Rigi Anzeiger
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Der Oldtimer wassert vor Meggenhorn

Wasserflugzeug «Catalina» der niederländischen Marine auf Besuch

Fliegen ist stets für eine Überraschung gut. Vor allem mit einem Oldtimer, wie es das Wasserflugzeug «Catalina» der niederländischen Marine ist. Der Start erfolgte in Buochs, die Landung vor der Halbinsel Meggenhorn. Reporter Jost Peyer war dabei.

Mit einem Flug-Voucher in der Jacke machte ich mich auf zum Airport Buochs. Ein Flug mit dem zweimotorigen Wasserflugzeug «Catalina» stand mir bevor. Mitglieder des Catalina-Clubs waren mit der Maschine von Amsterdam über Basel nach Buochs geflogen. Und nun sollte es zum Lido Luzern gehen. Mit meiner Frau machte ich einen Rundgang um das abgestellte Wasserflugzeug. Kein Mensch kümmerte sich um uns. Ein Pilot balancierte in einem orangen Overall auf dem Kabinendach und den Flügeln der «Catalina» herum. Am Heck war eine Leiter herausgeklappt. Ab und zu zwängte sich ein Mann mit grauen Haaren mühsam durch die Heckluke in den Rumpf des Wasserflugzeugs. Ist dies wohl auch der Einstieg für Passagiere? Und was sollen diese grossen Glaskuppeln am hinteren Teil des Rumpfes? Im Gespräch mit Club-Mitgliedern kam ich den Rätseln auf die Spur. Die Catalina, 1941 für den niederländischen Marine Luchtvaart Dienst MDL gebaut, wurde während des Zweiten Weltkrieges als Seeaufklärungs- und Seerettungsflugzeug eingesetzt. Deshalb besitzt sie diese beiden verglasten blasenförmigen Beobachterkanzeln am hinteren Rumpf. Die holländische Marine besass 78 dieser Maschinen. Die meisten von ihnen wurden inzwischen verschrottet.

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Auffällig an der Amphibienversion der «Catalina» sind der breite, bootsförmige Rumpf,
die hoch liegenden Motoren zum Schutz vor Spritzwasser und die verglasten Beobachterkanzeln
am hinteren Rumpf – Jost Peyer ist begeistert.

Die Maschine war nach einer Stunde Wartens immer noch nicht startklar. «Es muss noch Kerosin von einem Flügeltank in den anderen gepumpt werden. Für eine Wasserlandung muss der Sprit gleichmässig verteilt sein», wurde ich aufgeklärt. Ein Auto brauste heran. Zwei Männer in ihren orangen Overalls stiegen auf die Flügel der Maschine und pumpten mit einer Handpumpe Kerosin vom linken in den rechten Flügeltank. Dann war es geschafft. Es kam Bewegung in die Besatzung und in die Gruppe der 15 Passagiere, zu denen auch ich hoffte zu gehören.

Der Einstieg in die Maschine erfolgte tatsächlich über die Heckleiter in den schmalen Rumpf des Flugzeugs. «Kopf runter!» rief einer, denn es war eng und man musste praktisch als Vierbeiner durch schmale Luken kriechen. 16 Passagiere fanden Platz. Anschnallen. Ein langes lautes Zischen ging durch die Kabinen. Dann heulte ein Motor laut auf. Dann bald der andere. Einige Passagiere hatten Ohrenstöpsel bei sich. Ich nicht. Endlich, die PBY rollte auf die Startpiste, einige sehr laute Minuten folgten. Die «Catalina» liess im Stand ihre Motoren warm laufen. Ein kleiner Ruck – und die Amphibienversion der Catalina jagte und holperte über die Buochserpiste mit Vollgas in die Lüfte. Im Tiefflug dröhnte das Wasserflugzeug Richtung Kreuztrichter und Küssnacht. Etwa auf der Höhe von Greppen drehte die Catalina ab und setzte im Küssnachter Arm zur Landung an. Eine Gischtwolke umhüllte das Flugzeug – und mit einer anständigen Geschwindigkeit glitt die Maschine über das Wasser Richtung Meggenhorn. Die Stützschwimmer an den Flügeln wurden ausgefahren – und zu unserer Verwunderung war auch das grosse Fahrwerk im Wasser ausgefahren. Räder im Wasser? Sind diese zur Stabilisierung des Flugzeugs notwendig? Der Flugmechaniker bestätigte diese Annahme. Da sassen wir nun – nicht im Wasser. Aber durch einige Rumpfklappen tropfte schon etwas Vierwaldstätterseewasser in die Kabine. Doch kein Problem!

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Besatzung wie Passagiere mussten sich seitwärts oder kriechend, je nach Körperkonstitution,
durch Luken in den Rumpf des Wasserflugzeugs vorkämpfen.

 

Wie sollten wir nun zum Lido Luzern kommen? Niemand wusste Bescheid. Dann tauchte ein Schlauchboot auf. Ein Besatzungsmitglied grub aus einem Zwilchsack ein dickes Seil aus und verschwand Richtung Cockpit. Inzwischen regnete es. Luzerner Schüttsteinwetter. Wir warteten auf das Abschleppen Richtung Lido. Dann kam ein Gegenbefehl. Die neuen Passagiere vom Lido werden wegen des schlechten Wetters und des Windes mit Schlauchbooten zu uns transportiert, und dann gibt es ein Umsteigen auf offener See. Könnte eine wacklige und nasse Angelegenheit werden! Ich telefonierte mit meiner Frau, die unterdessen von Buochs zum Verkehrshaus gefahren war und dort auf mich wartete. «Die ersten Passagiere sind im Schlauchboot auf dem Weg zu euch», sagte mir meine Frau. «Aber das wird noch seine Zeit brauchen, bis alle Flugwilligen den Umsteigeort erreicht haben.» Aha. Eine ganz neue Situation. Wir erhoben uns unterdessen von den Sitzen und machten Fotos aus der Glaskuppel in alle Himmelsrichtungen. Die Minuten verstrichen. Neuer Bericht. Der Flugplatz Buochs schliesst seine «Tore» von 12 bis 13.30Uhr. Es ist bereits mehr als halb zwölf – und für Umsteigemanöver vom Wasserflugzeug in ein Schlauchboot sind überhaupt noch keine Vorbereitungen getroffen. Also – alle anschnallen – Rückflug nach Buochs. Die Motoren wurden wieder angeworfen. Die Maschine rohrte Richtung Küssnachter See, machte eine 180°-Drehung und liess die Triebwerke zum Start auf dem Wasser aufheulen. Das ganze Flugzeug war in eine gewaltige Wasserwolke gehüllt. Doch plötzlich – Startabbruch. «Zu viel Wind», wurde mitgeteilt. Und wieder ging es Richtung Küssnacht. Neue Wende, neuer Start Richtung Stansstad.

Die Motoren heulten, es spritzte, die Maschine glitt und glitt und glitt auf der Wasserfläche. Ewig lang. Doch plötzlich hob sie ab – es wurde etwas leiser – und wir waren froh, im Tiefflug den Flugplatz von Buochs ansteuern zu können. Noch kurz vor der mittäglichen Schliessung. Welch Abenteuer.

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