Rigi Anzeiger
Der Rigi Anzeiger ist die führende gratis Wochenzeitung für die Luzerner, Schwyzer und Zuger Regionen Rontal und Rigiland. Der Rigi Anzeiger erscheint seit über 50 Jahren in einem sehr interessanten Erscheinungsgebiet, einer WEMF-beglaubigte Auflage von 35 728 und wird jeden Freitag mit den regionalen News von der Post in alle Briefkästen im Einzugsgebiet verteilt.

Am Ziel angekommen…

Nach sechs Tagen, 35 Stunden radeln und 620 km bin ich überglücklich in Shanghai angekommen. Die Radreise durch China war ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte.

Ich träumte von einer sich schlängelnden Strasse entlang einer von Felsen zerklüfteten Küste. Gesehen habe ich die Küste nur aus der Ferne, grösstenteils bin ich auf enorm grossen Strassen auf dem Pannenstreifen rund 30 km von der Küste entfernt gefahren. Die Strasse Nr. 204 führt schnurgerade nach Süden bis hinunter Nach Shanghai, für mich der direkteste Weg zum Ziel. Nach den katastrophalen Pisten in der Mongolei war diese Strasse ein wahrer Segen und trotzdem sehnte ich mich nach der Mongolei. In China hat mir das Radeln nicht wirklich Spass bereitet, es war eher ein Konditionstraining, wie es bei uns die Gümmeler (Strassenrennfahrer) absolvieren. Den permanenten Lärm konnte ich nur mit guter Musik aus meinem iPot übertönen und die Umgebung habe ich mir mit viel Phantasie schön gemalt.

Ich weiss jetzt, was gemeint ist, wen man von dem Arbeitervolk in China spricht. Überall wird irgendwas gewerkelt, hier wird abgerissen, da entsteht ein neues Häuschen, eine Fabrik, ein Hochhaus, eine Brücke oder eine noch grössere Strasse. Ich hatte das Gefühl von völlig planloser Vergewaltigung der Natur und als ob Vollbeschäftigung das grösste Ziels Chinas sei. An jeder Ecke fegen und kratzen tausende, meist ältere Frauen, Unkraut und Abfall zusammen.

Auf meiner bisherigen Reise habe ich so viel Freude erfahren, Freude gesehen, auch einfache Menschen, die nicht viel besassen und trotzdem ein strahlendes Funkeln in ihren Augen hatten. Entlang der Reise auf der 204 habe ich das praktisch nie erlebt; anscheinend sind die Lebensumstände so hart, dass viele die Hoffnung auf ein glückliches Leben aufgegeben haben. Ich bin froh, auch die etwas unschönere Seite eines Landes gesehen zu haben. Dort, wo sich wohl selten ein Tourist verirrt, wurde mir wieder mal bewusst, welch Privileg es ist, in der Schweiz geboren zu sein.

Auf dem Weg in Richtung Küste musste ich zuerst durch eine etwas hüglige Landschaft auf schönen Strassen mit wenig Verkehr fahren. Kaum an der Küste angekommen, bin ich in eine anhaltende Regenfront gefahren. Nach einigen Stunden im Regen hielt ein Chinesisches Pärchen mit seinem Minibus neben mir und nahm mich spontan in die nächst grössere Stadt Qingdao mit. Im Billighotel konnten meine Kleider trocknen und am nächsten Morgen machte ich mich mit der Fähre auf den Weg ans andere Ende der Hafenbucht. Ich konnte es kaum fassen, als ich gerade in die Einfahrt abbiege, fahren zwei Veloreisende vor mir in dieselbe Fähre. Snow 25 Ärztin und Zhang 22, hat gerade seinen Schulabschluss gemacht, beide aus China. Sie reisen in die Heimat von Zhang. Über 4000 km nach Kunming im Südwesten von China. Wir vereinbaren, einige Kilometer zusammen entlang der Küste zu radeln. Radeln durch militärisches Sperrgebiet, Zelte aufschlagen in einem sich im Rohbau befindenden Häuschen, wo Zhang seine Gitarre auspackt und chinesische Volkslieder spielt. Dank den zwei habe ich nun auch endlich das zu Essen, was ich erwarte. Wir verpflegen uns in kleinen Restaurants an oder auf der Strasse. Streetfood ist so lecker, die kleinen fahrbaren Küchen bieten gute, frische und vor allem günstige Gerichte. Durchschnittlich bezahle ich ein bis zwei Franken pro Hauptmahlzeit, heisses Wasser gibts gratis dazu und die Flaschen kann ich auch gleich füllen. Die letzte Etappe nehm ich wieder alleine unter die Räder. Ich versuche so schnell wie möglich Shanghai zu erreichen und sitze an diesem Tag 8¼ Stunden im Sattel und lege mit genau 200 gefahrenen Kilometer einen neuen Tagesrekord hin. Zugegeben, für einige km habe ich mich von kleinen Traktoren oder auch kleinen dreirädrigen Motorräder ziehen lassen.

Am nächsten Morgen wollte ich noch schneller nach Shanghai und habe die Strecke von 350 km mit drei verschiedenen Bussen hinter mich gebracht. Irgendwo inmitten von der unfassbar grossen City wurde ich förmlich aus dem Bus geworfen und war eine weile orientierungslos. Kein Grund zur Panik. Nach einem Telefonat mit Tatjana, einer Russin, die ich in der «Transsib». kennengelernt habe und die in Shanghai Grafik Design studiert, habe ich eine Unterkunft im Dorm auf ihrem Kampus. Die Universität liegt 6 km nördlich. Dank dem Navi fahre ich wie entfesselt mit dem Strom von Tausenden von Verkehrsteilnehmern in der Rushhour. Autos, Motorräder, Elektroscooter, Fussgänger und unzählige Fahrräder drängen sich gleichzeitig in den masslose überfüllten Strassen. Tatsächlich wie durch ein Wunder finde ich die richtige Uni und Tatjana holt mich am Haupteingang ab. Der Zugang in die Unterkunft ist nur für Studenten gewährt, somit gebe ich mich als Student aus. Ich bin in Shanghai angekommen. Mein Ziel ist erreicht und ich fühle, dass es die richtige Entscheidung ist, am kommenden Freitag in den Flieger zu sitzen und mich auf den letzten Teil meiner Reise zu begeben. Ich freue mich, die Festtage mit meiner Freundin Melanie, Gucci und meiner Familie zu verbringen.

Schon 150 Tage ist es her, seit ich mein Zuhause verlassen habe, so viel habe ich erlebt, keinen Moment möchte ich missen. Es lohnt sich, die Welt zu erkunden. Egal auf welchem Weg.

