Rigi Anzeiger
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Entlang der Seidenstrasse

Gespräch mit Buchautor Christian Münger aus Meierskappel

In zwei Taschenbüchern hat der pensionierte Christian Münger seine Reiseeindrücke entlang der legendären Seidenstrasse festgehalten und sein reiches Wissen über geschichtliche Grössen, wie Marco Polo und Dschingis Khan sowie über asiatisch-arabische Kulturen einbezogen.

Was hat Sie bewegt, als Einzelperson im Jahr 2009 tausende von Kilometern der Seidenstrasse in China und in Zentralasien zu folgen?
Seit meiner Jugendzeit faszinieren mich geschichtliche Ereignisse, Biografien historischer Gestalten, fremde Länder und andere Kulturen. In der Bibliothek von Zug stiess ich vor Jahren auf ein abgegriffenes Buch von Sven Hedin. Der schwedische Vermessungsingenieur reiste anfangs des 19. Jahrhunderts entlang der ehemaligen Seidentrasse, die sich u. a. wie ein Saum um die Wüste Takla Makan zog. Ihn packte die Sucht, in den Gräbern verlassener Städte nach den durch Trockenheit bestens erhaltenen Grabbeigaben zu suchen. Er rüstete Expeditionen aus und fand auch tatsächlich an ganz abgelegenen Orten Erstaunliches. Er entdeckte beispielsweise vertrocknete Körper von hellhaarigen Hünen aus dem Stamm der Skythen, einem Reiternomadenvolk, das einige Jahrhunderte vor Christus hier siedelte sowie tausend Jahre alte Textilien in ganz frischen Farben.

Christian Münger

Christian Münger

Und wie konnten die Mongolen im 13. Jahrhundert n. Chr. das flächenmässig grösste Reich aller Zeiten beherrschen?
Auch diese Frage beschäftigte mich. In einer Lifestyle-Zeitschrift sah ich im Jahr 2008 ein kleines Inserat zu einer Ausstellung in Treviso bei Venedig, die sich mit der Seidenstrasse und Dschingis Khan, dem bedeutendsten Führer der Mongolen, befasste. Diese Anzeige weckte mein Interesse. Ich machte mich auf nach Treviso. In dieser Ausstellung erstand ich zwei grossformatige Bildbände über die Geschichte der Seidenstrasse und über das Leben Dschingis Khans. Diese Bildbände zogen mich in ihren Bann. Das alles wollte ich mit eigenen Augen an den ursprünglichen Orten sehen. Die Planung einer Reise über die Seidenstrasse hatte begonnen.

Was war nicht planbar? Mit welchen Überraschungen musste man rechnen?
Einfach nur hingehen und dann weiterschauen – das funktioniert nicht in asiatischen Ländern mit den für uns fremden Sprachen und Schriftzeichen. Ohne das vorbereitete Reisedrehbuch in den Sprachen Französisch, Chinesisch und Arabisch wäre dieses Abenteuer nicht möglich gewesen. Wie viele Male habe ich diese Liste einem Taxifahrer oder einer Angestellten an der Hotelrezeption hingehalten und mit dem Finger auf eine Ortsbezeichnung gezeigt, bei der ich zu sein glaubte. Mein mit dem Internet gefundener Reiseagent in Urumqi hat aufgrund meines zugestellten Reiseplans an der Seidenstrasse typische Hotels für mich reserviert.

Der Start meiner Reise auf der Seidenstrasse war in Xi’an, China, etwa 1000 Kilometer westlich von Beijing. Sie führte über mehr als 5000 Kilometer über Kashgar nach Urumqi im Nordwesten der chinesischen Provinz Xinjiang, nahe der russischen Grenze.

Bereits in Xi’an wählte ich eine Einzelführung durch die Ausgrabungen der Terrakotta-Armee. Weiter im Westen waren die Führungen weniger professionell oder es gab gar keine. Da kam dann oft mein Kultur-Reiseführer zum Zuge.

Ich überstand ich die lange Reise ohne grössere Probleme. An keinem Ort in China oder in Zentralasien hatte ich meine Sicherheit als gefährdet empfunden. In China sind die Strafen für kleine Vergehen so hoch, dass niemand sich wagt, etwas anzustellen. In den 3-Sterne-Hotels wurde das Geld in Holzschubladen ohne Schloss aufbewahrt. In Zentralasien ist der Islam nach dem Abzug der Sowjets wieder erstarkt, die Strafen sind drakonisch (Sharia). Es gibt keine sichtbare Verbrechens-Kultur, ausgenommen den Drogentransport nach Westen über die Seidenstrasse.

Sie haben zwei Taschenbücher geschrieben als Reiseberichte, als Tagebücher. Das erste berichtet von der Seidenstrasse im heutigen China, das zweite von Ihrer Reise auf der Seidenstrasse in Zentralasien, in Usbekistan. Wie sind Sie gereist?
Von Peking nach Xi’an reiste ich mit der chinesischen Eisenbahn. Sie hat vier Klassen anzubieten. Als Tourist erhält man nur die 1. oder 2. Klasse. Ich wählte die 2. Klasse und war gut aufgehoben mit einem frisch angezogenen Liegebett. Für mich gewöhnungsbedürftig waren die Menschenmassen. Reiste z.B. eine ganze Schule mit der Bahn, so waren das tausende von Schülern. Sie hatten ein «Vorrecht» auf die Züge. So musste ich einen nächsten Zug nehmen, dreissig Minuten später.

