerrten, als hätten sie nur eines im Sinn, Cityhopper zu zerfleischen. Er hatte grosse Angst. Er traute weder den Männern, noch den Leinen und am wenigsten den Hunden. Er wusste zwar, dass er hier keine Angst haben musste, denn das Loch im Fenster war zu klein für ihre Körper. Aber wenn die Männer nach ihm suchen würden und er entdeckt würde? Die Hunde zogen ihre uniformierten Begleiter bis zum Fenster, wo Cityhopper sass und zitterte. Sie kamen so nah, dass Cityhopper ihr Schnauben hören konnte. Er ging in Deckung und sah von dort, wie ein Hund seine Schnauze durchs Loch im Glas streckte. Dabei muss er sich verletzt haben, denn laut winselnd zog er sich zurück. Ein Mann schaute durchs Loch, leuchtete mit der Taschenlampe den Raum ab, und brüllte dann: «Weiter, hier ist nichts!» Cityhopper atmete tief durch und erst nach einigen Minuten liess sein Zittern nach. Noch lange war er aufgewühlt und fand wieder kaum Schlaf.

Am nächsten Morgen wurde Cityhopper von der Sonne geweckt, die mit ihrem hellen Licht einen wunderschönen Tag ankündigte. «Warum nehme ich mir nicht mal einen Tag frei?», fragte sich Cityhopper und machte sich daran, einen Ausflug zu unternehmen. Schnell war er reisefertig und kroch aus dem Fenster, ging auf einen roten Zug zu, an dem gerade gearbeitet wurde, und sprang unter einem Wagen aufs Drehgestell. Bald setzte sich der Zug in Bewegung und Cityhopper war so fröhlich wie auf seiner ersten Schulreise. Von seinem Liegeplatz aus konnte er die vorbeiziehenden Häuser und Menschen sehen, die Landschaft geniessen und sich als Weltenbummler fühlen. Er kam an Horw vorbei, an Hergiswil, an Stans, an Wolfenschiessen, Grafenort und am Ende seiner Reise war er in Engelberg. Er sprang von seinem luftigen Platz hinunter aufs Geleise und hoppelte zurück in Richtung eines kleinen Sees, den er im Vorbeifahren entdeckt hatte. Dort legte er sich hin und genoss die Sonne, die Berge, die Ruhe und seinen freien Tag. Als die Sonne sich einige Stunden später hinter den hohen Bergen versteckte und es kühler wurde, hoppelte er wieder dem Bahnhof entgegen. Wieder versteckte er sich unter einem roten Zug, der ihn nach Luzern, bis vor sein Zuhause fuhr.

Als die Dämmerung über die Stadt kam, spazierte Cityhopper an den See hinunter, in einen grossen Park. Nach einer Weile bemerkte er auf einer Ufermauer eine schneeweisse Katze, die sich genüsslich pflegte. Sie lag lang ausgestreckt da und genoss die Wärme, die noch im Stein war. Eine so schöne Katze hatte Cityhopper noch nie gesehen. Unter einer Sitzbank versteckt schaute er ihr zu, wie sie ihren üppigen Pelz schleckte, mit den Pfoten über ihr Gesicht strich, als würde sie ihr Make-up wegputzen. Dabei hielt sie ihre Augen fest geschlossen. Das gab Cityhopper den Mut, sich ihr zu nähern. Als er nur noch wenige Schritte von ihr entfernt war, stand er wie vom Blitz getroffen still. Die Katze hatte ihn entdeckt!

Sie lag immer noch ganz entspannt, hielt den Kopf aber nun aufrecht und sah Cityhopper mit ihren grossen blauen Augen an. Die waren wie geschminkt. Cityhopper stand einfach da und konnte sich nicht mehr bewegen. Er sah in diese wunderschönen Augen, die ihn ganz lieb anschauten. Die Katze strahlte Zufriedenheit und Gelassenheit aus. Eine Pfote hielt sie in der Luft. Für Cityhopper sah das so aus, als würde sie ihm zuwinken. Als sie noch ein liebliches «Miau» in die Abendluft flötete, da schoss Cityhopper Mut und Kraft ein und er hoppelte, so schön er nur konnte, zur Katze hin.

