Rigi Anzeiger
Der Rigi Anzeiger ist die führende gratis Wochenzeitung für die Luzerner, Schwyzer und Zuger Regionen Rontal und Rigiland. Der Rigi Anzeiger erscheint seit über 50 Jahren in einem sehr interessanten Erscheinungsgebiet, einer WEMF-beglaubigte Auflage von 35 728 und wird jeden Freitag mit den regionalen News von der Post in alle Briefkästen im Einzugsgebiet verteilt.

«Frostwarnung» aus einer Gemeinde

Buchrain: Ein Schreiben des Finanzvorstehers Patrick Bieri vom 10. Februar, betitelt mit «Frostwarnung aus Buchrain» (auch auf www.buchrain.ch › Neuigkeiten), thematisiert unter anderem die steigenden und besorgniserregenden Gesundheits- und Sozialkosten. Wir stellten dazu Patrick Bieri ein paar Fragen.

Patrick Bieri, ist Ihre Frostwarnung als Hilfeschrei oder Appell zu verstehen?
Es sind Gedanken zu aktuellen Themen im Gesundheits- und Pflegebereich. Themen, welche die Gemeinden beschäftigen und die Bevölkerung betreffen. Es ist ein Appell zu Mut. Mut zum Aufbruch und Mut zu Visionen. Die Ausführungen sollen die verschiedenen Problematiken und Zusammenhänge aufzeigen und zu Diskussionen sowie Denkanstössen anregen.

Erreichte Ihr Schreiben bereits Bundesbern, eventuell sogar den Bundesrat?
Wer weiss. Immerhin hat gemäss meinen Informationen das Schreiben aus dem Rontal bereits die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) des National- und Ständerates erreicht.

Wie fielen erste Reaktionen aus?
Überraschend positiv. Von allen Stufen (Bund, Kanton, Gemeinde) erhielten wir von PolitikerInnen Komplimente für die umfangreichen und sehr treffenden Schilderungen sowie auch Anerkennung für den Mut, das Schreiben zu versenden und nicht nur die Faust im Sack zu machen.

Ihr rund viereinhalbseitiges Schreiben beinhaltet die Themen Sozialhilfe- und Gesundheitskosten (inklusive Betreuungs- und Pflegekosten), EL, IV, AHV, Krankenkassenprämien, über die schon seit einigen Monaten/Jahren diskutiert und debattiert wird. Änderungen scheinen (noch) nicht in Sicht. Erhoffen Sie sich durch Ihre Worte, dass endlich Nägel mit Köpfen gemacht werden?
Ich will mit den anschaulichen Fallbeispielen die Bundes- und KantonsparlamentarierInnen sensibilisieren, bei zukünftigen Gesetzesänderungen und Reformen die Gemeinden nicht zu vergessen. So sollen die Aussagen mehr befruchtend als belehrend sein. Konkret erhoffe ich mir einfach, dass auch heikle und unpopuläre Themen auf die politische Agenda kommen und wir Diskussionen über Reformen, Leistungsstandards / -beschränkungen und Eigenverantwortung nicht weiter tabuisieren.

Buchrain

Bei Ihren Ausführungen zur EL sind Sie der Ansicht, dass die Aufgaben bzw. die finanzielle Verantwortung zu entflechten sowie entweder dem Bund oder den Kantonen übertragen werden sollten. Weshalb sollen hier die Gemeinden nicht auch ihren Teil dazu beitragen?
Verbundaufgaben erschweren die Einflussmöglichkeiten erheblich und sind wohl zu einem grossen Teil für fehlende Reformen verantwortlich. Studien zeigen, dass für die langfristige Steuerbarkeit des EL-Systems eine Entflechtung der Verbundaufgabe erfolgen muss. Bisher bezahlt der Bund für Entscheide, die auf kantonaler Ebene gefällt werden – und umgekehrt. Diese Konstellation ist äusserst ineffizient und erschwert die Lösungsfindung enorm. Weiter leidet auch die Kostentransparenz erheblich. Eine Alibi-Gemeindeautonomie nützt niemandem.
Die Entflechtung der EL hätte effektiv die Konsequenz, dass die EL-Thematik von den Gemeinden generell wegkommen muss. Wenn die EL-Thematik beim Kanton angesiedelt wäre, dann können Massnahmen breiter greifen und der Kanton kann lenken. Eine einzelne Gemeinde kann keine lenkenden Massnahmen vornehmen. Coaching, geschützte Arbeitsplätze bis zur Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt kann man nur mit gebündelten Kräften machen. Somit hätte es der Kanton in der Hand an verschiedenen Parametern zu schrauben und die gewünschten Effekte zu erreichen.

