Rigi Anzeiger
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Das «Dörfli» vom Unwetter schwer gezeichnet

Dierikon: Der Ortskern «Dörfli» ist ein schützenswertes Ortsbild von nationaler Bedeutung, seit Sonntagabend aber – als Folgen eines heftigen Gewitters – ein Schauplatz grossflächiger Verwüstung.

Das Gewitter zog kurz nach 20 Uhr von Sörenberg und Luzern her kommend über Adligenswil, Udligenswil und Dierikon. Während rund einer Stunde goss es wie aus Kübeln. Blitze erhellten im Sekundentakt die Dämmerung, Die Windböen in der schwülwarmen Luft erreichten Sturmstärke. Obstbäume wurden umgerissen, Wiesen, Strassen, Gärten und Keller überflutet. Am Montagvormittag berichtete die Kantonspolizei von 165 Schadensmeldungen zwischen 19.30 und 23.30 Uhr. 132 davon betrafen in Gebäude eingedrungenes Wasser. Am schlimmsten traf es das Götzental und als Folge davon Dierikon. Die Wassermassen, die das Wiesland beidseits der Götzentalstrasse und diese selbst grossflächig überfluteten, flossen nach Dierikon hinunter ab. Die Rigistrasse (30 km/h) wurde zum Wildbach mit viel Geschiebe. Die Bäckerei Brunner an ihrem Fusse wurde von dem benachbarten Götzentalbach – der zum reissenden Fluss wurde – förmlich durchspült Der Götzentalfluss war es denn auch, der die unterhalb der Bäckerei liegende Dörflistrasse vollständig zerstörte. «Unter der Strasse verläuft der Bach in einem grossen Rohr, und das war verstopft», schildert Gemeindepräsident Hans Burri. Und fügt an: «Aber selbst wenn es frei gewesen wäre, hätte es die Wassermassen nie fassen können».
Das Wasser und sein Geschiebe schossen mit solcher Wucht die Dörflistrasse hinunter, dass der Asphalt wie dünner Karton zerknüllt wurde. Die Gärten der Häuser beidseits der Strasse wurden vollständig verwüstet, das Inventar in den Erd- und Kellergeschossen offenbar auch. Aber immerhin waren keine Schäden an den Gebäudestrukturen zu sehen.

Unverständlicher Todesfall

Im untersten Teil der Dörflistrasse in Dierikon stehen seit drei Jahren zwei Vier-Familienhäuser. Mit ihrer Holzfassade entsprechen sie den Auflagen des hier geltenden Schutzes eines Ortsbildes von nationaler Bedeutung. Gegen eine ganz natürliche Bedrohung hingegen, sind sie selbst gänzlich ungeschützt. Am tiefsten Punkt am Fusse des Hanges stehend, laufen ihre Untergeschosse am schnellsten voll. Zum wiederholten Mal wurde die Tiefgarage überflutet. Aus der Erfahrung früherer Ereignisse brachten die Bewohner ihre Fahrzeuge frühzeitig in Sicherheit. Während der deutsche Ehemann einer erst vor drei Monaten zugezogenen Familie sein Auto und seinen Roller aus der Gefahrenzone fuhr, begab sich seine chinesische Frau mit ihrem Kleinkind genau in diese Gefahrenzone, in die Kellerräume hinter der Tiefgarage. Dort wurden die Leichen der beiden später bei Räumungsarbeiten entdeckt. «Warum die Frau aus einem sicheren oberen Stockwerk in den Keller hinunterging, wissen wir nicht», sagt der Gemeindepräsident. Dieser tragische Todesfall rückte das Dörfli in den Fokus der Schweizer Medien. «Wir haben aber auf dem gesamten Gemeindegebiet massive Unwetterschäden zu beklagen», gibt Hans Burri zu bedenken. Über die Schadenhöhe mag er nicht einmal zu spekulieren. «Es geht in die Millionen», sagt er. Allein im Dörfli seien rund ein Dutzend Häuser in Mitleidenschaft gezogen. Inzwischen hat die Gemeinde ein Spendenkonto eröffnet für Schäden, die nicht durch die Versicherung gedeckt sind.

Seit Montag sind die Aufräumungsarbeiten in vollem Gange. Gegen 50 Angehörige des Zivilschutzes helfen. Bereits vor Ende Woche soll die komplett zerstörte Dörflistrasse wieder befahrbar sein. Wie lange es dauert, bis alle Unwetterschäden beseitigt sind, ist nicht abschätzbar. Immerhin hat das Naturereignis neue Einsichten gebracht. «Die Sanierungen des ‹Rigibachs› und des ‹Spächtenbachs› haben sich gelohnt. Die beiden Bäche sind in ihrem Bett geblieben», sagt Gemeindepräsident Burri. Als nächstes stehe die Sanierung des Götzentalbaches an. Nur hat der Kanton dafür kein Geld (Rigi Anzeiger vom 18. Mai 2015).

Auch Adligen und Udligen betroffen

Auch in den Gemeinden Adligenswil und Udligenswil richtete das Unwetter Verwüstungen und Schäden an. In Adligenswil wurden diverse Keller überflutet. Aber auch Kulturland und Gebäude wurden in Mitleidenschaft gezogen. «Das gesamte Untergeschoss vom Zentrum Teufmatt wurde überflutet (ca. 20 cm), so dass das ganze Geschoss über längere Zeit nicht nutzbar sein wird», vermeldet Gemeinderat Markus Sigrist.

Die Ludothek bleibt vorderhand geschlossen. Die Kunden werden gebeten, sich unter www.ludo-adligenswil.ch zu informieren, ab wann der Betrieb wieder aufgenommen werden kann.

In Udligenswil verliess der dort noch junge und mitten durchs Dorf führende Würzenbach sein Bett, welches dabei weiträumig ausgeschwemmt wurde, zerstörte den oberen Teil der Schlössligasse vollständig und setzte die Erd- und Kellergeschosse zweier Wohnhäuser im Dorfzentrum unter Wasser. Auch ausserhalb des Dorfes wurden Räume überflutet. Eine Einliegerwohnung stand mehr als anderthalb Meter unter Wasser, schildert Gemeindeammann Marco Zgraggen. Insgesamt hätten rund 20 Haushaltungen Wasserschädene erlitten. Oben auf dem Rooter Berg wurde eine Güterstrasse unterspült und muss neu aufgebaut werden. «Zudem wurde einmal mehr die ARA überflutet», führt Zgraggen weiter aus. Eine Renaturierung des Würzenbachs ist geplant. Damit könnte der Bach künftig ungehindert an der ARA vorbeifliessen. Die älteren Udligenswiler sprechen von einem erstmaligen Ereignis. Die Wassermassen hätten diesmal ganz neue Wege gewählt und Quartiere betroffen, die bislang verschont wurden.

Götzental gesperrt

Wegen Überflutungen, unterspülten Strommasten und Hangrutschgefahr bleibt die Götzentalstrasse bis Freitag, allenfalls bis Montag gesperrt. Bis am Dienstagnachmittag aber fehlte jeglicher Hinweis darauf. Unzählige Pendler, Schwertransporter und andere Strassenbenutzer, sahen sich erst vor Ort mit einer Fahrverbotstafel konfrontiert. «Die zuständige Abteilung musste erst ein Umleitungskonzept erarbeiten. Das braucht eben seine Zeit», erklärte Markus Müller, Chef des kantonalen Strasseninspektorates. Inzwischen ist das Konzept ausgeschildert. Es sieht die Umleitung der über Adligenswil anfahrenden Fahrzeuge via Ebikon und der aus Richtung Meggen kommenden Fahrzeuge via Rotkreuz vor.