Ach ja, ich muss meine Reisekasse wieder füllen. Für Jobangebote bin ich dankbar.
Kontakt auf www.sd-blog.ch

 

Sebi Durrer startete von Root aus auf eine Velotour, die ihn nach Shanghai führen wird.
Er wird im Rigi Anzeiger regelmässig von seinen Erlebnissen berichten.
Seine Route ist zu verfolgen unter www.sd-blog.ch

Ausgabe vom 9.11. – Gefrorene Wäsche

Schon wieder ist ein ganzer Monat vorbei, meine Zeit als Shaolin Kung-Fu Schüler ist in wenigen Stunden Geschichte. Einen Monat lang habe ich einen geregelten Alltag gelebt. Die Auszeit aus meiner Abenteuerreise hat gut getan.

Es ist, als ob ich für einen kurzen Moment ein Zuhause gefunden habe und mir nicht ständig Gedanken über einen sicheren Schlafplatz machen musste. Drei Mahlzeiten am Tag, viele Freunde, mit denen ich mich austauschen konnte und eine warme Dusche nach dem anstrengenden Training, das zu erleben, hat sich gelohnt. Ich fürchte, dass ich das schon bald vermissen und mich wahrscheinlich an diese ruhige Zeit in der Kung-Fu Schule zurück sehnen werde.

Die zweite Woche im Shaolin Tempel verlief ähnlich wie die erste. Anfangs Woche hatte ich immer noch mit den Muskelzerrungen zu kämpfen und musste einige Übungen auslassen. Trotzdem habe ich auf keine Trainingseinheit verzichtet und immer neue Formen dazugelernt. Am Freitag der zweiten Woche, habe ich das Training aber sausen lassen und bin alleine auf eine grosse Wanderung gegangen. Ganz ohne Abenteuer geht es dann doch nicht. Auf einem Grat, der auf beiden Seiten steil abfällt, bin ich einige hundert Höhenmeter hoch geklettert, um die Aussicht in die tiefen Schluchten zu sehen. Auf dem höchsten Punkt, den ich finden konnte, hat der stark pfeifende Wind dicke Nebelschwaden über mich geschoben. Welch Fotosujets. Nach acht Stunden wandern bin ich glücklich im Tempelvillage angekommen.

Am Wochenende fuhren wir wieder mal mit dem Bus in die nahe liegende Stadt Dengfeng, um unsere geschundenen Körper massieren zu lassen. Für mich war der Höhepunkt des Wochenendes das bei uns gut bekannte Fondue Chinoise zum Mittagessen. Die Chinesen zelebrieren das förmlich: Jeder hat seine eigene Bouillon vor sich auf einem Rechaud stehen, lässt seine Beilagen in der Suppe ziehen. Die Auswahl an Saucen ist riesig und geht von süsser Erdnussbutter bis zum extra scharfen Chili, die Beilagen sind hauchdünn geschnittenes Lammfleisch, Krabbenfleischbällchen, in Scheiben geschnittene Entenblutwurst, Spinat, diverse Nudeln und eine Art glibberige Alge, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Abends wurde in einem europäischen Kaffee relaxt und einen leckeren Brownie Cheescake genascht und ein bisschen an die Heimat gedacht.
Anfangs der dritten Woche sind wir in die grössere Kung-Fu Schule nach Kunyu umgezogen. Unsere Unterkunft im Shaolinvillage konnte nicht geheizt werden und es wurde nachts unangenehm kalt. Mit Bus und Zug sind wir an die Küste des Nordchinesischen Meeres nach Yantai gereist, von dort per Taxi weiter ins Landesinnere nach Kunyu. Die Trainings Möglichkeiten hier sind deutlich besser. In dieser Schule werden bis zu 70 Studenten ausgebildet. Es gibt hier eine grosse Trainingshalle, verschiedene Trainingsplätze, eine Boxarena und diverse Fitnessgräte. Eine perfekte Schule mit hervorragenden Meistern. Unsere Klasse wurde schnell im Schulalltag integriert und vom selben Shifu trainiert. Lediglich das tolle Gefühl der kleinen Familie ging verloren. Zum Beispiel beim Mittagessen wurde in der kleinen Schule immer gewartet, bis alle am Tisch sassen, bevor man anfing zu essen. Hier darf man keine Minute zu spät kommen, will man was bekommen. 70 hungrige Studenten stürzen sich Punkt 12 Uhr in die Kantine und ergattern sich, was sie kriegen können.

Am letzten Wochenende habe ich zum ersten Mal das Chinesische Nachtleben erkundet. Yantai ist ein extremer Unterschied zu Dengfeng. Aus der zweit ärmsten Provinz Chinas, sind wir in die zweit reichste gekommen. Überall ragen riesige Hochhäuser aus dem Boden, die Strassen sind viel grösser und alles ist deutlich sauberer. Unzählige Pubs und Bars bedienen die vielen Ausländer in dieser Stadt. Nach einigen Runden Billard und einem Glas Chinesischem Rotwein, der äusserst widerlich schmeckte, wurde in einem Club bis in die frühen Morgenstunden getanzt. In dem direkt am Meer liegenden Badehaus konnten wir einige Stunden im Ruheraum ausschlafen, bevor es am Morgen frisch geduscht mit dem Taxi zurück in die Schule ging. Hier kostet eine Taxifahrt von gut einer Stunde gerade mal 20 Franken, zu viert also nur einen Fünfliber. Zuhause komme ich damit nicht einmal einen Kilometer weit.

Die letzte Woche meiner Kung-Fu Ausbildung verging im Flug. Für mich etwas zu schnell, denn gerade jetzt fange ich an, sichtbare Fortschritte zu machen, und mein Körper wird nicht mehr von Muskelzerrungen geplagt. Ich werde jedoch wie geplant, morgen früh am Samstag dem 24. November 2012, also am Geburtstag meines Vaters, dem ich nochmals herzlich gratuliere, meine Reise per Rad fortsetzen. Mein Ziel ist es, in etwa einer Woche in Shanghai zu sein. Von dort will ich weiter nach Hong Kong, wo ich China aufgrund meines Visums spätestens am 18. Dezember 2012 verlassen muss.

Nun muss ich wieder einmal meine Sachen packen, mein Velo auf Vordermann bringen und hoffe, dass es morgen noch nicht schneit. Bei uns hat es einen beängstigenden Temperatursturz gegeben, aber zum Glück habe ich meine warmen Winterkleider noch nicht nach Hause geschickt. Das Abenteuer geht weiter, ab jetzt heisst es ab in den Süden!

