Rigi Anzeiger
Der Rigi Anzeiger ist die führende gratis Wochenzeitung für die Luzerner, Schwyzer und Zuger Regionen Rontal und Rigiland. Der Rigi Anzeiger erscheint seit über 50 Jahren in einem sehr interessanten Erscheinungsgebiet, einer WEMF-beglaubigte Auflage von 35 728 und wird jeden Freitag mit den regionalen News von der Post in alle Briefkästen im Einzugsgebiet verteilt.

«Die Schweiz ist ein offenes Land»

Ivanka Beljan, Mitinhaberin Architekturbüro Beljan+Feucht, Meggen

Junge, erfolgreiche Unternehmerinnen sind in der Schweiz verglichen mit ihren männlichen Kollegen noch immer in der Unterzahl. Dabei haben sie ziemlich viel zu bieten. Der Rigi Anzeiger lässt einige von ihnen in loser Folge stellvertretend zu Wort kommen.

Ivanka Beljan, Ihr Name klingt für hiesige Verhältnisse exotisch. Ein Vor- oder Nachteil?
Ivanka Beljan: (lächelt) Kolly klingt ja nicht wie Huber oder Müller. Mein Name gehört zu mir und deutet auf meine Wurzeln hin, wobei die nicht unmittelbar zu erkennen sind. Viele tippen etwa auf Frankreich. Aus meinem Namen ergibt sich meisten Gesprächsstoff, was auch ein Vorteil darstellt.

Sie sind in Kroatien geboren. Müssen Sie sich manchmal gegen Vorurteile wehren?
Glücklicherweise kaum. Bei Kroatien denken die meisten zuerst an die vielen schönen Inseln. Bis jetzt ist das Echo auf meine Herkunft grossmehrheitlich vorurteilsfrei ausgefallen.

Ivanka Beljan

Sie würden die Schweiz also als ein offenes Land bezeichnen?
Ja, absolut. Ich bin Anfang 1993 während des Krieges in die Schweiz gekommen. Mein Vater war zum damaligen Zeitpunkt bereits seit 18 Jahren als Bauarbeiter in der Schweiz beschäftigt. Meine Schwestern und ich lebten mit meiner Mutter in Kroatien. Ich konnte kein Wort Deutsch, hatte all meine Freundinnen zurücklassen müssen, wusste eigentlich überhaupt nichts über den Alltag und die Kultur in der Schweiz. Wir wurden hier sehr gut aufgenommen, man hat sich unglaublich gut um uns gekümmert. Ich kam direkt in die 6. Primarklasse an der öffentlichen Schule in Cham. Das war schon hart, trug aber dazu bei, dass ich die deutsche Sprache innerhalb von vier Monaten einigermassen lernte. Die Lehrerin hat mich dabei sehr unterstützt. Nach den Sommerferien absolvierte ich während eines Jahres eine Art Integrationsklasse, zusammen mit Kindern aus zahlreichen anderen Nationen. Italiener, Türken, Koraten – hier war alles bunt gemischt. Der Unterricht erfolgte auf Hochdeutsch, Fächer waren vor allem Schweizer Geschichte, Geografie, Kultur und etwas Mathe. Da habe ich viel gelernt. Auch, dass man in der Pause Schweizerdialekt spricht und ich auch diese Sprache zu lernen hatte, wenn ich mit den anderen Jugendlichen mithalten wollte. Und das wollte ich natürlich.

Wo liegen die grössten kulturellen Unterschiede verglichen mit Ihrem Herkunftsland?
Pünktlichkeit, Genauigkeit, Disziplin – das sind Stärken, welche die Schweizer eindeutig mehr pflegen. Sie haben es deshalb wohl auch weiter gebracht.

Wie beurteilen Sie die Integrationsbestrebungen?
Ich würde das System als gut bezeichnen. Es wird viel Aufwand betrieben und es bestehen gute Angebote. Speziell für Jugendliche. Natürlich braucht es immer auch etwas Glück und Menschen, welche die Fähigkeiten wecken und fördern können. Und auch die Bereitschaft der Migranten, lernen zu wollen. Wenn sich beide Seiten offen und vorurteilsfrei begegnen, ist vieles möglich.

Frauen haben es in der Schweizer Wirtschaft ohnehin schwerer, hohe Kaderstellen zu bekommen. Ist für eine Frau mit Migrationshintergrund doppelt mühsam?
Eher nicht, da solche Frauen es sich gewohnt sind, zu kämpfen. Wenn man eine Kaderstelle annimmt, weiss jede Frau, dass es harte Arbeit ist und sehr zeitintensiv. Die Herkunft spielt bei ausreichender Professionalität keine Rolle.

