Rigi Anzeiger
Der Rigi Anzeiger ist die führende gratis Wochenzeitung für die Luzerner, Schwyzer und Zuger Regionen Rontal und Rigiland. Der Rigi Anzeiger erscheint seit über 50 Jahren in einem sehr interessanten Erscheinungsgebiet, einer WEMF-beglaubigte Auflage von 35 728 und wird jeden Freitag mit den regionalen News von der Post in alle Briefkästen im Einzugsgebiet verteilt.

Fluss im Regenwald oder doch Sugar Daddy?

Obwohl ich mich inzwischen in Bangkok äusserst gut zurechtfinde, mit einer grossen Anzahl der thailändischen Gepflogenheiten vertraut bin und dank meinen Schulkameraden und einer aufgeschlossenen Nachbarin über einen ziemlich grossen Bekanntenkreis verfüge, habe ich noch immer tagtäglich mit Sprachproblemen zu kämpfen.

Abseits der touristischen Plätze wie etwa des grossen Palastes, den bekanntesten Tempeln, der Ausländer-Partystrasse Khao San und dem Wochenendmarkt Chatuchak spricht nämlich kaum jemand Englisch. Dies hatte mich vor allem zu Beginn ziemlich überrascht, wird Bangkok doch öfters als Weltstadt beschrieben. Um aber trotz der Sprachbarriere einigermassen mit den Einheimischen kommunizieren zu können, habe ich stets ein kleines Wörterbuch dabei, in dem die wichtigsten Sätze und Begriffe enthalten sind. Damit kann ich in den meisten Fällen erfolgreich erklären, wo ich hin möchte, Wegbeschreibungen verstehen, die Zutaten eines Gerichtes in Erfahrung bringen und Essen bestellen. Ausserdem kann ich mich relativ ausführlich vorstellen, da ich gemerkt habe, dass die sich viele Thais – vor allem die Bewohner von ländlichen Gebieten – sehr für uns «Westler» interessieren. Gelingt es mir nach oben beschriebenen Mini-Dialogen manchmal auch noch, ein bisschen Smalltalk mit meinem Gegenüber zu betreiben und eine Bemerkung zum Wetter oder der Umgebung zu machen, ist dies aber schon das höchste aller Gefühle.
Die thailändische Grammatik ist grundsätzlich nicht besonders anspruchsvoll. So werden Verben nicht konjugiert und es gibt weder die im Deutschen üblichen Fälle noch Artikel. Thai ist allerdings eine Tonsprache, was bedeutet, dass die richtige Aussprache zentral ist. So unterscheiden sich die Sätze für «Es ist weit weg» beziehungsweise «Es ist in der Nähe» bloss durch die Länge des Aussprechens eines einzigen Vokals. Weiter erklärte mir eine Mitschülerin, dass die gleiche Abfolge von zwei Buchstaben je nach Betonung entweder «Fluss im Dschungel» oder «Sugar Daddy» heissen kann. Dadurch befürchte ich ständig, vielleicht unbewusst jemanden zu beleidigen oder vor den Kopf zu stossen, weil eine Aussage durch einen zu langen, zu kurzen, zu tiefen oder zu hohen Umlaut falsch verstanden werden könnte.

Was wohl auf diesem Schild steht?

Was wohl auf diesem Schild steht?

Die Essensbestellung auf Märkten war eine der ersten sprachlichen Herausforderungen, die ich zu meistern lernte.

Die Essensbestellung auf Märkten war eine der ersten sprachlichen Herausforderungen, die ich zu meistern lernte.

Meine Bemühungen werden von den Einheimischen aber sehr geschätzt. Die Besitzerin eines kleinen Essensstandes in der Nähe meiner Wohnung lobt mich beispielsweise jedes Mal, wenn ich sie auf Thai begrüsse und sie frage, wie es ihr geht. Als ich das erste Mal fehlerfrei meine Bestellung für Reis mit Fleisch und Gemüse in der scharfen Sauce zum Mitnehmen aufgeben konnte, war sie schier ausser sich vor Freude und rief gleich ihren Sohn, damit er sich das ebenfalls anhöre. Der war auch begeistert und holte die beiden Marktstandbesitzer von nebenan hinzu. Schliesslich musste ich meine Bestellung so oft vor einer immer grösser werdenden Gruppe an Menschen wiederholen, dass ich zu befürchten begann, aus Versehen eine Zweideutigkeit gesagt zu haben, die nun alle köstlich amüsierte. Aus den Gesprächen zwischen zwei Frauen entnahm ich aber die Phrase «spricht gut», was mich sehr beruhigte. Sollte fortan jeder Fortschritt so gelobt werden, freunde ich mich ja vielleicht eines Tages doch noch mit der thailändischen Sprache an. Auf jeden Fall werde ich fleissig weiterüben.

E-Mail aus Bangkok 1: Nächster Halt Tempel und Abgase 

E-Mail aus Bangkok 2: Warnungen stellen sich als nichtig heraus 

E-Mail aus Bangkok 3: Autorität der Lehrer ist unangetastet 

E-Mail aus Bangkok 4: Nur kleine Wolken über Bangkok 

E-Mail aus Bangkok 5: Bequeme Thais und hinterlistige Tuktukfahrer

E-Mail aus Bangkok 6: Wehe dem, der den König nicht ehrt

E-Mail aus Bangkok 7: Rollerunfälle sind Todesursache Nummer eins

E-Mails aus Bangkok 8: Fluss im Regenwald oder doch Sugar Daddy?

E-Mails aus Bangkok 9: Andere Länder, andere Tischsitten 

 

Stephanie Sigrist aus Risch absolviert ein Austauschsemester in Bangkok und berichtet darüber regelmässig im Rigi Anzeiger.