«Wer bist du?» fragte die Kätzin. «Ich bin Cityhopper, der Luzerner Stadt-Osterhase». «Aber jetzt ist ja nicht Ostern?», meinte da die Katzendame. «Aber bald», antwortete Cityhopper.«Ich bin der einzige Stadt-Osterhase auf der ganzen Welt», prahlte Cityhopper. «Und wer bist du?», wollte er nun von der Katze wissen. «Ich wohne hier am See, bei reichen Leuten, in einer grossen Attikawohnung mit einer grossen Terrasse und mit vielen Perserteppichen», plagierte die Kätzin. «Sind Perserteppiche aus Perserkatzen gemacht?», fragte Cityhopper. Die Kätzin musste lachen. «Was denkst denn du?», lachte sie weiter. «Die heissen so, weil sie aus Persien kommen.» «Aha» konnte da Cityhopper nur sagen. Er tat so, als wüsste er, wo Persien ist. «Ich bin eine Angora-Katze und heisse Minou», erklärte die Katzendame. Cityhopper überlegte eine Weile. Dann schoss es aus ihm heraus: «Angora, das ist doch eine Hasenart!. Minou, vielleicht sind wir ja verwandt miteinander?», rief er ganz aufgeregt Minou zu, die immer noch in einer fotogenen Stellung verharrte. Sie reagierte nicht auf Cityhoppers Bemerkung. «Erzähl mir doch bitte etwas von dir und deiner Familie. Setz dich hier neben mich», bat Minou so höflich, dass man merkte, dass sie aus gutem Hause war. Wenn Hasen erröten könnten, hätte man es jetzt sehen können. Mit Herzklopfen setzte sich Cityhopper neben Minou und erzählte von seinem Dorf, von seinen Eltern, seinen Freunden und Freundinnen, seiner Reise mit dem Vater in die Stadt, von seinem neuen Zuhause, von seinen Ängsten mit den Spürhunden und seinem Ausflug nach Engelberg. Er erzählte alles sehr ausführlich und bemerkte lange nicht, dass Minou ihren Kopf in seinen Schoss gelegt hatte und zufrieden schnurrte. Erst als er mit seinem Vortrag zu Ende war, nahm er dies wahr. Er war zufrieden und glücklich und vom Wunsch erfüllt, dass Minou seine liebste Freundin werden sollte.

Im fahlen Morgenlicht, das von der Rigi her kam, entdeckte Cityhopper, dass Minou aufgewacht war. Der Morgengesang der Vögel hatte sie geweckt. Als sie sich reckte und streckte erwachte auch Cityhopper aus seiner Versunkenheit. Beide schmiegten sich aneinander und strahlten sich an. «Weisst du», sagte Minou, «das war meine erste Nacht ausser Haus». Und Cityhopper konterte: «Weisst du, das war meine erste Nacht mit einer fremden Dame.» Da mussten beide lachen. Cityhopper begleitete Minou zu ihrem Haus. Dort verabredeten sie ein Wiedersehen, in einer Woche, am gleichen Ort. Dann trennten sie sich. Cityhopper war so durcheinander, dass er auf dem Nachhauseweg beinahe unter ein Auto geraten wäre.

Zu Hause, entspannt in seinem Bett, musste Cityhopper immer wieder an Minou denken. Er arbeitete zwar fleissig an neuen Ostereier-Mustern, probierte neue Farben aus und studierte den Stadtplan. Aber all die Tage hatte Cityhopper nur das eine Ziel vor Augen: Minou wieder zu sehen. Als der nächste Rendezvous-Termin kam, war Cityhopper gut vorbereitet. In aufgestellter Stimmung begab er sich zum Treffpunkt. Er war als Erster da und wartete. Er wartete lange, aber Minou kam nicht. Es war längst dunkel, doch Minou erschien nicht. Cityhopper wusste nicht, was er davon halten sollte. Nach zwei Stunden ging er mit hängendem Kopf nach Hause. Was hatte er nur falsch gemacht, dass Minou nicht zum Treffen kam? «Vielleicht hat sie es vergessen. Ich gehe morgen wieder hin», beschloss er.

