Rigi Anzeiger
Der Rigi Anzeiger ist die führende gratis Wochenzeitung für die Luzerner, Schwyzer und Zuger Regionen Rontal und Rigiland. Der Rigi Anzeiger erscheint seit über 50 Jahren in einem sehr interessanten Erscheinungsgebiet, einer WEMF-beglaubigte Auflage von 35 728 und wird jeden Freitag mit den regionalen News von der Post in alle Briefkästen im Einzugsgebiet verteilt.

Kopf, Herz und Hand

Eine 12-Jährige, mit der ich hie und da Hausaufgaben mache, hat mir folgende Zeilen geschrieben:

Felix von Wartburg«Am Anfang fand ich die Oberstufe gut, da hatten wir noch weniger Hausaufgaben. Trotz Vorschaffen am Samstag und Sonntag reicht es trotzdem nie mehr zum Spielen mit Freunden. Wenn diese noch Hobbies haben geht auch Mittwoch und Samstag nicht. Am Sonntag ist meist Familientag. So besteht die Woche bei mir nur aus früh Erwachen (5:30 Uhr), Frühstunden, langer Schulweg mit dem Velo, kurzen Mittagspausen und nach der Schule anderthalb Stunden Hausaufgaben. Ich arbeite somit länger als mein Vater. Eigentlich gehe ich gerne zur Schule und lerne Neues, aber mit den vielen Hausaufgaben und dem früh Aufstehen und dem kurzen hektischen Mittag bin ich oft überfordert. Mir fehlt der Ausgleich! Ich wünsche mir eine Schule ohne Frühstunden, ohne Hausaufgaben und wenigstens eine Freundin, die da ist, wenn schon die Freizeit so knapp ist. Aber die haben wegen Hausaufgaben auch keine Zeit, mich zu sehen. Ich hätte Lust auf zwei Hobbys, aber ich weiss nicht, wie und wo ich diese einplanen könnte.»

Das ist eine erschreckende Erkenntnis einer Zwölfjährigen. So wie sie fühlen und denken viele ihrer Altersgenossinen und -genossen. Ich stehe ganz auf der Seite dieses Mädchens. Im Einklang mit vielen Hirnforschern, Psychologen und Pädagogen bin ich seit vielen Jahren der Ansicht, dass unser Schulsystem auf Abwege geraten ist. Der Begründer unseres Schulsystems, Johann Heinrich Pestalozzi, hat als Leitsatz für die Schulbildung das Motto gewählt: «Mit Kopf, Herz und Hand«. Pestalozzi hat man längst vergessen und seinen Leitsatz auch. Heute regiert nur noch der Kopf, jener der Schuldirektoren und der sie beeinflussenden Lobbyisten. Und die Köpfe unserer Schülerinnen und Schüler werden mit einer Zwangs-Injektion mit Wissen gefüllt, das für deren Zukunft, für ihr Leben und das Zusammenleben in der Gesellschaft von fragwürdigem Wert ist. Selbst Lehrpersonen zweifeln den Lehrstoff an. Wenn es wirklich das Ziel unserer Gesellschaft ist, junge Menschen zu Kopfmenschen zu erziehen, die keine Herzensbildung und keine Handfertigkeiten mehr haben, dann sind wir auf dem besten Weg dazu.

Die Schule sollte – so sehe ich das – in Ergänzung zum Elternhaus eine Vorbereitung auf das Leben sein. Wenn aber ein (sehr kluges und begabtes) 12-jähriges Mädchen jeden Tag anderthalb Stunden Hausaufgaben machen muss, keine Zeit mehr hat, sich mit Freunden oder Freundinnen zu treffen, oder einfach zu spielen, da ist es doch erlaubt, sich zu fragen, auf welches Leben diese Heranwachsenden denn vorbereitet werden sollen. Darf ein Kind heute nicht mehr Kind sein? Muss es schon mit 12 Jahren den Stress der Erwachsenen sich aneignen?
Felix von Wartburg, Chefredaktor