Rigi Anzeiger
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Haben Asylbewerber negative Auswirkungen?

Meggen: Die Gemeinde Meggen hat aufgrund der grossen Anzahl Asylsuchender im Jahr 2015 dem Kanton Luzern für ein Jahr die Zivilschutzanlage Huob sowie einen Aufenthaltspavillon für maximal 50 Personen zur Verfügung gestellt. Lorena Brücker, Maturandin aus Meggen, hat sich in ihrer Maturaarbeit mit den Auswirkungen der Einquartierung von rund 50 asylsuchenden Männern in diese Anlage auf die unmittelbare Nachbarschaft auseinandergesetzt.

Lorena Brücker mit ihrer Maturaarbeit «Von fern so nah» vor der Zivilschutzanlage Huob in Meggen. Bild zVg.

Lorena Brücker mit ihrer Maturaarbeit «Von fern so nah» vor der Zivilschutzanlage Huob in Meggen. Bild zVg.

Was hat Sie bewogen, sich mit der Flüchtlingsthematik allgemein und mit der Situation in Ihrer Wohngemeinde Meggen zu befassen?

Ob im Fernsehen, in der Zeitung oder im Radio – überall begegnete mir die Flüchtlingsthematik. Diese Aktualität und Omnipräsenz weckte mein Interesse. Ich wollte mehr zu dem Thema erfahren, um das aktuelle Weltgeschehen besser zu verstehen. Als ich in der «Gmeindsposcht Meggen» über die Einquartierung von Asylsuchenden in die Zivilschutzanlage meiner Wohngemeinde las, wurde mir klar, in welche Richtung meine Arbeit gehen sollte. Ich wollte wissen, wie sich ein solches Asylzentrum in nächster Nähe auswirkt.

In Ihrer Maturaarbeit haben Sie einleitend die folgende Hypothese aufgestellt: «Die Einquartierung von Asylbewerbern hat negative Auswirkungen auf die Nachbarschaft.» Wie sind Sie zur Verifizierung dieser Annahme vorgegangen?

Oft werden mit der Flüchtlingsthematik negative Assoziationen verbunden. Die Menschen befürchten ein Sicherheitsrisiko, haben Angst vor Kriminalität, Bedenken hinsichtlich fremder Kulturen und Religionen. Nicht unschuldig sind dabei die vielen negativen Berichterstattungen in den Medien. Zur Verifizierung meiner bewusst etwas provokanten These habe ich eine umfangreiche Umfrage in der Nachbarschaft der Asylunterkunft gemacht und verschiedene Interviews geführt.

Fünf Monate nach Einquartierung der Asylsuchenden haben Sie in einer anonymen Umfrage mit 200 verteilten Fragebogen die Auswirkungen der Unterbringung von rund 50 jungen Männern, insbesondere aus Eritrea, Afghanistan, Syrien, Somalia, Äthiopien, Irak und Westafrika, erforscht. Welche Resultate und Erkenntnisse ergaben sich aus dem Rücklauf von rund 100 Fragebogen?

Ein grosser Teil meiner Umfrage beschäftigt sich mit den Emotionen der unmittelbaren Nachbarn. Die Flüchtlingsthematik löst generell Anteilnahme, Hilflosigkeit und Mitleid aus, insbesondere bei den Frauen. Bei vielen Männern vor allem Unbehagen oder gar Angst, aber auch einfach Interesse. Eine komplexe Thematik löst komplexe Gefühle aus. Die bevorstehende Einquartierung in Meggen weckte vor allem Interesse und Unbehagen, aber auch Anteilnahme und Neugier. Fünf Monate nach der erfolgten Einquartierung sind Interesse, Anteilnahme und Hilfsbereitschaft am stärksten vertreten. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass im Laufe der Zeit die positiven oder zumindest neutralen Emotionen zu- und die negativen Emotionen abgenommen haben. Rund ein Viertel der Befragten war der Ansicht, dass die Einquartierung Auswirkungen auf die Nachbarschaft hat. 15 % hatten ihr Verhalten geändert, 11 % Vorkehrungen getroffen und 26 % hatten Vorurteile. Effektive Vorkehrungen und Verhaltensänderungen wurden dank dem reibungslosen Verlauf jedoch keine gravierenden getroffen. Die Auswirkungen waren vor allem emotionaler Art. Die Einquartierung hat die Flüchtlingsthematik näher gebracht und das Problem bewusster gemacht. Waren die Asylsuchenden von fern den Befragten doch plötzlich so nah.