Das Einschlafen fiel ihm schwer. Am nächsten Morgen begab er sich in die Wohngegend von Minou. Vor ihrem Haus standen zwei grosse Möbelwagen. Auf beiden stand «Internationale Umzüge». Starke Männer beluden die Autos mit grossen, teuren Möbeln. Und dann folgten lange Teppichrollen, so schwer, dass drei Männer sie tragen mussten. Cityhopper erschrak. Wenn das Perserteppiche sind, dann weiss ich, warum Minou nicht kam. Er hatte ein ungutes Gefühl. Cityhopper war sofort klar, was das zu bedeuten hatte. In diesem Moment kam eine elegant gekleidete Frau mit einer Katzenkiste aus dem Hauseingang. Sie stellte diese auf den Boden und gab einem Mann Anweisungen. Der Mann liess die Kiste neben dem Lastwagen stehen und ging mit der Frau ins Haus. Schnell hüpfte Cityhopper in ein Gebüsch, ganz nah bei der Katzenkiste, hinter deren Gitter er Minou erkennen konnte. Sie machte ein trauriges Gesicht und als sie Cityhopper erkannte, fing sie an zu weinen. «Du musst nicht weinen, ich komme dich besuchen, egal wo du hingehst», versuchte Cityhopper sie zu trösten. «Das geht nicht», schluchzte Minou, «wir fahren übers Meer, nach England.» Da wusste Cityhopper keinen Rat mehr. Bevor er selbst zu Weinen begann, zupfte er schnell ein Blümchen aus dem Rasen, stiess dieses durch das Gitter zu Minou und flüsterte: «Es war schön mit dir, ich hab dich ganz fest lieb, und ich werde immer an dich denken.» Dann hoppelte er schnell davon.

Nach einem traurigen Tag und einer Nacht voller Trauer dachte Cityhopper erstmals wieder an seine Aufgabe, ein Stadt-Osterhase zu sein. Er wollte als Erstes die Stadt besser kennen lernen. Das tat er jeweils in der Nacht, als blinder Passagier, mit Güterzügen, die vor seiner Wohnung zusammen gestellt wurden. Eines nachts hat er einen falschen Zug erwischt, der ohne Halt und in hohem Tempo bis an die italienische Grenze fuhr. Es wäre ihm nie möglich gewesen, unterwegs abzuspringen ohne sein Leben zu riskieren. Nun brauchte er viel Glück um wieder nach Hause zu kommen. Er hatte Glück. Auf dem grossen Güterbahnhof im Tessin entdeckte er einen Gemüse-Transporter mit Luzerner Nummernschildern. Dort sass er auf, ritt mit, knabberte unterwegs ein paar Rüben und kam schliesslich am frühen Morgen in Luzern an. Bei einem Rotlicht am Bahnhof sprang er ab und hoppelte müde und vor Kälte zitternd über die Geleise zu seinem Heim.

Was er dort sah, liess ihn zusammenfahren. Arbeiter waren damit beschäftigt die Fenster von seiner Wohnung zu entfernen und die Möblierung hinaus zu tragen. Am Ende des Güterschuppens machte ein Bagger alles kurz und klein. Das war zu viel für Cityhopper. Er hockte sich hin und verwünschte die Stadt und die ganze Welt. «Wo soll ich nun wohnen», fragte er sich. «Womit habe ich das verdient?» Er war wütend und traurig zugleich. Es ging nicht lange, da beschloss er, den Wunschtraum vom Stadt-Osterhasen aufzugeben. Der ständige Lärm im Güterbahnhof, das Erlebnis mit den Spürhunden, der tragische Abschied von Minou, die gefährlichen Autos und noch einiges mehr, waren zu viel für ihn. Es kam Heimweh in ihm auf, Heimweh nach seinem ruhigen Dorf mit seinen Leuten.

Nur ein paar Wochen nach seinem Einzug in die Stadt fuhr Cityhopper zurück in sein Dorf, wo er von der gleich grossen Menschenmenge empfangen wurde, die ihn verabschiedet hatte. Es flossen wieder Tränen, aber diesmal Freudentränen. Auf der Wiese, wo er verabschiedet worden war, stand ein übergrosses und bunt bemaltes Osterei aus Gips. Obendrauf thronte die Figur von Cityhopper. Unten war ein Schild angebracht: «Zur Erinnerung an Cityhopper, dem ersten Stadt-Osterhasen der Welt». Seine Rückkehr nach Hasenhausen war für ihn eine grosse Erleichterung, aber auch anstrengend. Allen Hasen und Häsinnen, denen er begegnete, musste er Fragen beantworten. Und in der Dorfschule musste Cityhopper den Kindern von seinen Abenteuern erzählen.