 

 

Ausgabe vom 9.11. – Gefrorene Wäsche

Meine erste Woche in der Shaolinschule ist überstanden und ich fühle mich immer noch sehr wohl hier. Die wunderschöne Bergregion Song Shang bietet die perfekte Grundlange, um in eine andere Welt einzutauchen. Bei mir geschieht das jeweils kurz vor sechs Uhr morgens, wenn noch alles dunkel ist und ich im Mondschein meine Tai Chi Übungen absolviere. In dieser frühen Morgenstunde vergesse ich alles um mich herum, fokussiere mich auf jeden Atemzug und die gleitenden Bewegungsabläufe. Unser Shifu (so nennen wir unseren Meister Shi Yan Sun) korrigiert mich bei Fehlern und erweitert mein Programm um jeweils einige Bewegungen. Bei Tageseinbruch ist es wie ein zweites Erwachen, wenn ich nach der Stunde voller Energie meinen Tag mit einem immer gleichen Frühstück starte – zwei harte Eier, eine Schüssel Sojamilch, zwei kleine Brötchen, und Früchte, die ich am Wochenende in der Stadt kaufe. Nach einer kurzen Verdauungspause geniesse ich einen Spaziergang vom Shaolindorf bis zum Trainingsgelände. In diesen 10 Minuten des entspannten Laufens entlang einer kleinen Strasse mit Sicht auf die Shaolintempel und die umliegenden Berge entspanne ich nochmals bevor es mit dem sehr intensiven Warm Up losgeht. Zuerst wird gerannt, danach wird jedes Gelenk aufgewärmt. Sprints werden kombiniert mit Kung Fu Sprüngen und Kicks, begleitet von Energie freisetzendem Schreien. Beim Stretching muss ich ziemlich leiden, denn meine Beweglichkeit ist noch lange nicht dort, wo sie sein sollte. Beim individuellen Kung Fu Training wird auf präzise Bewegungen geachtet, Koordination, Speed und Power fordern den ganzen Körper. Nach einer Lunch Pause steht Sanda (Chinesisches Kick Boxen) auf dem Program. Ich hatte anfangs Mühe mich mit dieser Kampfsportart anzufreunden, doch inzwischen fühle ich die Energie, die explosionsartig aus mir prescht, wenn ich in den Boxsack oder in die Pads kicke oder schlage. Ich stelle mir dabei vor, ich radle einen hohen Pass hoch. Ich funktioniere, denke nicht über Schmerzen oder Erschöpfung nach. Nach dem Training ist es, wie wenn man oben am Pass angekommen ist: Der Stolz über das Erreichte lässt die Schmerzen vergessen. Der Körper meldet sich dann später im Bett. Ich spüre jeden Muskel und ich fühle mich jeweils einige Jahre älter.

Ich bin nun mit zwei Studenten in einem Zimmer. Edrik, 20, aus Los Angeles und Mike, 18, aus Peterborough Cambridge. Des weiteren sind hier Schüler aus Frankreich, Kanada, Australien, Amerika und Österreich. Ich kann mein Englisch verbessern und neue Kulturen kennenlernen. Am Wochenende haben wir die Möglichkeit bei einem Ausflug in die nahe gelegene Stadt Dengfeng uns für 12 Franken zwei Stunden lang die schmerzenden Muskeln massieren zu lassen und für drei Franken die Bäuche mit köstlichem Sweet and Sour Chicken zu füllen.

Gestern hat mich der Winter zum dritten Mal eingeholt. Ein kräftiger eiskalter Wind hat heute meine frisch gewaschene Wäsche beim Trocknen auf der Wäscheleine draussen gefrieren lassen. Weil das Schulgebäude im Shaolin Village nicht geheizt werden kann, wird die ganze Schule nach Yentai verlegt. Dort wird es wahrscheinlich direkt an der Küste zum Nordchinesischen Meer nicht viel wärmer sein, aber wir müssen im Gebäude wohl nicht mit Daunenjacken rumlaufen und können in einer Halle trainieren.

 

Ausgabe vom 9.11. – Überraschungen in China

China ist ein sehr spannendes und unterschiedliches Land im Vergleich mit der Mongolei. Grundsätzlich bin ich durchwegs positiv überrascht, wie harmonisch, hilfsbereit und geordnet hier alles ist. Ich fühle mich den Chinesen schon nach einer Woche im Land sehr verbunden.

Nach meinem letztem Aufenthalt in Ulaan Baatar habe ich zum dritten Mal irgend etwas erwischt, das mich vier Tage flach legte. In diesen vier Tagen habe ich extrem viel geschlafen und unzählige Male die Toilette aufgesucht. Zum guten Glück sind die Toiletten in den chinesischen Zügen deutlich besser als in den russischen. Der Zug mit dem ich am 18. Oktober reiste, hatte auch noch eine andere Überraschung zu bieten. Melanie und Maurice, die zwei Schweizer die ich zum ersten Mal beim Namin Nuur – dem Bergsee in der Mongolei, wo ich meinen bisher härtesten Tag erlebte – getroffen habe und später dann nochmals auf dem Rückweg aus der Gobi nach Ulaan Baatar auf einer Busraststätte, waren zufälligerweise im selben Zug.

Nach dreissig Stunden Zugreise war dann auf einmal alles anders. Peking, eine riesige Stadt mit bald 20 Millionen Einwohnern, ist die wohl grösste Stadt, die ich auf meiner Reise besuche. Mein Fahrrad konnte ich übrigens nur dank meiner Gastmamma, Bodra aus Ulaan Baatar, verpackt in einem Karton in der Dusche mittransportieren. Ohne Übersetzerin, die mit der Zugsdirektorin verhandelt hatte, wäre ich wahrscheinlich immer noch in UB. Mit diesem riesigen Karton und meinem Gepäck auf dem Rücken bin ich mit dem Taxi zu meinem Apartment gefahren. Zum Glück hat mir meine Mutter diesen Kontakt zu Yuan vermittelt, der mir seine Wohnung zur Verfügung stellte. Genau das brauchte ich, denn das ganze Wochenende über bin ich nur im Bett gelegen, um die Magenverstimmung auszuschlafen. Am Montag gings mir dann wieder bedeutend besser, und ich konnte die Verabredung mit Melanie und Maurice wahrnehmen. Rundum war dies ein perfekter Tag: Wir sind am frühen Morgen zur Wanderung ausserhalb von Peking auf der grossen Mauer aufgebrochen. Fünf Stunden lang sind wir entlang dieses Meisterwerks, Treppen auf Treppen ab, gewandert. Die Mauer in der Region rund um Simatai verläuft quer durch ein ziemlich hohes Bergmassiv. Eigentlich unfassbar, wie die Chinesen dieses Wunderwerk dort gebaut haben. Am Abend folgte ein köstliches chinesisches Essen. Am nächsten Morgen bin ich dann wieder alleine in die verbotene Stadt des Ehemaligen Kaisers abgetaucht und am Abend auf dem Kohleberg hinter der verbotenen Stadt habe ich zum fünften Mal Melanie und Maurice getroffen. Langsam wurde mir das unheimlich; sich vier Mal zufällig über den Weg zu laufen, ist eigentlich unmöglich.