Viele der IV- und EL-Bezüger wären sehr froh, sie könnten arbeiten, erhalten jedoch keine Chance. Müssten nicht die Gesellschaft und die Firmenwelt mehr in die Pflicht genommen werden?
Bei meinen Recherchen für diesen Appell bin ich auch auf konkrete Fälle gestossen, bei denen Menschen gerne arbeitstätig gewesen wären, aber keine Chance erhielten – dies sind Erfahrungen der Betroffenen, die einen echt wütend machen. Die Gründe: immer weniger Arbeitsplätze für Niedrig-Qualifizierte, mehr Konkurrenz für weniger Leistungsfähige, die unsichere Wirtschaftslage.
Um eine Verbesserung zu erreichen müssten mehr Stellen geschaffen und Instrumente wie z.B. Arbeitsversuche eingesetzt werden. Aber wichtig sind auch Massnahmen, dass Leute erst gar nicht aus dem Erwerbsleben herausfallen; die Früherfassung hat dabei grosses Potenzial. Kurzum, ich sehe tatsächlich die Wirtschaft auch in der Pflicht.

Nicht nur die bessere Medizin treibt die Gesundheitskosten in die Höhe, auch die Pharmaindustrie mit ihren überhöhten Medikamentenpreisen und Managerlöhnen. Hier wäre doch ein Ansatz dringend nötig. Weshalb meiden viele Politiker dieses Thema?
Wir haben nicht DIE Lösung und haben grossen Respekt und Anerkennung für die Aufgaben der Kantons- und Bundespolitiker. Es ist halt einfach so, dass es viel zu starke Lobbys aus der Gesundheitsversorgung (Krankenversicherer, Ärzte, Pharma, etc.) gibt, die einen riesigen Einfluss auf die Entscheidungsfindung haben. Zudem sind die Zusammenhänge so komplex, dass visionäre Lösungen nur bei genügend Druck zustande kommen. Wir hoffen, mit unserem Appell neben den medialen Themen Steuern, Asyl oder Zwangsferien dieses Thema auf das politische Parkett zu bringen und so den Druck langsam zu erhöhen.

Ihr Vorschlag einer Einheitskasse wurde vom Volk bereits abgelehnt. Bräuchte es nicht andere Regulierungen, Kontrollen, damit die Prämien nicht weiter ansteigen?
Das heutige System hat keine Rezepte für die Zukunft. Kostenverschiebungen und Prämienverbilligungen lösen das Problem nicht. Kostendämpfende Massnahmen und Anreizsysteme wären das Gebot der Stunde. Eine provokative Idee wäre eine regionale Einheitskasse, nach dem Beispiel Österreichs. Dort hat jedes Bundesland eine Krankenkasse. Diese stehen zwar nicht im direkten Wettbewerb, es entstünde aber trotzdem ein Benchmarking. In Kombination mit einer kantonalen Zuständigkeit für Ergänzungsleistungen, Pflegekosten, Gesundheitsangeboten und einer kantonalen Krankenkasse würde eine klare Verantwortlichkeit für das ineinander verflochtene Thema entstehen. Es kann davon ausgegangen werden, dass bei einem solchen Konstrukt die Härtefälle nicht durch die Maschen des sozialen Auffangnetzes fallen werden. Wenn die Gemeinden am Ende der Kette nicht mehr einfach zahlen müssen, so könnten ein Interesse und eine realistische Chance einer Lenkung entstehen.

Werden die Pflegekosten in Zukunft nicht eher abnehmen? Fakt ist doch, dass Menschen bis ins hohe Alter sich vermehrt einer guten Gesundheit erfreuen, eigenständig leben möchten und dementsprechend Modelle des altersgerechten Wohnens immer gefragter werden.
Es ist tatsächlich so, dass Menschen bis zu einem mittlerem Pflege- und Betreuungsbedarf in der Regel möglichst lange unabhängig und selbstbestimmt leben möchten. Dies ist vor allem zu Hause möglich. Der immer spätere Eintritt von betagten Menschen geht jedoch einher mit einer steigenden Komplexität von Handlungen der Pflege und Betreuung. Grund dafür sind die Zunahmen von Mehrfacherkrankungen, Polypharmacie und dementiellen Erkrankungen. Gleichzeitig stellen wir steigende Ansprüche von Betagten und ihren Angehörigen fest. Die Ansprüche und Voraussetzungen haben sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt. Weiter werden in den nächsten Jahren die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer-Generation das Pensionsalter erreichen und der Personalnotstand im Pflegebereich ist bereits heute spürbar. Die Realität ist daher wohl, dass wir um Kostensteigerungen nicht herumkommen. Eine Dämpfung ist das realistische Ziel.

 

Aktuelle Zeitung

Leserbilder Sommer 2016

Leserbilder Sommer 2016

Leserbilder Sommer 2016

Like uns auf Facebook!

Razli

Razli

Partner

Partner

Horoskop

Horoskop