Rigi Anzeiger
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Fünf Wochen sind nicht genug

Petition für sechs Wochen Ferien für alle Lehrlinge

Lehrlinge – Lernende, wie es heute richtig heisst – haben bis zum vollendeten 20. Altersjahr fünf Wochen Ferien. Zu wenig, meint Marc Ulmann. Zusammen mit zwei Kollegen lancierte er die Petition für sechs Wochen Ferien für alle Lernenden. Ende November wird sie dem Kantonsrat übergeben.

Profitieren von einer zusätzlichen Ferienwoche würde Marc Ulmann selber nicht mehr. Der 19-Jährige ist im dritten Lehrjahr und beendet im nächsten Sommer seine Lehre als Kaufmann E-Profil. Trotzdem machen sich er und seine beiden Berufsschulkollegen Damian Biller und Nicola Unternährer für das Anliegen stark. Beweggründe haben sie viele. So haben ihre Recherchen ergeben, dass mehr als die Hälfte der Lernenden psychische Probleme haben, viele unter einem Burnout leiden. «Die Anforderungen bezüglich Leistung, Verantwortung und Kompetenzen sind enorm gestiegen. Die Folge davon sind erhöhter Druck, Überforderung und Stress. Nicht nur bei Erwachsenen, sondern zunehmend auch bei Jugendlichen während der Lehre», sagt Marc Ulmann. «Fünf Wochen Ferien sind zu wenig, um sich zu erholen.»

Marc Ulmann ist überzeugt vom praxisnahen Ausbildungsweg.

Jugendliche, die sich für den schulischen, also den gymnasialen Weg entscheiden, haben nach der obligatorischen Schulzeit weiterhin 13 Wochen Ferien. Lernende mit dem Eintritt in die Lehre auf einen Schlag nur noch fünf Wochen. Gegeneinander ausspielen will Marc Ulmann die unterschiedlichen Ausbildungswege aber nicht. Trotzdem sei es ein Unterschied, ob man im geschützten Rahmen eines Schulzimmers seine Ausbildung mache, oft freie Nachmittage habe, oder ob man ständig switchen müsse zwischen Arbeitsplatz, Berufsfachschule und Überbetrieblichen Kursen. «Dazu kommen je nach Prüfungsphase mehr oder weniger Hausaufgaben, die allesamt abends nach der Arbeit zu erledigen sind», gibt Marc Ulmann zu bedenken. Er weiss, wovon er spricht: «Mein Arbeitstag dauert in der Regel bis etwa 17.30 Uhr. Komme ich dann – je nachdem, was und wie viel im Geschäft los war – ziemlich geschafft nach Hause, muss ich noch lernen. Täglich, wenn ich gute Noten und einen erfolgreichen Lehrabschluss will. Für Freizeit und Sport bleibt dann kaum noch Zeit.»

Aus diesem Grund hat Marc auch seine sportlichen Aktivitäten beschränken müssen. Er, der leidenschaftliche Sportler in Disziplinen wie Fussball, Tennis oder Joggen, hat den aktiven Sport während der Lehre auf ein Minimum reduziert. Einmal pro Woche trainiert er jetzt noch beim FC Meggen. «Mehr liegt nicht drin», sagt Marc Ulmann.

Und in der Tat – viele geben während der Lehre ihre Mitgliedschaft in einem Sportverein auf, weil sie für das regelmässige Training kaum noch Zeit finden.

 

Immer jünger in die Lehre

Trotzdem ist Marc Ulmann überzeugt von seinem Ausbildungsweg und von unserem dualen Berufsbildungssystem. Er würde auf jeden Fall diesen Weg wieder wählen. Die Mischung aus Theorie und Praxis, zwischen Lehrbetrieb und Berufsfachschule, findet Marc Ulmann ideal. «Mit 19 oder 20 Jahren ist man ein Berufsmann oder eine Berufsfrau, steht mit beiden Beinen im (Berufs-)Leben, weiss, wie es in der Geschäftswelt zu und her geht. Wir erfahren dies nicht erst nach einem Studium mit 25 Jahren. Wir stehen schon früh an der Berufsfront», sagt er und betont: «Die Lehre muss attraktiv bleiben. Unsere Berufsbildung ist weltweit einzigartig und von hoher Qualität. Wir müssen aber Sorge tragen zu den jungen Lernenden, die zudem bei Lehreintritt zunehmend jünger werden, da das Schuleintrittsalter nach vorne verschoben wurde. Künftig werden vermehrt bereits 14-Jährige in die Lehre kommen.»

Auch deshalb die Petition für mehr Ferien, mehr Erholungszeit. «Auch wenn diese zusätzliche Woche dann einmal ‹nur› fürs Lernen für die Lehrabschlussprüfung gebraucht wird, macht sie Sinn», sagt Marc Ulmann.

Das Argument, wonach Lehrbetriebe diese zusätzliche Abwesenheitswoche kaum verkraften könnten, lässt er nicht gelten. «Es gibt bereits heute Lehrbetriebe, die ihren Lernenden mehr Ferien geben und damit gute Erfahrungen machen. Es ist doch besser, man hat motivierte, gesunde und erholte Lernende, als solche, die ständig überfordert sind, weil sie den Spagat zwischen Arbeit, Schule und Freizeit nicht oder nur schwer schaffen», meint Marc Ulmann und: «Schliesslich sind die Lehrlinge von heute, die Berufsleute von morgen.»

 

Sechs statt fünf Wochen

Marc Ulmann ist überzeugt, dass die zusätzliche Ferienwoche viel bringen würde. Bei ihrer Unterschriftensammlung sind die jungen Petitionäre denn auch bei vielen auf offene Ohren gestossen. «Nicht nur Lehrlinge unterschreiben, auch Erwachsene, Eltern von Jugendlichen zum Beispiel, die die Probleme kennen. Aufgrund unserer Petition haben gar schon vereinzelt Lehrbetriebe die Ferien der Lernenden erhöht», freut er sich.

Für ihn ist die Petition eine gute Sache, um auf das Anliegen aufmerksam zu machen. Marc ist der Jüngste einer fünfköpfigen Familie, wohnt mit seinen Eltern am Stadtrand zu Meggen und er geht mit offenen Augen durchs Leben: «Ich mache mir schon meine Gedanken. Politik interessiert mich, vielleicht trete ich einmal einer Jungpartei bei. Welche dies sein wird, weiss ich aber noch nicht.»

Zunächst einmal wird Marc Ulmann die Lehre abschliessen. Anschliessend möchte er – als junger Kaufmann mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis – die Berufsmatura machen, berufsbegleitend. Und dann später studieren.

Marc Ulmann hat sich für die praxisnahe Ausbildung entschieden. Auch wenn er sehr viel weniger Ferien hat, als seine Kollegen, die den Weg via Gymnasium wählten. Vielleicht kommt bald eine zusätzliche Ferienwoche dazu. Dass schon viele die Petition unterschrieben haben, zeigt, dass das Anliegen interessiert. Marc Ulmann und seine beiden Kollegen hoffen, dass sie auch bei den Arbeitgeberverbänden und den Lehrbetrieben im Kanton Luzern auf Verständnis stossen und dann vielleicht gar schweizweit eine Änderung möglich ist.

Infos: www.mehrferienpro.ch