Rigi Anzeiger
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Kolumne: Die Wächter

Die Erfindung der Schrift – in welcher Kultur auch immer – hat neue Denkstrukturen hervorgebracht. Der Schrift wird zugetraut, am Ursprung der Kulturen und der Zeitvorstellung zu stehen.

Federica de CescoDie Schrift war Auslöser für neue Formen der Politik. Wurden die Gesetze einmal schriftlich festgelegt, angewendet und übertragen, konnten sie im Laufe der Jahrhunderte allmählich den Anschein einer Naturordnung gewinnen. Allerdings konnte in früheren Gesellschaften nur eine Elite lesen und schreiben. So gewann sie Macht über die Gedächtnisstrukturen ihres Volkes und nutzte diese vorwiegend, um sich selbst an der Macht zu erhalten. Anderseits lief eine Kultur Gefahr zu verschwinden, wenn eine Naturkatastrophe oder ein Krieg – bei dem die Sieger alle Schriften der Besiegten vernichteten – die Bevölkerung von ihrem geistigen Erbe trennte. Hätten in früheren Epochen breitere Schichten der Bevölkerung lesen und schreiben können, wäre ein Verlust des kulturellen Gedächtnisses im geringeren Masse geschehen. Das Fazit: will ein Volk bestehen, muss es im breiten Rahmen Zugang zur Bildung haben. Die Bildung ermöglicht dem Individuum, Macht über seinen eigenen Geist zu gewinnen. Auf dieser Weise kann der Einzelne sich der kollektiven Beeinflussung entziehen. Wo charismatische Despoten mit flammenden Reden und Schlagworten, mit Paraden und Umzüge das Volk betören, schaffen sie eine Art Ausdehnung des Selbst – und viele laufen begeistert mit. Aber nicht alle. Jene, die ein kritisches Denken gelernt haben, lassen es nicht zu, dass das Wort «Freiheit» missbraucht wird. Sie sehen es als Aufgabe des eigenen Nachdenkens. Wenn Despoten mit Silberzungen die Worte verdrehen, wenn sie sich auf überholte Paradigmen berufen, die nur zu Unterdrückung und Grausamkeit führen, entlarven klarsichtige Menschen die Gefahr. Sie stehen ruhig da, abseits vom gehorsamen Trott der Herde. Sie werfen keine Steine, erheben kaum ihre leise, trotzige Stimme. Sie lassen sich nicht anlügen. Sie stehen im Dienst von Freiheit und Gerechtigkeit. Sie sind nicht alleine. Viele stehen um sie her. Sie sind die Schutzgeister hochgebildeter Völker, die sich nicht knechten lassen wollen. Weder von der Politik noch von der Religion. Sie sind die Wächter unseres Gewissens. Wir brauchen sie heute so nötig.

Federica De Cesco, Schweizer Schriftstellerin