Rigi Anzeiger
Der Rigi Anzeiger ist die führende gratis Wochenzeitung für die Luzerner, Schwyzer und Zuger Regionen Rontal und Rigiland. Der Rigi Anzeiger erscheint seit über 50 Jahren in einem sehr interessanten Erscheinungsgebiet, einer WEMF-beglaubigte Auflage von 35 728 und wird jeden Freitag mit den regionalen News von der Post in alle Briefkästen im Einzugsgebiet verteilt.

Das Jahr ohne Sommer

Der bisherige Frühling war alles andere als frühlingshaft. Kühle Temperaturen, Regen und Schnee bis auf 800 Meter hinunter wurden verzeichnet. Regelmässig rieten die Meteorologen, heikle Pflanzen von den Balkonen oder Gärten in den Wohnraum zu evakuieren. In den Stunden, in denen ich dies Kolumne schreibe, am Montag 23. Mai, steht das Thermometer auf 10 Grad Celsius. Das ist beileibe keine Frühlingstemperatur.


Felix von WartburgIch erinnere mich daran, wie in meiner Jugendzeit oft von dem «Jahr ohne Sommer» diskutiert wurde. Die kalten Winde und der heftige Regen der heutigen Tage haben mich daran zurück erinnert. Was geschah damals, vor 200 Jahren? Als das «Jahr ohne Sommer» wird das vor allem im Nordosten Amerikas, im Westen Europas und auch in der Schweiz ungewöhnlich kalte und nasse Jahr 1816 bezeichnet. Als Hauptursache gilt der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora, ein Jahr zuvor, im April 1815, der von Vulkanologen als wesentlich stärker eingestuft wird als der Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 und jener von Krakatau 1883. Anhaltender Regen, Schnee und schwere Unwetter folgten sich ein Jahr später Woche für Woche. Dies führte zu extremen Ernteeinbussen und in der Folge zu stark gestiegenen Getreidepreisen.

Eine ausgesprochene Hungersnot gab es 1816 jedoch noch nicht. Aber 1817 fehlte es in der Schweiz an allen Grundnahrungsmitteln. Zahlreiche Flüsse und Seen traten auf Grund der anhaltenden Regenfälle über die Ufer. In der Schweiz schneite es jeden Monat mindestens einmal bis auf 800 Meter Meereshöhe und am 2. und 30. Juli bis in tiefe Lagen. Die Folge der niedrigen Temperaturen und anhaltenden Regenfälle waren katastrophale Missernten. Am stärksten betroffen war das Gebiet unmittelbar nördlich der Alpen. Hier erreichte der Getreidepreis im Juni 1817 das Zweieinhalb- bis Dreifache des Niveaus von 1815. In der Zentralschweiz war die Hungersnot besonders gross. Nach Beschreibungen des Frühmessers Augustin Schibig verzehrten die Leute «die unnatürlichsten, oft ekelhaftesten Sachen, um ihren Hunger zu stillen». In Rothenthurm, in der Altmatt und in den Berggegenden «haben die Kinder oft im Gras geweidet wie die Schafe, auch Wiesenblumen wurden verzehrt» heisst es in Chroniken. Gras als Suppe zu kochen war weit verbreitet.

Durch die geringe Schneeschmelze im Kältejahr und die angesammelten zusätzlichen Schneefälle in den Alpen führte die Schneeschmelze 1817 – ein Jahr später – zu weiteren lebensbedrohlichen Überschwemmungen. Alle Äcker standen unter Wasser. Hungersnöte brachen aus. Keine Ackerfläche war mehr bebaubar. Deshalb wanderten viele Schweizer Bauern in die Vereinigten Staaten von Amerika aus. Sie gründeten dort Niederlassungen mit Schweizer Namen. Und der 1. August ist ihnen heilig. Felix von Wartburg