Kurzfristig habe ich mich entschieden, schon etwas früher als geplant einen Besuch in einer Shaolin Kung Fu Schule zu machen. Und nun sitze ich hier in dieser Schule in den Bergen südöstlich von Zhengzhou. Gestern war mein erster Trainingstag, und schon heute habe ich extremen Muskelkater am ganzen Körper. Morgens starten wir den Tag jeweils mit Tai Chi, danach Frühstück und dann verschiedenen Kurse wie Power Stretching, Akrobatik, Bewegungen, Kondition, Kraft oder einfach nur die Berge hoch und runter rennen. Die Zeit in dieser Schule wird für mich eine sehr harte, in der ich des Öfteren über mein Limit hinaus gehe und mich in Körper und Geist weiterbilde.

Ich freue mich auf einen Monat, der komplett anders ist, als all das, was ich bisher auf meiner Reise gemacht habe.

 

Ausgabe vom 19.10. – Extreme Erfahrungen

Die Wüste habe ich schneller als geplant wieder verlassen. Jetzt bin ich schon unterwegs mit dem Zug von Ulaanbaatar (Ulan Bator) nach Peking. Die Mongolei hat einen frühen, heftigen Wintereinbruch erlebt, das war mit ein Grund, die Wüste so schnell wie möglich hinter mich zu bringen. Ein anderer Grund liegt weiter zurück.

In der Woche bei Froit habe ich mir vermutlich bei Bauarbeiten an einem verstopften Abwasserrohr irgend etwas eingefangen. Seit sieben Jahren steckte da Sch… drin und wir drei Europäer haben das Rohr in ein paar Stunden ausgebuddelt und ersetzt. Der «Käfer», den ich dabei wohl mitbekommen habe, hat mich so richtig durchgeputzt. Ich litt unter Fieber, musste erbrechen und hatte Durchfall – auf einer sechsstündigen Busfahrt sehr unangenehm.

In Kharkhorin traf ich die spanische Backpackerin Marina. Sie erzählte von ihrem Traum, einen Pferdetreck zu unternehmen. Für sie allein war es zu teuer, zu zweit konnten wir es uns leisten. Mit Guide Mantrah und vier Pferden waren wir fünf Tage lang in der zentralen Mongolei unterwegs, es war eine unvergesslich schöne Zeit. Mit Pferden hatte ich bis jetzt keine grossen Erfahrungen, aber nach dem dritten Tag waren ich und mein Pferd ein super Team, und wir sind richtig mit Speed durch die Ebenen galoppiert. Gegessen und geschlafen haben wir jeweils in Jurten bei Gastfamilien.

Nach den wunderschönen Tagen zu Pferd habe ich wieder den Drahtesel gesattelt, und vollgepackt bin ich ins Orchon Valley und damit in eine Traumwelt eingetaucht. Nach dem Besuch im abgelegenen Bergkloster Tövkhön Süm bin ich vom Orchonwasserfall früh morgens zum bisher strengsten Tag meiner Reise aufgebrochen. Kurz nach Sonnenaufgang fuhr ich los Richtung Naiman Nuur und die acht Bergseen auf der Hochebene. Es war nicht ganz einfach, die mittlerweile halb zugefrorenen Bäche knietiefem, eiskaltem Wasser zu durchqueren. Bei dieser «Eiswanderung» zog ich mir leichte Schürfwunden am Knöchel zu, dafür regten die Durchquerungen die Durchblutung so richtig an. Das konnte mein Körper gebrauchen, denn der folgende Pass hatte es in sich. Er war so steil, dass ich ihn nicht fahren konnte, und beim Stossen bekam ich das Extragewicht von zehn Tagen Nahrung im Gepäck heftig in den Armen zu spüren. Erste Zweifel kamen auf, ob dieser Aufstieg zu den Seen überhaupt mit so schwerem Gepäck machbar sein würde. Zweimal endeten die Pisten in unüberwindbaren, extrem steilen Wäldern. Erst im dritten Anlauf fand ich die richtige Piste, aber fahren ging auch auf dieser nicht. In den steilsten Passagen musste ich erst das Rad und dann das Gepäck hoch tragen. Das Wasser wurde knapp, und als ich erst nach Sonnenuntergang den letzten Pass überwunden und die Hochebene erreicht hatte, musste ich mit Schrecken feststellen, dass auch auf der Hochebene kein Wasser, sondern nur Sumpf war. Nach mittlerweile fast elf Stunden war ich völlig dehydriert und konnte mein Gepäck auch nicht mehr tragen. Mit Mühe stellte ich das Zelt auf und machte mich mit der Stirnlampe im sumpfigen Gelände auf die Suche nach Wasser. Endlich fand ich ein langsam fliessendes Bächlein, kein sauberes Trinkwasser, aber ich konnte nicht mehr und filterte es. Es war so kalt, dass der Filter einfror, aber ich musste es trinken. In der Nacht brachte ich kein Auge zu, fürchterlicher Durchfall plagte mich und es ging mir so schlecht wie noch nie. Aber ich musste weiter. Glücklicherweise erreichte ich nach etwa zwei Kilometern den ersten See und dort stiess ich auf eine Jurte. Überglücklich konnte ich bei der Familie wieder Kräfte tanken. Am Nachmittag kamen von der andern Seite die Schweizer Melanie und Moris mit ihrem Guide Paggy und seinem Pferd an. Da sie für die Weiterreise kein Pferde mehr brauchten, konnte ich Paggy und sein Lastpferd übernehmen. Das war buchstäblich eine Ent-Lastung. Nun konnte ich auch wieder radeln und nach einigen Tagen erreichte ich die Wüste – pünktlich zum Wintereinbruch in der Mongolei. Mit genussvollem Wüsten-Radeln war aber gar nichts. Im eiskalten Gegenwind auf schlechter Piste kam ich gerade mal auf 6 Km/h.

Ich hatte die Schnauze voll und wollte so schnell wie möglich von Bogd aus mit dem Minibus nach Arvaikheer fahren. Diese Entscheidung war genau richtig, denn in der Nacht schneite es ununterbrochen. Am frühen Morgen war ich dann schon wieder im Bus in Richtung Ulaanbaatar. Die Erfahrungen in der Mongolei waren extrem, aber ich bin froh, dass ich sie gemacht habe. Ich weiss jetzt, dass es auch in ausweglos scheinenden Situationen immer einen Ausweg gibt.

Jetzt freue ich mich auf China, auf zum nächsten Abenteuer!

 

Ausgabe vom 12.10. – Quer durch die Wüste Gobi

Wir erreichten den höchsten Pass auf 2100 m.ü.M. und haben nur 20 Meter neben der Strasse unser Lager aufgeschlagen. Bis zum nächsten Mittag sind gerade mal zwei Busse und ein Motorradfahrer an uns vorbeigefahren. Der Motorradfahrer hielt neben uns an und blieb für ein gemeinsames Frühstück.

