Rigi Anzeiger
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Ein Leben auf der Gasse

Immensee: Was gehen uns die Drogenabhängigen auf Luzerns Gassen an? Der Film «Gassenarbeit–Gassenleben» von Cristina Amrein und die nachfolgende Diskussion am Gymi Immensee gaben eine klare Antwort: Mehr als uns lieb ist.

Gassenküche

1120 Menschen aus der gesamten Zentralschweiz gehen in der Luzerner Gassenküche ein und aus. Der Fixerraum erlebt täglich 300 bis 400 Konsumationen. Im Paradiesgässli werden 80 Eltern mit über 160 Kindern betreut. Gegen hundert Betroffene lassen ihre Finanzen freiwillig von Gassenarbeitern regeln. Diese Angebote des Luzerner Vereins Kirchliche Gassenarbeit, der mittlerweile 47 Mitarbeitende beschäftigt und ein Budget von über vier Millionen Franken verwaltet, sind einmalig. Einmalig hilfreich für die meist suchtkranken Menschen, die sie nutzen. Einmalig hilfreich für die Öffentlichkeit, wo doch die Beschaffungskriminalität um 87% abgenommen und die Drogensüchtigen nicht mehr so sehr das Stadtbild prägen. Einmalig hilfreich auch für die umliegenden Kantone, die schwierige Probleme vom Verein Kirchliche Gassenarbeit umsonst gelöst bekommen.

Cristina Amrein, ehemalige Maturandin des Gymi Immensee, erzählt in ihrem eindrücklichen Dokumentarfilm «Gassenarbeit–Gassenleben» die Geschichte des Vereins Kirchliche Gassenarbeit und gewährt dabei Einblick in die verschiedenen Tätigkeitsbereiche dieser Institution. Vor allem aber lässt sie immer wieder Betroffene zu Wort kommen. Menschen, die gezeichnet sind von ihrer Krankheit, gegeisselt, ausgegrenzt, übermannt. Nur wenige kommen bleibend aus der Sucht heraus. Einer ist Michael M. Zusammen mit Cristina Amrein und Sepp Riedener, dem Begründer des Vereins Kirchliche Gassenarbeit, stand er den Schülerinnen und Schülern von vier Klassen des Gymi Immensee Red und Antwort.

Aber welche Fragen sollten die Schülerinnen und Schüler schon stellen? Was hat der Film, was hat die offene Drogenszene mit ihnen zu tun? Natürlich wissen sie: Drogensüchtige sind auch Menschen. Menschen, die krank sind und nicht einfach per Knopfdruck wieder gesund werden. Menschen, die Würde und Respekt verdienen. Was aber nicht alle wussten: Dass der Stoff, den die Drogensüchtigen auf der Luzerner Gasse kaufen, in vielen Fällen nur 10% Heroin beinhaltet. Der Rest ist irgendwas. Zum Beispiel gestampfte Sonnenblumenkerne oder Schuhwichse. Das macht krank, das macht kaputt. Da haben es die hundert Menschen besser, die im Heroinprogramm des Kantons Luzern mitmachen dürfen und unverschmutztes Heroin erhalten. Oder die hunderten von Menschen, die in guten Verhältnissen leben und sich reines Heroin oder Kokain leisten können.

Diese Menschen sind ebenso süchtig wie die Menschen auf der Gasse – man sieht es ihnen aber nicht an. Einige schaffen es sogar, ihre Sucht als trendy und chic zu verkaufen. Diesmal kommen die Beispiele nicht vom Podium, sie kommen von den Schülerinnen und Schülern. Ja genau, diese Party dort – da waren Kollegen von Kollegen, die sind lässig dagesessen und haben gekokst, wie wenn es das Natürlichste der Welt wäre. «Ist es für viele auch», sagt Cristina Amrein. «Vor dem Therapeuten versuchen sie es mit Kokain – bis dann nur noch der Therapeut helfen kann.» Plötzlich wird klar: Drogen sind näher bei den Schülern, als es ihnen und ihrem Umfeld lieb ist. Was tun? Cristina Amrein fragt zurück: Was machst du, wenn dein Nervensystem überladen ist, wenn du Stress hast? Kannst du runterfahren und den Alltag verarbeiten ohne Suchtmittel? Wenn ja, ist schon vieles gewonnen.

Cristina Amrein: Regisseurin aus Passion
Cristina Amrein (Matura 1996) wollte schon früh Regisseurin werden. «Für mich ideal war dabei das System der Wahlpflichtkurse am Gymi Immensee», sagt sie. So konnte sie Erfahrungen sammeln etwa im Ölmalen oder im Tangotanzen. «Farbe und Rhythmus sind wichtige Elemente des Films», sagt sie. «Da konnte ich vieles mitnehmen.» Nach der Matura liess sich Cristina Amrein zuerst zur Filmschauspielerin ausbilden, um in die Filmakademie in Ludwigsburg aufgenommen zu werden. Zwei grössere Filme hat sie bisher gedreht: «Alles geht vorbei» (eine Beschäftigung mit Krebs und Vergänglichkeit), und «Inselkind». Vor kurzen hat Cristina Amrein zudem eine Ausbildung zur Spieltherapeutin abgeschlossen.