Rigi Anzeiger
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Krankt die Luzerner Volksschule an Reformitis?

Am 29. März wird der Luzerner Kantonsrat erneuert. In unserer 5-teiligen Serie befragen wir die Präsidenten der sechs im Kantonsrat vertretenen Parteien zu aktuellen Themen der Luzerner Politik

Pirmin Jung, Präsident CVP Kanton Luzern

CVP Pirmin Jung

Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft, ja selbst der Alltag, leben von ständigen Veränderungen und Reformen. Wer nicht will, dass die Schule mit der Zeit geht, erweist unseren Kindern einen Bärendienst. Die Schule muss die sich wandelnden Anforderungen von Gesellschaft und Wirtschaft aufnehmen. Als Vater beurteile ich die Schulqualität als sehr gut. Aus andern Kantonen höre ich immer wieder, man schaue neidvoll auf das gut organisierte und strukturierte Luzerner Volksschulwesen. Offenbar gelingt es uns, unsere Kinder für ein Leben vorzubereiten, das ein anderes geworden ist. Bleibt die Frage nach dem Reformtempo. Projekte wie «Schule mit Profil» und «Schule mit Zukunft» folgten vielleicht gar dicht aufeinander. Der heutige Bildungsdirektor Reto Wyss sagte bei seinem Amtsantritt, er wolle bis zum Lehrplan 21 keine Reformen mehr. Das hat er durchgezogen, zumal die Umsetzung von Reformen aus früheren Jahren in etlichen Gemeinden noch nicht vollständig abgeschlossen sind.

 

Peter Schilliger, Präsident FDP.Die Liberalen Kanton Luzern

FDP Peter Schilliger

Vom Grundsatz her ist es richtig, dass die Schule sich laufend weiterentwickelt. Sie muss mit den rasanten Veränderungen in Gesellschaft und Wirtschaft mithalten können. Wir bereiten unsere Kinder ja fürs aktuelle Leben vor, nicht für jenes von vor 50 Jahren. Gerade was die «Wirtschaftsverträglichkeit» der Reformen angeht, ist die Luzerner Volksschule auf dem richtigen Weg: mit ihrem Bewerbungstraining auf der Oberstufe, mit der Möglichkeit zur Dispensation vom Französisch-Unterricht für schwache Schüler – das sollte noch mehr genutzt werden – und mit der Verbesserung des Stellwerk-Tests. Fragwürdig ist vielmehr das Tempo gewisser Reformen. Man muss den Reformprojekten mehr Zeit lassen. Sorgfältig planen, einführen, evaluieren und erst dann ein Nachfolgeprojekt lancieren. Zu hinterfragen ist auch die schleichende Veränderung des Lehrerjobs. Vor lauter administrativen Aufgaben können sich die Lehrpersonen heute kaum mehr auf ihren eigentlichen Auftrag konzentrieren: das Unterrichten.

 

Raffael Fischer, Co-Präsident Grüne Kanton Luzern

Raffael Fischer

Nein. Wir leben in einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft. Diese erfordert auf allen Stufen optimal ausgebildete Fachkräfte. Ein vielfältiges Bildungswesen ist eine der wichtigsten Staatsaufgaben. Investitionen in die Bildung sind Investitionen in die Zukunft der hier lebenden Menschen. Sie ermöglichen den Ein- und Aufstieg im Erwerbsleben und sichern die Steuereinnahmen von morgen. Der Verfassungsartikel zur Bildung verlangt Harmonisierungen im Schulwesen. Es braucht nicht 26 verschiedene Systeme. Wir Grünen sind für Chancengerechtigkeit. Integrierte Schulung und frühen Fremdsprachenunterricht begrüssen wir, dazu braucht es aber die nötigen Mittel. Ebenso wichtig wie Rechnen, Lesen und Schreiben ist es, Grundwissen über zentrale Themen unserer Welt zu erwerben und grundlegende Fertigkeiten zu üben. Wissen und Kompetenzen sind keine Gegensätze, sie bedingen sich. Es geht nicht darum, alles zu wissen, sondern mit Wissen optimal umzugehen. Der Lehrplan 21 trägt dem Rechnung.