Als wir vor ein paar Tagen die Ostseite des Sees hochgefahren sind, habe ich einen paradiesischen Flecken gesichtet. Damals mussten wir noch etwas Strecke abradeln, aber ich hatte mir geschworen, halt beim nächsten Mongoleibesuch an diese Stelle zum Campen zurückzukehren. Weil wir nun denselben Weg zurück mussten, konnte ich meinen Reisefreunden dieses traumhafte Flecklein Erde schmackhaft machen. Wir campierten hier die nächsten drei Tage. Es war eine wunderbare Erfahrung. Diese Stille, Einsamkeit, ein wärmendes Lagerfeuer und die Sterne zum Greifen nahe. Ich werde mir über vieles in meinem Leben bewusst. Die Mongolei war und bleibt meine Traumdestination.

Nach einem weiteren Tag radeln endete spät abends unser Koehvsgoehlsee-Abenteuer. Ich war überglücklich, dass meine Hinterradfelge diesen ganzen Trip mitgemacht hat und dass wir schon um 10 Uhr morgens ein Taxi zurück nach Moeroen finden konnten. Von Moeroen nach Ulaan Baatar folgte dann nochmals ein 700 Km langer Höllenritt in einem völlig überfüllten Minibus. Nach einer schlaflosen Nacht im Minibus erreichten wir am 20. September Ulaan Baatar. Dank eines Kontaktes von Alex’ Bruder, sind wir auf unseren neuen Freund Froit gestossen. Er hat uns an der Stadtgrenze abgeholt und wir sind dann zu viert zu seinem Häuschen im Zentrum geradelt.

Hier haben wir nun alle Freiheiten, die wir brauchen, eine tolle Gastfamilie, die uns alle Wünsche von den Lippen liest. Mein Visum konnte ich bereits um einen weiteren Monat verlängern und die bestellte Felge ist zusammen mit meinem auf Garantie ausgetauschten Gepäckträger eingetroffen.

Am 25. September werde ich den weiteren Verlauf meiner Reise planen. Voraussichtlich werde ich in der Mitte der Mongolei das Orkhon Valley bereisen und später quer durch die Wüste Gobi nach China reisen.

Somit wird es wohl einige Wochen dauern, bis ich wieder Internetzugang haben werde und mich melden kann. Bis dann sende ich Grüsse aus dem goldenem mongolischen Herbst.

 

Ausgabe vom 28.9. – Endlich wieder Internetanschluss

Lange ist es her, seit ich von meiner Reise berichten konnte. Internetverbindungen zu finden, ist keine einfache Aufgabe. In der Zwischenzeit ist viel passiert, ein Abenteuer folgt dem anderen. Nun sitze ich im Garten von Froit und verfasse das erlebte zu einem Artikel für den Rigi Anzeiger zusammen.

Am 20. September befinde ich mich im Garten von Froit im Zentrum von Ulaanbaatar. Froit ist ein gebürtiger Holländer, der seit fünf Jahren in der Mongolei lebt und zusammen mit seiner mongolischen Frau Ganbolor und Tochter Ochko Jurten nach Europa exportiert. Es tut gut, mitten in dieser hektischen Stadt einen so gemütlichen europäischen Rückzugsort mit samt netten Gasteltern gefunden zu haben.

Beim letzten Artikel aus Russland hatte ich gerade die zwei deutschen Medizinstudenten und Radreisenden, Alex und Arne, kennengelernt. Seit Ulan-Ude sind wir als perfekt funktionierendes Trio unterwegs.

Angefangen hats in Ulan-Ude: Eigentlich wollten wir nur eine Nacht in der Stadt bleiben und dann gleich weiterreisen. Wir blieben drei volle Tage. Vivienne, eine deutsche Couchsurferin, stellte uns ihre Wohnung zur freien Nutzung zur Verfügung, während sie ein Germanistik-Seminar am Baykalsee besuchte. Am 29. August brachen wir dann doch gemeinsam auf. Es fehlten uns noch 250 Kilometer bis zur Mongolischen Grenze. Das Russland Visa von Alex und Arne war nur noch bis Ende Monat gültig, und so mussten wir uns auf anstrengende Tage mit vielen zu fahrenden Kilometern einstellen.

Als wir den Stadtrand von Ulan-Ude erreicht hatten war es schon ziemlich dunkel geworden, so dass wir unser erstes gemeinsames Camp in einem Feld mit etwas Abstand zur Strasse aufgeschlagen mussten. Ich fühlte mich gleich viel befreiter als in der Stadt. Am nächsten Tag mussten wir dann mindestens 100 km radeln. Der starke Gegenwind erschwerte dieses Unterfangen um ein vielfaches. Trotzdem haben wir es geschafft, auch wenn ich nach dem letzten harten Anstieg ziemlich gerädert war, habe ich dennoch Placinte gekocht. Placinte sind mit Marmelade oder Käse gefüllte Teigtaschen nach rumänischer Art. Alex und Arne haben ein riesiges Lagerfeuer aufgetürmt. Nach einer Weile hat uns Arne mit meiner Mundharmonika und langgezogenen Töne in den Schlaf geträllert. In dieser Nacht wurde es zum ersten Mal so richtig kalt. Für mich kein Problem, mein Daunenschlafsack zahlt sich aus. Auch Alex hat einen warmen Daunenschlafsack, nur Arne friert, er hat auf Synthetik gesetzt. Den Deutschen ist auch am Morgen so richtig kalt, ihnen wird bewusst, dass sie so schnell wie möglich Winterkleider kaufen müssen. Abhilfe kommt beim Radeln, den Anstieg vom Vortag noch in den Knochen, noch 100 Höhenmeter überwinden – und eine 17 km lange Abfahrt mit starkem Rückenwind.

Die Landschaft hat sich schlagartig verändert und mir wird bewusst, dass in nur 100 Kilometer mein Kindheitstraum in Erfüllung gehen wird. Diese Abfahrt war der bisher emotionalste Moment meiner Reise. Der Fahrtwind trocknete mir die Freudentränen gleich wieder aus dem Gesicht und ich war so stolz auf das Erreichte, dass ich mein Glück kaum fassen konnte. Fortan kamen nur noch kleinere, völlig verwahrloste Siedlungen, die wir schnellstmöglich wieder verlassen haben. Die Strecke war nochmals sehr anspruchsvoll: nach 6,5 Stunden reiner Fahrzeit erreichten wir völlig erschöpft die letzte russische Stadt vor der mongolischen Grenze. In Kyakhta wollten wir so nahe von der Grenze nicht im Wald zelten. Glücklicherweise hatten die deutschen Freunde noch einen Kontakt von einer Museumsdirektorin in Kyakhta. Sie hat uns ein Hotelzimmer organisiert, für dass wir nicht bezahlen mussten. Der Museumsbesuch am nächsten Morgen war ein Volltreffer, ich habe noch nie ein so schönes Museum besucht. Die sehr gut erhaltenen und schön präsentierten Exponate zeugten von der lebhaften Geschichte Russlands, der Mongolei und von China. Am ersten September war auch noch Einschulung in Russland und so waren die Kinder alle schön angezogen, die Jungs im Anzug und die Mädchen mit Schleifen in den Haaren.

