Rigi Anzeiger
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Die Grabsteine von Romang

Gastkolumne von Pedro Lenz

Im Norden Argentiniens, in der Provinz Santa Fé, weit abgelegen von allen Nachbardörfern, liegt die Ortschaft Romang. Romang ist ein Bauerndorf mit etwa 10’000 Einwohnern.

OLTEN 15.11.2012 - Pedro Lenz, Schriftsteller. Foto: Daniel RihsDoch im Unterschied zu den Bauerndörfern in der Schweiz sind die Strassen im Ortskern von Romang schachbrettartig angelegt. Wer dort den Friedhof besucht, kann sich von den Grabsteinen erzählen lassen, wie die ersten Einwanderer hiessen. Sie kamen im Jahr 1873 in jene Gegend und trugen Namen wie Aeschlimann, Gerber, Ramseyer, Wüthrich, Rüfenacht oder Eichenberger.

Der Mann, der dem Dorf seinen Namen gab, war ein Uhrenfabrikant aus dem emmentalischen Trubschachen. Wie so viele seiner Landsleute im 19. Jahrhundert suchte Theophil Romang jenseits des Atlantiks ein neues Glück.

Aber anders als jene, die nur aus wirtschaftlichen Motiven die Heimat verlassen hatten, war Theophil Romang auch aus juristischen Gründen emigriert. Er hatte zuhause in Trubschachen einen ansehnlichen Geldbetrag unterschlagen und war durch die schnelle Abreise nach Argentinien der Bestrafung entkommen. In der neuen Heimat wechselte er seine Identität und seinen Beruf.

Aus dem verfolgten, verschuldeten Uhrenfabrikanten Peter Wingeier wurde der praktizierende Arzt Theophil Romang, der es zu Ansehen und Wohlstand brachte und zusammen mit Landsleuten die Ortschaft gründete, die bis heute seinen Namen trägt.

Die Grabsteine von Romang erzählen die ewige Geschichte von Menschen, die aus Not ihre Heimat verlassen müssen, um an einem neuen Ort ganz neu anzufangen. Gut hundert Jahre später haben wir schon fast vergessen, dass diese Geschichte auch uns betrifft.

Pedro Lenz, Schriftsteller, vom Duo «Hohe Stirnen», www.hohestirnen.ch