Rigi Anzeiger
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Hektische Wohnungssuche für Evakuierte

Weggiser Gemeinderat sucht preiswerte Wohnungen für die vom Berg und Staat Vertriebenen

Bis Ende dieses Monats müssen vier Hausbesitzer und sechs Mieter ihre Häuser und Wohnungen in der Horlaui in Weggis aufgrund einer entsprechenden Verfügung der Gemeinde wegen «absehbarem Blockschlag» geräumt haben. Jetzt sucht die Gemeinde fieberhaft nach Ersatz- und Übergangswohnungen.

Mieter Jürg Kirchmeier hätte gerne seinen Lebensabend in seiner Wohnung an schönster Aussichtslage verbracht.

Mieter Jürg Kirchmeier hätte gerne seinen Lebensabend in seiner Wohnung an schönster Aussichtslage verbracht.

Plötzlich überstürzen sich die Ereignisse. Nachdem bereits seit Jahren über die, vor vielen Jahrzehnten ohne amtliche Genehmigung erbauten Wohnhäuser unterhalb des Felsbandes diskutiert wurde, müssen jetzt die Bewohner innerhalb eines Monats ihre Bleibe verlassen. «Die Gemeinde ist seit Anfangs Juni mit den Hausbesitzern im Gespräch und hat sie auf die neue Situation vorbereitet», erklärt Gemeindeammann Baptist Lottenbach. Im vergangenen Herbst stand der Gemeindeammann anlässlich einer Orientierungsversammlung über Naturgefahren vor rund 150 Besuchern und skizzierte unter anderem die Optionen im Fall Horlaui: 100-prozentige Fels- und Rutschsicherung sind unerschwinglich teuer. Entschädigungen für eine allfällige Zwangsräumung 3,2 Millionen, Abbruch des Wohnbauten und Felssicherung zugunsten der Kantonsstrasse 3,5 Millionen. Zuzüglich «Diverses» 1,8 Millionen. Macht zusammen 8,5 Millionen. Obschon einige Hausbesitzer schon vor der Präsentation dieser Kostenvarianten gegenüber den Medien Widerstand angekündigt hatten, blieb es an jenem Abend auffallend ruhig im Saal. Es gab keine kritischen Fragen zum Fall Horlaui. Der RigiAnzeiger hat berichtet.  Und jetzt also die Räumung innert Monatsfrist. «Die neusten Untersuchungen haben gezeigt, dass zwar das Hangrutsch-Risiko geringer ist als befürchtet. Hingegen könnten jederzeit Felsblöcke herunterkommen», begründet der Gemeindepräsident die plötzliche Eile. Ausgelöst werden könnten solche «Blockschläge» durch ein Erdbeben oder durch einen Sturm, der eine Tanne umwirft, die dann so einen Block aus seinem Gleichgewicht bringt.

«Gemeinde muss handeln»
Die Gemeinde sei verpflichtet, Wohnbauten in solchen Risikozonen zu verhindern und die Zone unbewohnbar zu machen. «Aus diesem Grunde müssen die Häuser nach ihrer Räumung abgebrochen werden», führt Lottenbach aus. Die örtliche SVP hat inzwischen ihre Besorgnis über das Vorgehen des Gemeinderates bekundet.
«Eine Enteignung ist das allerletzte Mittel, welches vom Staat oder von Behörden eingesetzt werden darf. Das vorgelegte Tempo dieses Entscheides erweckt den Eindruck, dass bereits jetzt eine grosse bestehende Gefahr droht. Wenn dem so wäre, hätte das Betretungsverbot sofort zu erfolgen», erklärt ihr Präsident Roger Riwar. Er zeigt sich im Weiteren irritiert über den Umstand, dass die unterhalb der zu evakuierenden Häuser durchführende und dicht befahrene Kantonsstrasse im Bedrohungsszenario offenbar kein Thema zu sein scheint. «Wie und bis wann wird die darunter liegende Kantonsstrasse geschützt?», fragt er. Und: «Wenn man im ganzen Kanton Luzern den gleichen Massstab anlegen würde, wieviele Enteignungen müssten ausgesprochen werden?».
Die zehn Zwangsevakuierten indes beschäftigt eine ganz andere Frage: Wo wohne ich ab dem 1. August ? Mieter Jürg Kirchmeier beispielsweise, der davon geträumt hat, seinen Lebensabend an seiner einmaligen Aussichtslage zu verbringen, hat «keine Ahnung» wie es jetzt weitergehen soll. «Ich habe keinerlei Mitteilung bezüglich der Räumung und des weiteren Vorgehens erhalten», erklärte er einen Tag nach der Publikation der Medienmitteilung gegenüber den Medien. Acht Jahre lang habe er völlig angstfrei im Steilhang gewohnt. «Und noch nie war auch das kleinste Steinchen auf dem Dach», berichtet er. Von der amtlich verordneten Räumung innert Monatsfrist habe er aus den Online-Medien erfahren.  Eine neue Unterkunft habe er nicht in Aussicht. Zwei Wochen vor dem Auslaufen der Räumungsfrist sucht die Gemeindeverwaltung noch immer neue Unterkünfte für die Vertriebenen. «Wir sind dankbar für die zahlreichen Angebote aus der Bevölkerung, suchen aber noch immer zumindest eine einzelne grössere und auch kleinere Wohnungen im unteren Preissegment», erklärte Gemeindepräsident Kaspar Widmer am Mittwoch.
Die Frage, ob gegen die Räumungsverfügung inzwischen Einspruch erhoben wurde, will er nicht beantworten. «Dazu kann man erst nach Ablauf der Einsprachefrist Ende Monat etwas sagen».

Text und Bilder Niklaus Wächter