Rigi Anzeiger
Der Rigi Anzeiger ist die führende gratis Wochenzeitung für die Luzerner, Schwyzer und Zuger Regionen Rontal und Rigiland. Der Rigi Anzeiger erscheint seit über 50 Jahren in einem sehr interessanten Erscheinungsgebiet, einer WEMF-beglaubigte Auflage von 35 728 und wird jeden Freitag mit den regionalen News von der Post in alle Briefkästen im Einzugsgebiet verteilt.

Die Realschule war sein Metier

Über 130 Lehrpersonen gehen in Pension, darunter auch Ernst Sager

Sommerferien – für einige Lehrpersonen aus dem Einzugsgebiet des Rigianzeigers geht eine Ära zu Ende – der Eintritt ins Pensionsalter folgt. So auch für Ernst Sager, der während 44 Jahren Unterricht erteilte. In einem Interview mit Jost Peyer berichtet er aus seinem Lehrerleben.

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Ernst Sager, als Jugendlicher hat man oft verschiedene Berufsträume. Sie auch?
Ich bin in der Landgemeinde Hitzkirch aufgewachsen und rund um unser Wohnhaus hatte es Bauernhöfe. Ich wollte ursprünglich Bauer werden, war gerne bei Tieren, half beim Heuen oder Kirschen ernten. Aber ich merkte bald, dass es ohne Bauernhof oder Heirat einer Bauerntochter schwierig werden dürfte. So blieb es bei einem Traum.

Wie kam es zum Lehrerberuf?
Ich wohnte nur fünf Minuten entfernt vom Lehrerseminar Hitzkirch. Ich wusste lange nicht, was ich werden möchte. In der 2. Sekundarklasse musste man den klassischen Aufsatz über Berufswünsche schreiben. Weil ich wahrscheinlich nichts anderes wusste, habe ich geschrieben, ich möchte Lehrer werden. Mein Sekundarlehrer erzählte meinem Vater in einer Männerchorprobe, von der Aussage im Aufsatz. «Dann musst du jetzt aber schon etwas an die Säcke!» meinte der Vater und schickte mich in die 3. Sekundarklasse. Ich machte die Aufnahmeprüfung ins Seminar – und bestand sie.

Welche Werte und Haltungen wurden vor rund 50 Jahren im Seminar vermittelt?
Das Lehrerseminar Hitzkirch war ein reines «Bubenseminar». Der Direktor und der Präfekt des Seminars waren zwei Geistliche. Markante Persönlichkeiten haben das Seminar geprägt. Moralische Grundsätze waren wichtig: Lehrer sein, heisst Leuchte sein! Lehrer sein ist nicht ein Beruf, sondern eine Berufung! Im Verlaufe meiner Seminarzeit ergab sich aber ein Generationenwechsel in der Führung wie auch bei den Professoren. Es herrschte eine gewisse Aufbruchsstimmung.

Fanden Sie sich gut vorbereitet und gerüstet, als Sie die erste Stelle als Primarlehrer in Wikon antraten?
Es herrschte damals Lehrermangel. Wir wurden ins «kalte Wasser geworfen». Aber es war eine gute Zeit. Wir waren fünf Primarlehrpersonen in Wikon. Wegen Lehrermangels gab es an gewissen Klassen jedes halbe Jahr wieder Lehrerwechsel. Nach zwei Jahren war ich bereits der amtsälteste Lehrer und wurde «auf den Händen» getragen, weil ich dem Schulort treu geblieben bin. Ich habe Sommerlager eingeführt. Wenn wir von einem Lager zurückkehrten, wurden wir am Bahnhof wie bei einem Staatsbesuch empfangen. Diese Lager machten den Eltern Freude – und mir auch.

Dann wechselten Sie an die Schule Adligenswil?
Anfangs 1974 machte ich mir Gedanken, ob ein Schulortswechsel nicht neue Perspektiven eröffnen könnte. Ich wollte eher in die Nähe der Stadt mit guten Weiterbildungsmöglichkeiten. So schlug ich denn das Büchlein mit den ausgeschriebenen Lehrstellen auf und fand A wie Adligenswil, wo eine 4./5. Primarklasse besetzt werden sollte. Ich telefonierte mit dem Schulpflegepräsidenten, meldete mein Interesse an. «Das ist gut, wir haben heute Abend Schulpflegesitzung mit Lehrerwahlen.» Am anderen Morgen erhielt ich vom Schulpflegepräsidenten ein Telefon, ich sei gewählt. Ohne Bewerbung bin ich so in der Zeit des Lehrermangels an die Schule Adligenswil gewählt worden.

Unverhofft wechselten Sie im Jahr 1976 vom Primar- zum Oberschullehrer?
Auch das war ein «Blitzentscheid» – es war Schuljahresbeginn. Ich habe mich auf die Übernahme einer 5. Primarklasse vorbereitet. Kurz nach dem Start ins neue Schuljahr erschien der kantonale Schulinspektor und besuchte die 7./8. Klasse der Oberschule, die gegen 40 Schülerinnen und Schüler aufwies. Der Inspektor erklärte der Schulpflege und dem Klassenlehrer, dass ein solcher Klassenbestand nicht toleriert werden könne. Die Oberschule müsse aufgeteilt werden. Vom Oberschullehrer wurde ich als möglicher Kandidat für die Übernahme einer Oberschulabteilung vorgeschlagen. Ich entschied ich mich für den Stufenwechsel und eine berufsbegleitende Ausbildung.