 

Laura Kopp, Präsidentin Grünliberale Kanton Luzern

GLP Laura Kopp

Nein. Unsere Volksschule musste in den letzten 15 Jahren in der Tat mehrere Reformprojekte über sich ergehen lassen. Doch ohne diese Projekte kann die Volksschule mit den neuen gesellschaftlichen Anforderungen nicht Schritt halten. Sie würde an Starr- und Sturheit kranken und den Schülerinnen und Schülern nicht das richtige Werkzeug mit auf den Weg geben. Veränderungen können aber verunsichern. Sie bedingen – wie im Fall der integrativen Förderung – einen Kulturwandel, der nicht von heute auf morgen vollzogen werden kann. Je nach Gemeinde ist dieser Prozess mehr oder weniger weit fortgeschritten. Es erstaunt nicht, dass neue Projekte wie der Lehrplan 21 oder die integrative Sonderschulung, in einer Gemeinde eher positiv und in einer anderen eher negativ aufgenommen werden. Selbstverständlich soll die künftige Entwicklung kritisch beobachtet werden. Unsicherheiten müssen ernst genommen werden. Sie dürfen notwendige Reformen aber nicht verhindern. Denn früher war nicht alles besser.

 

Daniel Gähwiler, Präsident SP Kanton Luzern

Daniel Gähwiler, Präsident SP Kanton Luzern

Unsere Volksschule leidet vor allem an einem: an zu wenig Mitteln. Die Schule muss mit den Veränderungen von Gesellschaft und Wirtschaft Schritt halten können. Das braucht Anpassungen, aber auch Investitionen. Die Anpassungen wurden aufgegleist: Integrative Förderung, integrierte Sonderschulung, Lehrplan 21 und Betreuungsangebote gehören zu einer zeitgemässen Schule. Die Umsetzung der Massnahmen bringt das System aber an seine Grenzen, weil es an den Investitionen fehlt. Mehr integrative Förderung benötigt z.B. mehr Lehrpersonen, weil die Herausforderungen im Schulzimmer steigen. Und wenn man den Lehrplan 21 «kostenneutral» umsetzen will, muss auf passendes Unterrichtsmaterial verzichtet werden. Luzerner Lernende besuchen weniger Lektionen als anderswo in der Zentralschweiz, gerade auch auf Primarstufe. Die Lösung ist daher nicht weniger Bildung – Stichwort Fremdsprachenstreit – sondern mehr Schulstunden. Bildung ist unsere wichtigste Ressource, wir sollten sorgsam damit umgehen.

 

Franz Grüter, Präsident SVP Kanton Luzern

SVP Franz Grüter

Und wie! In den letzten Jahren hat die Luzerner Volksschule unzählige Reformen durchlaufen. Kaum ein Stein ist auf dem anderen geblieben. Viele Reformen gingen aber zu Lasten von Kindern, Lehrern und Eltern. Der Schulbetrieb wurde mit jeder Schulreform umfangreicher und komplexer. Sei das bei der Einführung der Früheinschulung, beim Frühsprachenkonzept oder bei der Integration von verhaltensauffälligen Kindern. All diese Reformen waren nicht nur finanziell sondern auch personell sehr aufwendig. Fazit: Die Kinder können heute nicht mehr Kind sein. Die Lehrpersonen werden zu Coaches, rennen von einer Teamsitzung zur anderen und müssen immer mehr Büroarbeit erledigen. Die Eltern ohne Doktortitel verlieren zunehmend den Durchblick. Mit dem Lehrplan 21 steht die nächste unausgereifte und praxisfremde Reform vor der Tür. Die Volksschule muss nicht gesellschaftliche Veränderungen ausbaden. Sie muss sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Das heisst: Lesen, schreiben und rechnen beibringen!