Zur Beantwortung Ihrer Fragestellungen zu den Auswirkungen der Aufnahme von Flüchtlingen auf die Nachbarschaft haben Sie zusätzlich an mehreren Asylbegleitgruppensitzungen teilgenommen und je ein Interview mit dem Asyl- und Flüchtlingskoordinator sowie der Betreuerin der temporären Unterkunft Meggen durchgeführt. Welche Kernaussagen der Interviewten waren für Ihre Arbeit relevant?

Der ehemalige Flüchtlingskoordinator hat in Meggen zu Beginn viel Skepsis und Ängste vor Diffusem erlebt, die sich jedoch relativ schnell in Luft auflösten. Mehrheitlich sei die Einquartierung von Anfang an akzeptiert worden. Kontakt habe vor allem über Freiwilligenarbeit stattgefunden, da die Hemmungen der Bevölkerung relativ gross gewesen seien.
Gemäss der Betreuerin sei das Einzigartige an Meggen, dass von der Gemeinde eine Koordinatorin für die Freiwilligenarbeit angestellt worden sei und die Bevölkerung damit eine Anlaufstelle gehabt habe. Weil viel Engagement in Meggen da gewesen sei, habe es viele Berührungspunkte mit den Asylanten gegeben. Durch die Einquartierung sei die Nachbarschaft dazu gebracht worden, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Asylsuchenden seien Teil der Nachbarschaft geworden. Man habe gegenseitig Vertrauen gefasst und es hätten sich Beziehungen entwickelt.

Welche eigenen Beobachtungen haben Sie gemacht?

Die Asylsuchenden machten einen gepflegten, freundlichen, teilweise ein wenig schüchternen Eindruck. Oft sah ich sie beim Telefonieren. An von der Gemeinde organisierten Anlässen erschien die Bevölkerung zahlreich und war interessiert. Die Stimmung war fröhlich und ausgelassen – ein positives kulturelles Miteinander.
Ich hatte den Eindruck, dass die Gemeinde Meggen die Bevölkerung gut auf die Asylsuchenden vorbereitete und die Abläufe rund um die temporäre Asylunterkunft vorbildlich organisiert hat.

Welche Folgerungen ziehen Sie aus Ihrer Arbeit?

Meine These, die Einquartierung von Asylsuchenden habe negative Auswirkungen auf die unmittelbare Nachbarschaft, ist so nicht korrekt. Die Einquartierung hatte zwar schon Auswirkungen auf die unmittelbare Nachbarschaft, doch können diese nur in wenigen Einzelfällen als wirklich negativ angesehen werden. Oft waren es einfach subjektive Wahrnehmungen oder Emotionen, die kaum erklärbar sind und denn auch nicht begründet wurden.

Wie haben Sie persönlich die Flüchtlingsproblematik im Zusammenhang mit Ihrer Maturaarbeit erlebt?

Die Flüchtlingsthematik ist eine sehr breite, komplexe und interessante Thematik, die sich in stetigem Wandel befindet und uns noch lange beschäftigen wird.
Einmal mehr wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, neugierig und offen zu sein, um sich unbefangen auf Fremdes einzulassen. Wie das Beispiel Meggen zeigt, können dabei neue Chancen entstehen und unser Zusammenleben bereichert werden.

Interview Jost Peyer