Die Quotenregelung wird aktuell wieder heftig diskutiert. Sehen Sie darin eine Lösung?
Wenn jemand für die Stelle geeignet ist, sollte es nicht darauf ankommen, ob Mann oder Frau. Er oder sie muss kompetent sein, ins Team passen. Dass Frauen weniger vertreten sind, mag auch in der Familienplanung liegen. Nach wie vor fehlt es an geeigneten Kinderbetreuungsplätzen. Und wenn freie Plätze vorhanden sind, sind die sehr kostspielig.

Was raten Sie jungen Frauen – wie können sie sich durchsetzen?
Mehr Selbstbewusstsein! An sich und die Idee glauben.

Als Expertin für Lehrabschlussprüfungen und Kursleiterin der Überbetrieblichen Kurse für die lernenden Zeichner Fachrichtung Architektur haben Sie viel mit Jugendlichen Kontakt. Wie beurteilen Sie die Jugendlichen? Interessiert?
Die Jugendlichen sind meistes sehr interessiert. Der Druck ist allerdings sehr hoch. Die 1.-Lehrjahr-Schüler sind noch so jung und doch wird bereits so vieles von ihnen erwartet. Die Anforderungen von Berufsschule und Lehrbetrieb sind gewaltig. Das bedingt volle Konzentration der Jugendlichen. Wer den Fokus nicht auf die Ausbildung legt, hats schwer. Da bleibt nicht viel Zeit für andere Interessen.

Wie gut werden die Jugendlichen in ihrer Ausbildung auf die Berufswelt vorbereitet?
In der Berufsschule werden alle gleich ausgebildet. Es kommt stark darauf an, wo die Lehre absolviert wird, wie die Lernenden gefördert werden. Der Lehrbetrieb hat hier eine grosse Verantwortung. Auch das persönliche Engagement des Lernenden spielt eine Rolle.

Und die Perspektiven im Baugewerbe sind intakt?
Kurz- und mittelfristig bestimmt. Für unser Unternehmen sind die Perspektiven für das nächste Jahr sehr gut. Der Neubausektor wird sich mittelfristig allerdings etwas beruhigen. Sanierungen werden eine zunehmend wichtige Rolle spielen.

Aber die Architektur wird sich mittelfristig verändern müssen angesichts der sich minimierenden Landressourcen. Ist das Bewusstsein für verdichtetes Bauen vorhanden?
Es ist fraglich, ob es ein Wohnzimmer von über 40 Quadratmetern braucht. Oder Räume, die hauptsächlich zum Schlafen dienen, sind vielfach überdimensioniert. Die Landpeise werden weiterhin steigen und nach neuen Modellen verlangen. Das Bewusstsein hierfür ist je nach Vermögen unterschiedlich. Das zeigt etwa ein Vergleich zwischen den durchschnittlichen Wohnungsrössen: Im Kanton Bern umfasst eine 3.5 Zi-Wohnung rund 70 Quadratmeter während sie im Kanton Zug über 90 Quadratmeter zählt.

Welche Aufgaben hat Ihrer Ansicht nach die Politik diesbezüglich zu erledigen?
Es ist strukturierte Einzonung notwendig. Hauptsächlich mehr verdichten, grössere Ausnützung und mehr geschossige Bauten ermöglichen.

Und die Architekten? Wo liegen für Sie die grossen Herausforderungen?
Bei der Entwurfsplanung für die ideale Ausnützung unseres Wohnraums. Ästhetik Komfort und Ansprüche der Nutzer in einen Konsens zu bringen. Der Architekt muss fähig sein, die sich laufend verändernden Gesetze und Vorschriften zielgerichtet umzusetzen. Ich denke da an Vorschriften in den Bereichen Energie, Schallschutz, Brandschutz etc. Und natürlich ist kostengünstiges Bauen eine permanente Herausforderung.

Wie wohnen wir in der Schweiz in 20 Jahren?
Technologisch wird sich einiges verändern. Das «Multitasking»-Domizil, wo sich per Handy alles steuern und optimieren lässt, wird wohl Alltag. Energiebewusstes Wohnen wird Normalität. Auch werden sich Wohnformen wie Gemeinschaften und Mehrfachnutzungen von Räumen vermehrt etablieren. Der Mensch wird seinen Wunsch nach Geborgenheit nicht ablegen.

Haben Sie sich zum Jahreswechsel auch Vorsätze gefasst?
Nein, ich bemühe mich, die während des ganzen Jahres umzusetzen…

 

Ivanka Beljan (32), Meggen
Ausbildung Hochbauzeichnerlehre, Architetkurstudium FH Luzern, Schule für die Geschäftsfrau (KGL), Berufspädagogische Bildung für nebenberufliche Berufsbildnerin (EBH)
Aufgewachsen Bjelovar, Kroatien
Hobbies Skifahren, Rennvelo,
Mitgliedschaften Frauennetz Meggen, Tourismusforum Luzern, Gewerbeverein Meggen