Dieser Morgen hat bei uns einen positiven Eindruck Russlands hinterlassen. Für Alex und Arne ging ein dreimonatiger Russland-Aufenthalt zu Ende, jeden Abend geniesse ich die verrückten Geschichten, die sie erlebt haben. Meine prägenden Erlebnisse beschränken sich auf eine tolle Zugfahrt mit der Transib, die vielen netten Backpacker, die mich zeitweise begleitet haben und die herrliche Natur in der Baykal Region. Klar, Moskau, Irkutsk und Ulan-Ude waren eindrückliche Städte, aber ich fühle mich einfach in Grossstädten nicht so wohl. Meine Gedanken drehen sich ständig um die Weiten der Mongolischen Steppe und die abgelegenen Orte Chinas, die ich noch finden werde …

 

Ausgabe vom 31.8. – Von Irkutsk nach Ulan-Ude

Wieder einmal anders, als geplant. Als Weltenbummler lernt man schnell, spontan zu entscheiden. Am Freitagnachmittag habe ich nach zwei Tagen Warten, mein Mongolei Visa erhalten. Auf dem grossen Markt habe ich noch schnell Kabelbinder besorgt – was gar nicht so einfach war, so ohne Russischkenntnisse. Nur noch das Gepäck abgeholt und endlich losradeln.

Immer auf der 55 Richtung Baikalsee. Ich hoffte, dass ich noch vor dem Abend den See erreichen würde, hatte jedoch nicht mit solchen Anstiegen gerechnet. Die Gegend ist wunderschön und ich habe mich sogar etwas heimisch gefühlt. Der Unterschied lag in der unendlichen Weite der herrlichen Mischwälder in der Baikal Region.

Nach 1200 Höhenmeter und knapp 80 Kilometer in sechs Stunden Fahrzeit wurde es aber dann doch schneller dunkel, als ich dachte und ich entschloss mich kurzfristig, auf einer verlassenen Strasse mein Zelt aufzustellen. Schnell kochte ich hungrig Pasta mit Tomatensauce. Das Feuermachen wurde zur Geduldsprobe, das nasse Holz war nur schwer entflammbar. Nach etlichen missglückten, verlor ich die geduld und goss ein Sprutz Spiritus aus der Benzinflasche darüber. Noch nicht genug, die feine Sauce stellte sich zu meiner Überraschung als Tomaten Ketchup heraus, und so verging mir rasch der Appetit. Doch was solls: Ich musste Kräfte tanken, um für den morgigen Tag fit zu sein.

Gut ausgeschlafen, habe ich vorgestern kurz nach Mittag die Weiterreise bei stahlblauem Himmel Fortgesetzt. Mit einer Rekordgeschwindigkeit von 75 Km\h dem Baikalsee entgegen. Nach knapp 100 Kilometern bin ich dann zum ersten Mal am Baikalsee schwimmen gegangen. Wer hätte das gedacht, dass an diesem See die Brandung richtig Lärm machen kann und die Wellen knapp einen Meter gross sind. Ein wunderschöner Sonnenuntergang verzauberte meine Bucht in ein farbenfrohes Paradies. Ein Fischer hat mir netterweise drei kleine Fische geschenkt und ich genoss an diesem Abend ein köstliches Mahl. Unter dem Sternenhimmel am Lagerfeuer bin ich völlig zufrieden eingeschlafen. Kurz nach ein Uhr morgens bin ich dann doch noch in die Hängematte gesprungen. Gott sei Dank, denn am frühen Morgen ist eine Regenfront herangebraust und hat mir einen unangenehmen Tag bereitet. Nach 50 Kilometer im strömenden Regen radelnd, habe ich mich spontan entschlossen, mit dem Zug bis nach Ulan-Ude zu fahren.

Tanja aus dem Hostel in Irkutsk habe ich es zu verdanken, dass ich neue Weggefährten kennenlernte. Alex und Arne, zwei Veloreisende aus Deutschland, waren zwei Tage vor mir im selben Hostel und hatten ein Woche Vorsprung. Durch meinen Schnellspurt mit dem Zug in der Nacht, habe ich sie nun gerade eben in Ulan-Ude in der Bibliothek getroffen.

Wir werde mal schauen, was wir an Erfahrungen austauschen können. Zunächst haben sie mir eine Unterkunft bei einer Kautschsurferin besorgt und morgen machen wir dann mal weitere Pläne wie unsere Reise weiter gehen soll. Ich möchte so schnell wie möglich über die Grenze in die Mongolei. Es fehlen mir nur noch ca. 250 km und dann wird mein Kindheitstraum Wirklichkeit.
Der Blog meiner neuen Freunde ist sehr aufschlussreich. Schaut rein unter www.heiter-immer-weiter.de

 

Ausgabe vom 10.8. – Wohlfühlklima 120 Meter unter der Erde

Diese Kolumne kommt aus Christinau in Moldavien. Nun bin ich schon seit über einem Monat mit meinem vollgepackten Drahtesel unterwegs. In dieser Zeit habe ich unglaublich viele neue Freunde kennengelernt und staune immer wieder über die Hilfsbereitschaft der Menschen in diesen fremden Ländern.

Aus Oradea bin ich wieder alleine weitergereist. Mein Weg führte zur Unterkunft in Cluj Napoca bei Georgetta. Georgetta hatte ich mit meinen temporären Weggefährten an einem Folklorefest auf dem Monte Gaina kennengelernt. Die gebürtige Rumänin ist in Belgien aufgewachsen. Nach 25 Jahren im Westen hat sie sich in ihre Heimat zurück getraut und lebt hier nun ihren Lebenstraum. Sie hat einen umgebauten Stall gekauft und will hier ein kleines Hotel für naturbezogene Gäste errichten. Ihr Gästeanbau befindet sich noch in der Bauphase. Zur Überbrückung betätigt sich Georgetta als Imkerin und versorgt sich so weit wie möglich aus ihrem wunderschoenen Garten. Ich durfte ihr mit Kleinigkeiten im Garten behilflich sein und bin dann nach einer erholsamen Nacht am nächsten Mittag weiter geradelt.

In Sovata habe ich eine sehr stark von Touristen überflutete Stadt vorgefunden. Dort gibt es einen Warmwasser-Salzsee, in dem sich Tausende von Touristen tummelten. Ich habe den See eher als einen kleinen, völlig überbewerteten Tümpel empfunden und habe mich schnell in den Wald zum Campen verzogen.

