Rigi Anzeiger
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Heimat auf Zeit

Immensee: Das Leben im Internat ist fordernd, aber auch bereichernd – zum Beispiel im Gymnasium Immensee.

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Corina Meyer und Robin Zoller beim gemeinsamen Aufgaben lösen.

red. Zur Klärung vorneweg: Das Gymnasium Immensee beherbergt eigentlich zwei Internate – eines für die Schüler/-innen von der ersten bis zur vierten Gymnasialklasse, eines für die jungen Erwachsenen ab der fünften Klasse. Zentrales Arbeitsinstrument für die Mitarbeitenden im Internat für Jüngere ist ein Ordner. Dort wird eingetragen, wer wann und wo sein Abendstudium macht, wer welches Ämtli zu erledigen hat, wer einen Ausnahmejoker gesetzt hat (darf man dreimal pro Semester), wer eine grüne Karte eingelöst hat (als Belohnung fürs Ämtli), wer eine Lernverlängerung beantragt hat, wer wo den Abendsport besucht. Praktisch leer ist – für den Besucher überraschend – die Spalte «Ausgang».

Da läuft etwas
Die Überraschung legt sich, wenn man merkt, wie gut ein Abend im Internat für die Jüngeren strukturiert ist: Abendessen, Abendsport, Studium, Nachtimbiss, Freizeit, Lichterlöschen. Nur fällt das kaum auf, wenn man zu Besuch ist. Höchstens das Studium von acht bis neun Uhr schafft ab und zu individuellen Diskussionsbedarf. «Die Abläufe sind sehr gut eingespielt, wir haben kaum disziplinarische Probleme», sagen die Mitarbeitenden. Sie heissen Beate Idelmann, Desirée Rust, Corina Meyer und als Internatsleiter Joze Mubi. Sie sind im Internat vor allem eines: präsent. Denn im Vordergrund stehen nicht die Regeln, sondern das Leben. Das reicht von «Hallo Beate, ich brauche ein Lineal», über «ich finde meinen Zimmerschlüssel nicht mehr» bis zu «habt ihr das jetzt organisiert mit dem Weihnachtsmann, so wie wir das im Internatsrat besprochen haben?» Der Internatsrat heisst hier «Barralrat» und prägt die Gemeinschaftskultur aktiv mit. So ist der Schülerinitiative zum Beispiel die Tradition des «Wichtelns» zu verdanken. Immer vor Weihnachten erhält jede Schülerin und jeder Schüler drei kleine Geschenke – von welcher Kollegin oder welchem Kollegen, ist geheim.

Ankerpunkt «Nachtfood»
Nicht immer ist indes der Besuch einer Schülerin oder eines Schülers bei den Internatsmitarbeitenden von vornherein ersichtlich. Dann offenbart eine kurze Nachfrage im Stil von «wie geht’s dir?» den wahren Grund des Erscheinens. Vielleicht braucht es ein Gespräch unter vier Augen, oft helfen spontan Internatskameradinnen oder -kameraden, die Situation zu klären. «Solche Erfahrungen machen wir immer wieder», sagt Beate Idelmann. «Die Jugendlichen unterstützen einander auf eine gute Art und Weise.» Tatsächlich: Der Umgang der Jugendlichen untereinander ist über die Altersstufen hinaus auffallend zuvorkommend und rücksichtsvoll, das Klima entspannt. «Es ist ein Klima, das sich über Jahre entwickelt hat», sagt Peter Leumann, der zusammen mit Eliane Egli das Internat mit den Schülerinnen und Schülern des Obergymnasiums leitet. Beide sind neben einer Lehrtätigkeit am Gymi in einem Teilzeitpensum als Internatsbetreuerin und Internatsbetreuer tätig, wobei ein Arbeitsabend von 17.30 Uhr gut und gerne bis morgens um eins dauern kann. Der Regelrahmen ist weiter gesteckt als am Internat des Untergymi. «Das bedingt, dass wir – wo nötig – zusätzliche Strukturen und Lernhilfen individuell mit einzelnen Schülerinnen und Schülern aushandeln», sagt Peter Leumann. Beliebter Fixpunkt im Abendprogramm ist aber auch hier der so genannte «Nachtfood». Um viertel nach neun abends treffen sich die meisten Internatsbewohnerinnen und -bewohner im Gemeinschaftsraum zu einem Snack. Es wird gelacht, gescherzt, getratscht. «Wenn ich den Leuten erzähle, dass ich in einem Internat bin, habe ich schon zu hören bekommen, was ich denn angestellt hätte», sagt eine Schülerin und lacht. «Dann muss ich jeweils sagen, gar nichts, ich bin ganz freiwillig hier und finde es gut.» Sodann wendet sie sich wieder dem Lernen zu. «Ich bin ein Gruppenlerntyp», sagt sie, «das kann ich hier bestens ausleben.»

Erfahrungen fürs Leben
Andere ziehen sich auch gerne wieder zurück, und ja, es gibt sie, die persönlichen Probleme und Krisen. «Einen jungen Menschen aus einem Tief zu führen und wieder aufzubauen braucht viel Einfühlungsvermögen, viel Zeit und sehr viel Energie», sagt Peter Leumann. Umso schöner, wenn das zumindest teilweise gelingt, wenn ein junger Mensch in seiner Entwicklung einen Schritt nach vorne machen kann. «Wichtig ist, dass wir Betreuenden uns untereinander intensiv austauschen und absprechen», ergänzt seine Kollegin Eliane Egli. «Das hilft auch, um nach einem Abenddienst besser abschalten zu können.» Was auch hilft, ist die Gewissheit, dass viele Menschen aus ihrer Internatszeit in Immensee unschätzbare Erfahrungen mitnehmen. «Sehr oft bekommen wir Besuch von ehemaligen Internatsbewohnerinnen und -bewohnern», sagt Internatsleiter Joze Mubi. «Die einen berichten uns von Internatsfreundschaften, die ein Leben lang Bestand haben, andere sagen uns, dass sie ohne unsere Unterstützung das Gymi nicht geschafft hätten, und viele kommen einfach, um Danke zu sagen.»

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