Rigi Anzeiger
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Der König der Kaffeerahmdeckeli

Sammler Erwin Sigrist (84) aus Udligenswil besitzt Hunderttausende Kaffeerahmdeckeli

Er sammelt, was andere wegwerfen. Beispielsweise Kaffeerahmdeckeli. Heute besitzt Erwin Sigrist eine der grössten Sammlung des Landes. Die Anzahl seiner Deckelis zu schätzen, kommt allerdings dem Kaffeesatzlesen gleich.

Nein, als geborenen Sammler kann man Erwin Sigrist nicht bezeichnen. Sein Einstieg in die bisweilen etwas wunderliche Welt der Menschen, die im Prinzip unnütze Schätze anhäufen, darf man sogar als alltäglich bezeichnen. Als Geschäftsreisender begann er in den Siebziger Jahren damit, ungenutzte Hotelseifen nach Hause zu bringen. Wie Tausende andere Reisende das auch tun. Was ihn unterscheidet: Er brachte es nicht übers Sammlerherz, die hübsch verpackten Seifen ihrem eigentlichen Verwendungszweck zuzuführen.

Auch sein Sohn zeigte ansatzweise typisches Sammlerverhalten. Und häufte eine bescheidene Anzahl Zündholzschachteln an. Wie bescheiden, wurde seinem Vater beim Besuch eines «Tauschtreffens» von sogenannten Hobbysammlern im Herbst 1981 in Kriens vor Augen geführt. Erwin Sigrist steht noch heute unter dem Eindruck der mit Streichholzschachteln gefüllten Hotelküchen-Kessel und riesigen Korbflaschen, die von den Star-Sammlern angeschleppt wurden.

Kaffeerahmdeckeli-Sammler Erwin Sigrist aus Udligenswil
Erwin Sigrist: «Meine jüngsten Tauschpartner sind heute 50jährig.»

 

Ovibüchse mit Deckeli als Startgeschenk
Es war die Zeit der Hochblüte des Hobby-Sammelns. Gesammelt wurde alles, was die anderen auch sammelten, ohne dafür viel Geld ausgeben zu müssen. Im ganzen Land gab es gut bis stürmisch besuchte Sammertreffen und -börsen. Auch in Kriens. «Anwesend waren an diesem Abend auch Sammler anderer Alltagsgegenständen. Darunter drei Frauen, die Kaffeerahmdeckeli sammelten», erinnert sich Erwin Sigrist. Die schönen Deckelis und ihre liebevolle Präsentation in den Sammelalben sorgten augenblicklich für einen fulminanten Ausbruch von Sigrists latenter Sammlerleidenschaft. Und wie Sammler so sind: Ihresgleichen erkennen sie instinktiv und so bekam der entflammte Besucher von einem reich bedeckelten Sammler auch gleich eine Ovibüchse voller Kaffeerahmdeckeli in die Hände gedrückt – als Startkapital. Und das hat er seither mit Eintauschen und Zukäufen vertausendfacht. «Manchmal erhalte ich auch Sammlungen geschenkt. Oder ich kaufe ausgewählte Kaffeerahmportionen, deren Inhalt ich ohnehin brauche», sagt er. Selbst seine Partnerin – wie die allermeisten Partnerinnen unheilbarer Sammler zwischen Wut und Mitleid hin- und hergerissen – hat ein Herz für seine Leidenschaft und bringt sammlerisch verwertbare Konsumationen nach Hause.

Sterben die Sammler aus?
Noch heute besucht Erwin Sigrist regionale, nationale und internationale Sammler-treffen. «Doch die Anzahl dieser Treffen und deren Teilnehmer sinkt seit Jahren», bedauert er. Am letzten Tauschabend vor einem Monat in Littau stiess er auf nur noch einen einzigen Kaffeerahmdeckeli-Sammler. Während die Sammlungen im Laufe der Jahre immer grösser werden, werden die Sammler älter. Und irgendwann sorgt Mutter Natur für eine natürliche Trennung zwischen Sammler und Sammelgut und die Angehörigen suchen dann zuerst Käufer für die zurückgelassenen Schätze und später einfach nur noch sachkundige Abnehmer, die die Schenkung zu schätzen wissen. «Sammlungen erben» ist ein gängiger Begriff unter den Sammlern. «Meine jüngsten Tauschpartner sind heute 50jährig», stellt Erwin Sigrist fest.

Doch zurück in seine Schatzkammer. In seinem Mehrzweckzimmer reihen sich die nummerierten Ordner mit kompletten oder auch unvollständigen Serien, in Archivboxen ruht weiteres Sammelgut und in anderen Behältern wartet buntgemischtes Tauschmaterial auf seinen nächsten Einsatz. Als uncomputerisierter Zeitgenosse wickelt Erwin Siegrist seine Tausch- und Sammeltätigkeit ausschliesslich über persönliche Kontakte ab. Damit mag ihm die eine oder andere Chance entgehen. Dafür hat er auch bei Stromausfall ein gedrucktes Verzeichnis zur Hand, in dem er wieselflink alle seine Schätze in den Ordnern und Ablagen orten kann. Gelernte Ordnung unplugged eben.

Sammlerfreundliche Produktion
Die Dimension der Sammlung dagegen ist inzwischen selbst dem Überblick des professionellen Ordnungsmenschen entglitten. Einer der aktivsten Allerlei-Sammler der Zentralschweiz beurteilt seine Sammlung als grösste Kaffeerahmdeckeli-Sammlung des Landes. Immerhin besitzt Erwin Sigrist komplette Serien von berühmten Raritäten, wie etwa der Blick-Serien, von denen einst ein einzelnes Deckeli zum Preis von 6500 Franken gehandelt wurde. Sigrist aber winkt bescheiden ab. «Schreiben Sie: eine der grössten Sammlungen», empfiehlt er. Ja wie viele Deckeli sind es denn jetzt: Hunderte, Tausende, Hunderttausende, Millionen? «Millionen nicht. Aber Hunderttausende schon», räumt der Sammler-König von Udligenswil ein. Und zückt einen Ordner mit Produktionsfolien, auf denen die Bildchen so aufgereiht sind, wie sie später maschinell auf die Deckeli platziert werden. Denn Rohmaterial aus der Fabrikation von Kaffeerahmportionen hat er auch noch in seiner Sammlung. Wie viele Sammler geht Erwin Sigrist der Sache auf den Grund und sammelt neben dem eigentlichen Objekt seiner Sammlerbegierde auch alle Informationen über die Entstehung des Objektes und seine Geschichte. Dazwischen immer wieder mal eine Tasse Kaffee geniessend. Vorzugsweise mit etwas Rahm aus einem Behälter mit einem besonders schönen Sujets auf dem Deckeli.

Der nächste Tauschabend des Sammlerclubs Zentralschweiz findet am Donnerstag, den 16. Mai im Restaurant Schmiedstube in Luzern-Littau statt. Ab 19 Uhr. Willkommen sind Hobby-Sammler aller Altersklassen und Sammelrichtungen der nichtkommerziellen Art. Ansprechpartner ist Moritz Camenisch, Tel. 041 310 41 75 / Handy 079 694 11 38.