Eindrücklich hingegen war die einstige Salzmine, die ich in Praid am nächsten Morgen besuchte. Nach deren Stilllegung haben verschiedene Untersuchungen gezeigt, dass in diesen Hölen ein besonders gutes Klima herrscht. Die Luft ist sehr rein, die konstante Temperatur äusserst angenehm. Die Einheimischen nützen jetzt diesen Ort als Erholungsoase, und es gibt sogar ein Gesundheitszentrum für Asthmatiker und andere Krankheiten. Ich habe mich als Tourist in diesen Höhlen, 120 Meter unter der Erde, sehr wohl gefühlt und mich für einige Stunden entspannt, bevor es dann hiess: «Aufsatteln» für die kommende, wohl strapaziöse Überquerung der Karpaten.

Der erste Teil der sehr langen Steigung verlief problemlos und ich erreichte nach einer kurzen Abfahrt ein Hochplateau, wo ich auf einem Minicamping übernachtete. Am nächsten Morgen hat es dann ununterbrochen geregnet. Ich bin trotzdem am Mittag zum zweiten Teil der Karpatenueberquerung aufgebrochen. Der anhaltende Regen störte mich nicht, denn ich kam bei angenehmer Temperatur problemlos über diese kräfteraubenden Berge. Kurz vor Bicaz bin ich dann drei Schweizern begegnet, die mit ihren Velos eine dreiwöchige Fahrradtour aus der Ukraine nach Bulgarien unternahmen. Eine weitere Nacht im Zelt am von Müll uebersähten Stausee von Bicaz und einer Nacht unter freiem Himmel am Fluss Siret, an dem ich dummerweise meine Isomatte verbrennen lies, bin ich schliesslich in Iashi angekommen. Vlad, der nette Mechaniker eines Bikshops hat mich bei einem seiner Freunde einquartiert und so habe ich Alex kennengelernt. Mit ihm konnte ich am folgenden Tag eine neue Isomatte kaufen, abends hat er mit seinen Freunden ein Barbeque veranstaltet, an dem auch über die Perspektiven junger Rumänen diskutiert wurde. Erneut wurde mir bewusst, wie privilegiert wir in der Schweiz leben, dass unser System es zulässt, mit Wille und Einsatz fast alle unsere Pläne verwirklichen zu können. In Rumänien wird kaum was zur Förderung junger Menschen unternommen. Träume müssen Träume bleiben.

Gestern bin ich über 150 Kilometer in 8,5 Stunden reiner Fahrzeit geradelt. Es ist erstaunlich, wie schnell sich mein Körper an extreme Belastungen gewöhnt hat.
Nun bin ich in Christinau angekommen und werde versuchen, morgen die Ukraine zu erreichen. Ich hoffe, dass dort die Strassen wieder etwas besser werden, denn in Moldavien sind sie sehr schmal, mit extrem vielen Schlaglöchern.

Immerhin, gewisse Autofahrer nehmen hier wenigstens etwas Rücksicht auf mich und meinen vollgepackten Drahtesel und bremsen gar etwas ab. Sehr viele grüssen und hupen – ich nehme an, um mich anzufeuern.

 

Ausgabe vom 3.8. – Rumänien ist eine Reise wert

Soeben habe ich mich von meinen zwei neuen Freunden verabschiedet, Nicolas und Olivier aus Frankreich. Seit Donnerstagmorgen vor einer Woche haben wir unser Abenteuer gemeinsam gelebt.

Angefangen hat das Ganze wie aus heiterem Himmel: Zwei Velofahrer kamen mir aus der anderen Richtung entgegen, und wir bogen zur selben Zeit in die gleiche Nebenstrasse ab. Nach einigen Worten in Englisch habe ich sofort erkannt, dass hinter dem charmanten Akzent Franzosen steckten. Ab diesem Zeitpunkt pedalte ich nicht mehr alleine durch die Gegend. Für eine Woche setzten wir unsere Reise gemeinsam fort. An unserer ersten Mittagsrast zeigte sich, dass diese kleine Gruppe gut harmonierte. Die beiden Franzosen schwärmten mir von den nächsten 500 Kilometern in Rumänien vor und machten mir ihre Art zu reisen schmackhaft. Eine ziemlich gelassene Art. Sie hielten zum Beispiel wenn immer möglich eine Siesta und assen immer genug und gesund. Das Kulturelle war ihnen viel wichtiger als mir. Bot sich auch nur die kleinste Gelegenheit etwas Spannendes zu erfahren, hielten meine neuen Reisegefährten an, zückten die Kameras oder versuchten mit Einheimischen i

n Kontakt zu kommen. Ihre Reiseeindrücke halten die beiden Franzosen fest auf  www.danubeavelo.blogspot.com

Diese gemütlichere Art und Weise zu reisen hat mir sehr gut gefallen und ich konnte mich schnell lösen von meinem Plan, nach Moskau zu fahren. Ich nehme nun doch den ursprünglich geplanten Weg nach Volgograd.

Aufgrund dieser Entscheidung verfolgten wir drei nun dieselbe Route. Gemeinsam radelten wir in Richtung Rumänien. Ungarn hatten wir schnell hinter uns gelassen. Nach angenehmem Rückenwind plagte uns jedoch am Freitag heftiger Gegenwind. Da machte sich mein voll bepackter Drahtesel bemerkbar. Zudem verfügten meine Begleiter Olivier und Nicolas über einen Monat mehr Training in den Beinen und ich konnte gerade mal so mithalten. Immerhin. Nach diesem harten Tag hatte ich sozusagen meine Mutprobe bestanden und sie haben mich, so wie ich bin, adoptiert und der gemeinsamen Reise stand nichts mehr im Weg.

In Odessa angekommen wollten die beiden Franzosen einige Tage den Nationalpark von Apuseni erkunden. Es stellte sich die Frage, mit welchem Fortbewegungsmittel wir das relativ grosse Gebiet bereisen sollten. Zur Wahl standen unser Velo, öffentliche Verkehrsmittel, zu Fuss oder mit einem Mietauto. Weil wir in kurzer Zeit so viel wie möglich sehen wollten, tauschten wir unsere Velos gegen ein Mietauto.

Während diesen fünf Tagen quer durch den Nationalpark sind wir an unglaublich schönen Orten vorbeigekommen, haben enorm viel Eindrücke erhalten über die Art und Weise, wie die Menschen mit dem Wenigen, das sie haben, glücklich leben. Manchmal wurden wir für einige Momente sogar Teil ihres alltags.

Ich erinnere mich gerne an die schweisstreibende Erfahrung mit Ilie zurück, dem Bauern, bei dem wir seine Wiese mähten. Ich weiss nun, wie hart die Arbeit als Kleinbauer mit wenig Mitteln sein kann. Und trotzdem habe ich bei ihm zu keiner Zeit eine Art Frust darüber gespürt. Er lebt sein Leben mit einer erstaunlichen Gelassenheit und freut sich über das Erreichte. Stolz liess er uns von seinem Schnaps probieren, stellt uns seine Familie vor und posierte vor seinem Pferd für ein gelungenes Foto.