Berufsbegleitend haben Sie die IOK-Ausbildung in Zug absolviert.
Während drei Jahren besuchte ich berufsbegleitend die Reallehrerausbildung. Sie war sehr praxisbezogen und verhalf der Oberschule zu einem neuen Image. Wir wurden als «Zehnkämpfer» bezeichnet, weil wir den Jugendlichen als Klassenlehrer praktisch alle Fächer erteilten. Dies führte zu einem ganzheitlichen Unterricht, der sich für die Schülerinnen und Schüler als sehr fördernd auswirkte.

Seit rund 35 Jahren unterrichten Sie an der Oberstufe, die auch mal Realschule hiess und heute mit Sekundarschule Niveau C bezeichnet wird.
Adligenswil ist in den 70er-Jahren stark gewachsen. 1979 wurde der Bau des Oberstufenschulhauses Obmatt mit 12 Schulzimmern beschlossen. Dieses Schulhaus, das 1980 bezugsbereit war, ist mir sehr ans Herz gewachsen. Die Lehrerschaft wurde in die Planung und Ausführung gut einbezogen – und die Einweihungsfeier durfte ich als OK-Präsident wesentlich mitgestalten. Neu durfte ich hier erstmals die 3. Realklasse führen; denn diese war zuvor dem Utenbergschulhaus zugeordnet. Hier habe ich viele Schuljahre als Reallehrer erlebt, die mir in guter Erinnerung bleiben werden.

Pflegten Sie gewisse Rituale in Ihrem Schulzimmer, in Ihrem Unterricht?
Für mich waren gewisse Feste wichtig. Die Geburtstage der Mädchen und Knaben haben wir immer mit einer Schokolade gefeiert. Die Advents- und Weihnachtszeit wurde einbezogen. Am Dreikönigsfest gab es drei Kuchen mit drei Königinnen oder Königen. Auch Klassenlager waren immer eine wichtige Sache, ein Projekt, das die Jugendlichen stark mitplanten. Gekocht haben wir in eigener Regie, denn als ehemaliger militärischer Küchenchef fühlte ich mich hier im Element. An Klassenlager habe ich wunderschöne Erinnerungen.

Immer wieder werden mangelnde Kompetenzen in Grundlagenfächern wie Deutsch und Mathematik und wenig Einsatzbereitschaft, mangelnde Selbst- und Sozialkompetenz von Schulabgängerinnen und -gängern von Lehrbetrieben gerügt.
Beim Modell Realschule konnte ich die Jugendlichen im Klassengefüge gut betreuen und führen. Mit den heutigen Niveauzügen scheint mir, dass die verschiedenen Bezugspersonen eine konstante Führung erschweren. Vor allem für Jugendliche, die auf eine starke Führung angewiesen sind. Erschwerend wirken sich auch die heutigen Familienstrukturen aus, wo oft beide Eltern einer Arbeit nachgehen müssen. Das Umfeld der Jugendlichen ist viel schwieriger geworden: die vielen Medienangebote, die veränderten Familienverhältnisse, die neuen Schulstrukturen mit dem kooperativen Modell, das grosse Freizeitangebot.

Wenn Sie auf Ihr langes Lehrerleben zurückblicken: Was macht Ihnen Freude?
Ich fühlte mich wohl im Kontakt mit den Jugendlichen. Die Freude, mit jungen Leuten arbeiten und sie auf den Übergang ins Berufsleben vorbereiten zu können. Als Lehrer schätzte ich die Freiheit, meine Unterrichtstätigkeit in einem grossen Ausmass selber gestalten zu können. Freude machte mir der ganzheitliche Unterrichtsansatz, der themenorientierte Unterricht, wenn ich mit den Schülerinnen und Schülern während ein bis zwei Wochen fächerübergreifend arbeiten konnte. Klassenfeste und Klassenlager gehörten in mein Oberstufen-Programm.

Was wünschen Sie für die Schule der Zukunft?
Ich bin vom heutigen Sekundarschulmodell nicht so überzeugt – aber ich denke, dass die jetzige Generation von Lehrkräften sich sehr engagiert und für die Jugendlichen das Beste will. Wichtig ist mir, dass die Schule über die notwendigen finanziellen Mittel verfügt. Genau nach dem Ausspruch: Die beste Investition ist die Investition in die Bildung der Jugendlichen!

Und welche Wünsche haben Sie für Ihren neuen Lebensabschnitt als Pensionierter?
Mein Hobby sind die Bienen. Ich arbeite jetzt anstelle von Schulklassen mit Bienenvölkern. Das ist hochinteressant und spannend. Ich bin Imker. Das hat mich gepackt. Diese Freizeitbeschäftigung geht wieder etwas zurück zu meinem ehemaligen Berufswunsch, Bauer zu werden. Ich bin gerne in der Natur. Zudem wandere ich gerne, gehe auf Wanderwochen mit der Frau und Kollegen. Die Familie wird mir weiterhin wichtig sein.