Für den Samstagabend wurde ein grosses Dorffest angekündigt. Die Rückkehr von Cityhopper sollte gefeiert werden. Die Kinder malten Zeichnungen, der Turnverein übte ein artistisches Programm ein, der Musikverein probte einen Walzer, die Männer zimmerten eine Arena und die Frauen bereiteten ein Festmahl. Cityhopper hat sich an jenem Tag in die Dachkammer seines Elternhauses zurückgezogen. Er hatte gemischte Gefühle. Einerseits freute er sich über den guten Ausgang seines Abenteuers, andererseits fand er den Spektakel um seine Person übertrieben. Er sass am Fenster und schaute den Menschen zu, die sein Fest vorbereiteten. Seine Gedanken sprangen hin und her zwischen Vergangenem und Gegenwart.  Da, plötzlich, sah er eine weisse Häsin in die Arena spazieren. «Minou?», schoss es ihm in den Kopf. «Aber nein, das da unten ist ja keine Katze», fiel ihm ein.

«Komm herunter, Cityhopper, es ist Zeit», hörte er seine Mutter aus der Küche rufen. Er stieg zu ihr hinunter, schnappte sich ein paar Löffel einer wunderbar duftenden Karottensuppe aus einem grossen Topf und schritt dann zur Arena, wo ihm inmitten der alten Hasen ein Ehrenplatz zugewiesen wurde. Cityhopper war es peinlich, weil die Blicke von vielen Hundert Häsinnen und Hasen auf ihn gerichtet waren. Unter ihnen sass die weisse Häsin, die er aus dem Fenster entdeckt hatte. Hie und da blickte auch sie zu ihm hinüber. Es wurden viele Reden gehalten und die Dorfvereine zeigten ihre Darbietungen. Cityhopper war nicht richtig bei der Sache. Erst als die Tanzkapelle sich formierte und der dorfälteste Hase Cityhopper zum Tanz aufforderte, war er plötzlich hell wach.

Er stand auf, durchschritt die Arena, ging geradewegs auf die weisse Häsin zu, machte eine Verbeugung und fragte sie: «Darf ich um den ersten Tanz bitten?» Sie sagte weder ja noch nein, sondern stand einfach auf und liess sich an Cityhoppers Pfote zur Mitte der Arena führen. Dann spielte die Kapelle den eigens für dieses Fest komponierten Walzer «Cityhopper». Das Publikum klatschte, pfiff und tobte. Es war begeistert. Denn immer bei den zwei kurzen Takten hüpften die beiden von einer Pfote zur anderen. Das sah sehr lustig aus. Als der Tanz zu Ende war ging ein langer Applaus durch die Arena. «Willst du mich zu meinem Platz begleiten?», fragte Cityhopper seine Tanzpartnerin. Sie sagte wieder nicht ja oder nein, sondern: ja, gerne. Während das ganze Hasenvolk tanzte, sich an langen Tischen verköstigte und das Fest genoss, sassen Cityhopper und dir weisse Häsin immer noch auf dem Ehrenplatz und plauderten und lachten. Irgendwann fragte Cityhopper die Schöne neben ihm: «Wie heisst du eigentlich?» «Ich heisse Bianca, das heisst die Weisse», flüsterte sie. «Ja, das passt zu dir», sagte Cityhopper und schaute lange in ihre wunderschönen blauen Augen. «Und dein Name passt auch zu dir», erwiderte die Häsin. Dann fragte Bianca ganz schüchtern: «Wirst du nun für immer hier in Hasenhausen bleiben?» «Cityhopper überlegte und anwortete: «So lange du, Bianca, hier in Hasenhausen sein willst, so lange will auch ich hier sein.» Als das Fest längst zu Ende war, sassen Cityhopper und Bianca – ganz allein – noch immer in der Arena. Sie hatten sich so viel zu erzählen. Irgendwann sind sie dann nebeneinander eingeschlafen. Am nächsten Morgen wurden sie von lärmenden Kindern geweckt. Diese skandierten immer wieder lauthals: Cityhopper und Bianca, Cityhopper und Bianca, Cityhopper und Bianca …

Copyright: Felix von Wartburg, Luzern, 7. November 2013

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