Genau für solche Momente bin ich bereit, jeden Tag aufs Neue aufzubrechen und mich auf das Ungeplante einzulassen, zu akzeptieren, wie der Moment es kommen lässt.

Diese Ferien während meinen Ferien sind wie im Flug vergangen. Ich habe gemerkt, dass ich ab heute Abend dennoch meinen Weg wieder alleine gehen muss. Wir haben uns verabschiedet im Wissen, des gegenseitigen Schätzens und Respekts. Jedoch hat jeder seine eigene Reise. Es ist gut so.

Ich habe in dieser kurzen Zeit viel über die beiden Franzosen und auch mich erfahren. Ich geniesse diese Tage der Veränderung und besinne mich auf das Privileg, auf diese Art reisen zu dürfen. Vielen Dank an dieser Stelle auch meinen Eltern, die es mir ermöglichten, zu werden, was ich jetzt bin und mir diese offene Art des Lebens beibrachten.

In diesen Tagen der Freude gibt es dennoch wirklich traurige Augenblicke. Ich habe an wirklich fast jeder Ecke Rumäniens, auch wenn sie noch so abgelegen oder auch auf 1658 Meter Höhe liegt, Abfall zusammen gelesen um ihn in einer Tonne zu entsorgen. Es ist schrecklich zu sehen, dass so viele Leute keine Rücksicht gegenüber der Natur zeigen und so sorglos damit umgehen.

Nichtsdestotrotz überwiegen die positiven Eindrücke von Rumänien. All die Vorurteile bezüglich Kriminalität und Unfreundlichkeit kann ich nicht bestätigen. Rumänien ist wirklich eine Reise wert und ich bin mir sicher, ich werde in diese wunderschöne Gegend zurückkehren.

Die Weiterreise in unvorhersehbare Abenteuer zieht mich jetzt raus an die frische Luft.

 

Ausgabe vom 20.7. – Und schon in Budapest

Schon 16 Tage meiner Reise sind vorüber, aber es kommt mir vor, als sei ich soeben an der Reuss losgeradelt. Dabei liegen über 800 Kilometer Luftlinie dazwischen. Inzwischen habe ich es bis nach Budapest geschafft und zwei Ruhe-Tage eingeschaltet.

Das Radeln bis hier hin hat mir enorm viel Spass bereitet. So viele tolle Menschen zu treffen und sie für eine kurze Zeit Teil meiner Reise werden zu lassen, ist eine wunderbare Erfahrung. Ich freue mich über meine körperliche Verfassung. Mein Knie, das ich zu Beginn meiner Reise etwas schonen musste,  kann ich nun voll belasten. Ich kann alles aus mir rauspowern. Es ist erstaunlich, wie schnell sich mein Körper an diese täglichen Strapazen gewöhnt hat.

Mit dem Wetter ist es so eine Sache. Eigentlich wünscht man sich immer genau das Gegenteil von dem, was gerade ist. Entweder ist es zu heiss oder viel zu nass. Inzwischen stört mich das Wetter kaum mehr und im Rückblick ist es mir gar nicht mehr so bewusst, dass ich extreme Temperaturwechsel und viele Gewitter überstanden habe. Offenbar habe ich mich schon damit abgefunden, ein ganz kleiner Teil in der Natur zu sein. Ich kann das Wetter so akzeptieren, wie es halt eben ist und ich freue mich jeweils abends, wieder einen kleinen Teil von meiner grossen Reise geschafft zu haben.

Schon einige Male durfte ich unerwartete Angebote für Übernachtungen annehmen bei sehr freundlichen Menschen. Sofern ich mich sicher fühle, schlafe ich aber wenn möglich immer draussen in meiner Hängematte oder in meinem Zelt. Campingplätze gibt es momentan auf meiner Route an fast jeder Ecke und ich habe des Öfteren auf die komfortableren Annehmlichkeiten nicht verzichten wollen. In Budapest habe ich nun meine Batterien wieder voll aufgetankt und bin jetzt bereit für meine Weiterreise.

Voraussichtlich werde ich meine Route etwas ändern und ab jetzt in Richtung Moskau radeln. Nicht nur, weil die Distanz etwas kürzer ist, sondern weil ich mit auf dieser Strecke etwas mehr Abwechslung in der Landschaft erhoffe. Danach werde ich mit der Eisenbahn von Moskau nach Irkutsk mit einem Direktzug reisen. Somit müsste ich nicht dauernd umsteigen und kann so einen schönen Teil der Transsibirischen Route ziemlich bequem erleben.

Änderungen sind aber noch vorbehalten. Ich muss nochmals in Ruhe darüber schlafen. Und ansonsten freue ich mich, dass mein Super Velo nach wie vor bestens mitrollt. Ich musste bis anhin erst zweimal platte Reifen reparieren und einmal in Maribor meinen Gepäckträger schweissen lassen. Es ist toll wie unkompliziert die Menschen sind. Sobald das Problem erkannt ist, braucht es nicht viele Worte zu wechseln. Es wird sofort geholfen und direkt erledigt. Die Verständigung klappt ziemlich gut, jedenfalls komme ich irgendwie zum Ziel – stets gemeinsam lachend mit dem Gegenüber.

 

Ausgabe vom 13.7. – Erste Woche überstanden

Das Abschiedscamp an der Reuss entpuppte sich als gute Idee: Ich konnte mich gemütlich an mein neues Vagabundenleben gewöhnen und meine Freunde und Verwandten hatten alle genug Zeit, sich von mir zu verabschieden. Den emotionalsten Abschied gab es für mich in Arth zu bewältigen, wo ich meine Freundin Melanie, Hund Gucci, Mutter Dominique, Vater Nick, Bruder Jean-Marc mit Freundin Florences und Cousine Tanja und Nicole zurückliess.

Mein Abenteuer hatte nun definitiv begonnen. Wie entfesselt radelte ich den Steinerberg hoch. Mein Knie hat mich jedoch schnell in die Schranken gewiesen, und ich musste dann den Weg bis zur Schweizergrenze so schonend wie nur möglich fahren. Trotzdem bin ich gut vorangekommen. In zwei Tagen, quer durchs Südtirol, vorbei an den Dolomiten, runter an der Drau, bis an den Wörthersee.

Ich werde jetzt weiter an der Drau bis nach Bormio radeln und von dort an den Balatonsee in Ungarn.

Auf meiner gesamten bisherigen Route habe ich täglich viele interessante und hilfsbereite Menschen getroffen. Von vielen erfahre ich Bewunderung und Freude an der Begegnung. Einer wollte sogar mitfahren, hätte er nur früher davon erfahren …

Bis auf die zwei Platten war mit meinem Velo alles in Ordnung und ich hoffe, dass das so bleibt.