Rigi Anzeiger
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Die Kirche aus Stahl, Beton und Marmor gab zu reden

1964-66 wurde die Piuskirche in Meggen erbaut. Architekt Franz Füeg, Solothurn, realisierte seine architektonisch-ästhetischen Überlegungen in einer Synthese aus traditionellen Elementen wie Marmor und der modernsten Technik der Stahlbehandlung. Doch wo neue Wege begangen werden, da meldet sich die Opposition. Auch vor 50 Jahren.

jp. Hans Lustenberger (83), langjähriger Lehrer in Meggen, ehemaliger Kirchenrat und Gemeindearchivar, hat als damaliger Kirchenrat und Protokollführer die Baugeschichte des neuartigen Kirchenbaus in Stahl, Beton und Marmor unmittelbar miterlebt. «Nicht alle Einwohner waren dem Kirchenbau positiv gesinnt – und schon gar nicht diesem ‛Fabrikbau‛, wie ihn viele nannten», hält Hans Lustenberger in seiner Dokumentation aus dem Jahr 2003 zum Bau der Piuskirche fest. «Ein prominenter Megger sagte einst zu mir: ‛Du weisst, Hans, das musst du nicht persönlich nehmen. Ich bin gegen jede Kirche. Mich reut jeder Rappen für eine neue Kirche‛. Heute, 40 Jahre später, wo ich diese Fotos aus einem meiner Alben für das Historische Archiv der Gemeinde aufbereite, steht – entgegen vieler Mutmassungen – die Kirche doch noch, sogar als Kulturdenkmal.»

Hans Lustenberger hat als Kirchenrat und Protokollführer den Bau der  Piuskirche hautnah miterlebt.  Bild zvg

Hans Lustenberger hat als Kirchenrat und Protokollführer den Bau der
Piuskirche hautnah miterlebt. Bild zvg

Internationale Würdigung
Die Piuskirche, bei welcher 1964 der Grundstein durch den damaligen Bischof Franziskus von Streng gelegt und von ihm 1966 als Pfarrkirche eingeweiht und unter den Schutz von Papst Pius X. gestellt wurde, erweckte wegen ihrer Architektur schon bald das Interesse einer breiten Öffentlichkeit. Es verwundert deshalb nicht, wenn der Kunstverlag Peda in Passau zusammen mit dem Katholischen Pfarramt St. Pius, Meggen, einen kleinen Kunstführer herausgab, mit Texten in Deutsch, Français, English, Italiano und Español. In dieser Broschüre aus dem Jahr 1990 findet sich von Jutta Betz die folgende leicht gekürzte Würdigung (leicht gekürzt):

Die Montage des Glockenturms war ein bautechnisches Spektakel. Bilder Gemeindearchiv Meggen

Die Montage des Glockenturms war ein bautechnisches Spektakel. Bilder Gemeindearchiv Meggen

«Die Piuskirche in Meggen weist in ihrer Konzeption gemäss den Vorstellungen modernster Architekturtheorie in die Zukunft, greift gleichzeitig aber auch Bau-traditionen der nachantiken Welt und der klassischen Moderne auf. Die Klarheit der Anlage beruht auf der baulichen Einheit von Werkstoff, Form und Inhalt und schafft einen ruhigen, strengen Raum, eine nüchterne, von der Ratio bestimmte Raumvorgabe. Sie entwickelt sich erst durch das marmorgefilterte Licht, das Geist und Seele anspricht, zu einem wirklichen Kirchenraum. Aber nur in der Feier der Kultgemeinde wird er zur Kirche, denn nach Auffassung des Architekten Füeg existiert seit der klassischen Moderne die Bauaufgabe «Kirche» im engeren Sinn nicht mehr.
Die strenge Ordnung, die die Architektur Franz Füegs repräsentiert, beruht auf einer Bauweise, deren Mittel dem Zeitalter der Technik angepasst sind. Seine Projekte favorisieren den Montagebau, basierend auf vorgefertigten Stahlteilen, wobei jedes Herstellungsmittel am fertigen Gebäude ablesbar ist.
Die Nähe zur klassischen Moderne erweist der Vergleich der Piuskirche mit den konsequentesten Bauten des Mies van der Rohe auf dem Gelände des Illinois Institute of Technology in Chicago, USA. Hierbei zeigt sich, dass Füeg in seiner konsequenten Haltung die Möglichkeiten dieser inzwischen schon klassisch gewordenen Architektur bis ins Detail selbstständig verwirklicht. Es muss aber auch auf die Probleme dieser Konzeptionen hingewiesen werden: Das Streben nach einer «reinen Form» lässt oft die bauliche Funktion, das Weite für den Menschen und seine Bedürfnisse, in den Hintergrund treten und gefällt sich als blosse Realisierung einer architektonischen Idee.
Die Piuskirche von Franz Füeg aber entgeht dieser Gefahr durch das Lichterspiel des opaken Marmors, der dem kubischen Bau seine transzendierend-sakrale Aura zurückgibt.»
Meinungsumfrage von 1966
Als junger Schreiberling hatte ich Anfang 1966 eine kleine Meinungsumfrage bei jungen Leuten zum Kirchenbau gemacht. Auf meine Fragen, wie man sich 1. zur äusseren Gesamtkonzeption der Kirche stelle und 2. welche Raumwirkung von der modernen Kirche erwartet werde, lasse ich nochmals zwei Stimmen zu Wort kommen.:
Sekretärin: 1. Meiner Meinung nach passt die Kirche – der Mittelpunkt einer Gemeinde – absolut nicht in das Dorfbild. Zudem hat diese Bauweise für mich gar keine symbolische Kraft. Und wenn ich abends bei der beleuchteten Kirche vorbeigehe, kann ich mich eines leichten Schauders nicht erwehren, wenn ich die graubraun melierten Wände sehe. – 2. Ich will mich bemühen, möglichst ohne Vorurteile zuerst einen Gottesdienst in der Kirche zu besuchen, bevor ich über das Innere der Kirche urteile. Denn erst dann sehe ich, ob dieses Gotteshaus eine Atmosphäre ausströmt, die zum Beten und Betrachten einlädt. Ich könnte mir vorstellen, dass gerade die Nüchternheit der Form viel zur Andacht beitragen kann, denn man wird nicht durch Nebensächlichkeiten vom Wesentlichen abgelenkt.
Staatsangestellter: 1. Die Architektur der Gegenwart müht sich wieder um die künstlerische Wahrheit. Dieses erstrebenswerte Ziel scheint mir unsere neue Kirche in ihrer Einfachheit zu versinnbildlichen. – 2. In einer Zeit, wo die Kirchenbaukunst so auf der Suche ist, scheint es mir schon sehr viel, wenn sich von der Kirche sagen lässt, dass man in ihr gut beten kann.

Der Kirchenrat Meggen 1963 bei einer Sitzung im Pfarrhaus Hinter Meggen, von links Thomas Koch, Hans Lustenberger, Protokollführer, Franz Arnold, Pfarrer Albert Hofstetter, Präsident, Albert Lussi, Aktuar, Walter Schnider, Kirchmeier, Alois Sigrist. Bild zvg

Der Kirchenrat Meggen 1963 bei einer Sitzung im Pfarrhaus Hinter Meggen, von links Thomas Koch, Hans Lustenberger, Protokollführer, Franz Arnold, Pfarrer Albert Hofstetter, Präsident, Albert Lussi, Aktuar, Walter Schnider, Kirchmeier, Alois Sigrist. Bild zvg