Ab der Oase Wuwei wechselte ich auf den gut funktionierenden Busbetrieb, weil die Eisenbahnlinie zu weit entfernt von der alten Seidenstrasse verläuft. Ein Busticket war für Ausländer nur erhältlich, wenn eine bei der «China Life» abgeschlossene Lebensversicherung vorgewiesen werden konnte. Westliche Versicherungen zählten nicht, schon wegen der für Chinesen nicht lesbaren Schrift. Doch das Busfahren war nicht immer eitel Vergnügen. An den Nachmittagen brannte die Sonne erbarmungslos durch die Scheiben. Vorhänge gab es zu wenig, jeder zog sie zu sich. Ich als Fremder war benachteiligt und musste die mörderische Hitze ohne Schutz ertragen. In den Städten habe ich mich bei kürzeren Strecken zu Fuss, bei längeren mit dem Bus bewegt. Stadtbusse sind sehr preisgünstig; 30 Minuten Fahrt kosteten etwa 10 Rappen.

Sie haben in einigen historischen Städten in «originellen» Hotels übernachtet?
Während meiner Reise wollte ich nicht in «Kästen» von Luxus-Hotelketten übernachten; die sehen doch auf der ganzen Welt gleich aus. Die Leute der Reisebüros haben mir wirklich spezielle Hotels reserviert. In Buchara war es beispielsweise ein kleines „Boutique-Hotel“ in der Altstadt. Zwei junge Russen führten als Unternehmer diese kleine Herberge. Sie hatten nach der Erlangung der Unabhängigkeit Usbekistans von der Sowjetunion ein halb zerfallenes Herrenhaus renoviert und vermieten jetzt zehn Zimmer in usbekischer Atmosphäre. Die zwei machten alles selber, auch die Rezeption bis spät in die Nacht. Sie sprachen englisch und ich hatte interessante Gespräche mit ihnen. Warum die Schweiz nicht in der EU sei, alles wäre doch dort besser, meinten sie.

Sie haben Baudenkmäler aufgesucht, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Welches Bauwerk hat Sie am meisten fasziniert?
In allen Kulturstätten, die ich in Usbekistan besucht habe, gibt es Monumente oder ganze Stadtviertel, die im Register des Weltkulturerbes der UNESCO aufgeführt sind. Mir blieb als Europäer oft die Sprache weg! Ich konnte nur noch staunen über die türkisblauen Kuppeln mit Tambour und den unermesslich reich verzierten Himmelsgewölben im Innern. Im strengen Islam dürfen in der Kunst keine Menschen dargestellt werden. So bildeten sich in Zentralasien ganze Künstler-Dynastien heraus, die eine immense Vielzahl pflanzlicher und geometrischer Motive auf Keramikplatten bannten. Einige eindrucksvolle, grossartige Bauwerke habe ich in meinen Büchern beschrieben.

Gur-e-Amir-Mausoleum, Timur

Gur-e-Amir-Mausoleum, Timur

Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um als Einzelperson eine solche Reise prästieren zu können?
Optimismus, Abenteuerlust, Selbstdisziplin, gute Beobachtungsgabe, Anpassung an die wechselnden Umstände und Anerkennen der fremden Kulturen. Einmal das einfache Leben leben, dann wieder den Luxus geniessen! Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein im Auftreten gegenüber den Einheimischen waren wichtig.

In der Rückschau auf die lange Reise: Welches waren für Sie die grössten Herausforderungen?
Die beiden Bücher sind aus täglich erfassten Berichten entstanden, die ich jeden Abend in meinen Laptop eingetippt habe. Nicht beschrieben habe ich die grosse Unsicherheit, die manchmal fast Übermenschliches von mir abverlangte. Nach Xi’an waren die Ortschaften und Wegweiser nur noch in chinesischer oder arabischer Sprache beschriftet. Oft prüfte ich nach der Abfahrt des Busses die Zeichen auf den Wegweisern, ob sie mit den Zeichen auf meinen Papieren übereinstimmten. So hoffte ich in die richtige Richtung unterwegs zu sein. Von Personen an der Hotel-Rezeption war auch nicht grosse Hilfe zu erwarten. Diese fanden meist, ich sei sowieso verrückt, alleine zu reisen. Meistens wusste auch niemand, wo sich die von mir gesuchten Sehenswürdigkeiten befanden. Die benötigten Dinge zum Leben und Reisen kaufte ich in neueren Kaufhäusern zu einem meist tiefen, fixen Preis. Nur was ich dort nicht fand, suchte ich auf dem offenen Markt. Das Feilschen brauchte viel Mut und ermüdete mental. Doch so ein Basar ist ein Leckerbissen für das Auge und den Gaumen.

 

Zur Person
Geboren am 25. Oktober 1945 im Kanton Zürich
Ausbildung: eidg. dipl. Organisator und weitere kaufmännische Diplome
Berufliche Tätigkeiten: Organisation und Analysen für grössere Versicherungen
Welche Bücher lesen Sie gern: Geschichte
Was fördert die Schreiblust: Meine Freude am Erstellen von Zusammenfassungen (Analysen) für andere Menschen.
Wovon träumen Sie noch: Nachforschungen betreiben können über das Leben von z.B. Alexander dem Grossen oder eines römischen Kaisers und jene Orte aufsuchen, an denen sie sich gemäss Geschichtsschreibung aufgehalten haben.

Bücher
•    Seidenstrasse in China heute – Durch den Hexi-Korridor und die Takla Makan in Xinjiang, China (2010)
•    Seidenstrasse in Zentralasien – Historisches und das Leben heute. Tagebuch einer Reise (2011)