Rigi Anzeiger
Der Rigi Anzeiger ist die führende gratis Wochenzeitung für die Luzerner, Schwyzer und Zuger Regionen Rontal und Rigiland. Der Rigi Anzeiger erscheint seit über 50 Jahren in einem sehr interessanten Erscheinungsgebiet, einer WEMF-beglaubigte Auflage von 35 728 und wird jeden Freitag mit den regionalen News von der Post in alle Briefkästen im Einzugsgebiet verteilt.

Küssnacht hat wieder einen Bahnhofvorstand

Küssnacht: Als vielleicht einziger Bahnhof der Schweiz hat Küssnacht wieder einen Bahnhofvorstand, obschon dieser begehrte SBB-Beruf ums Jahr 2000 offiziell abgeschafft wurde. Wir haben herausgefunden, wie es trotzdem dazu kam.

111-Bahnhofvorstand Küssnacht-02

In den Jahren von 1999 bis 2002 wurden sämtliche Bahnhöfe der Schweiz mit elektronischen, fernüberwachten Weichen- und Signalstellanlagen ausgerüstet. So auch Küssnacht, wo die Fernsteuerung aus Luzern erfolgt. Damit wurden die mechanischen Stellwerke und der Aufgabenbereich des Bahnhofsvorstandes überflüssig. Küssnacht am Rigi ist eine der wenigen Bahnstationen in der Schweiz, wo ein noch vollständig erhaltenes, mechanisches Stellwerk zu sehen ist – allerdings ohne Funktion und nur als museales Erinnerungsstück. Es stammt aus dem Jahr 1897 und stand bis zur Digitalisierung bei der Jahrtausendwende im klaglosen Einsatz. Es ist Zeuge einer längst vergangenen Epoche antiker Eisenbahnromantik.

Nun ist der Bahnhofvorstand wieder da
Heute steht aber in Küssnacht, im Stellwerk drin, hinter Glas, wieder ein hübscher junger Bursche, in strammer SBB-Uniform und mit der typischen roten Mütze, die einst den Bahnhofvorstand von weit her erkennbar machte.

Der Beruf des Bahnhofsvorstandes gehörte bis zur Jahrtausendwende neben Pilot, Lokführer oder Kapitän zu den beliebtesten in der Männerwelt. Es war aber eine Frau, die dafür sorgte, dass Küssnacht wieder einen Bahnhofvorstand bekommt, nämlich die Bezirksrätin Carole Mayor. Bei den Projektarbeiten zum grossen Bahnhof-Um- und Neubau lernte sie drei vehemente Küssnachter Verfechter des öffentlichen Verkehrs kennen, die sich zur «IGÖV» zusammen geschlossen haben. Es waren der Architekt Lenz Lothenbach, der ehemalige Bahnhofvorstand Franz Fasel und der vor zwei Jahren verstorbene Kaufmann Harry Behringer. Sie haben aus der Küssnachter Bezirksrätin eine Leaderfigur in Sachen Bahnhofumbau gemacht. Als das Team wieder mal zu Beratungen zusammen sass, wurde die Idee geboren, im alten Stellwerk auch einen möglichst originalgetreuen Bahnhofvorstand zu platzieren. Gedacht – getan. Carole Mayor ersteigerte sich auf «Ricardo» eine männliche Schaufensterpuppe. Franz Fasel, der von 1986 bis 1996 in Küssnacht Bahnhofvorstand war, steuerte seine originale Uniform – samt Hemd, Krawatte, Mütze und Schuhen bei – und in einer gemeinsamen Aktion kleideten sie den jungen Mann an seinem heutigen Standort ein. «Es war eine sehr amüsante Aktion», erklärte die Bezirksrätin dazu.

111-Bahnhofvorstand Küssnacht-01

Bahnhof Küssnacht vor dem Aus?
Franz Fasel erzählt: «Zwei Jahre vor meiner Pensionierung, im Jahre 1994, kursierte das Gerücht, die Bahnlinie Luzern – Immensee werde aufgehoben und damit auch der Küssnachter Bahnhof. Bis dahin fuhren alle Züge Richtung Gotthard über Küssnacht. Mit der grossen Streckensanierung von 1997 bis 1999 wurden aber die internationalen und Schnellzüge über Rotkreuz – Immensee umgeleitet. Da dort höhere Geschwindigkeiten gefahren werden können, wurde diese Streckenwahl beibehalten. Dank der Südost- und der S-Bahn bekam die Strecke Luzern – Immensee eine neue Bedeutung und Zukunft.» Franz Fasel hat den Bahnhofumbau nach seiner Pensionierung sehr genau mitverfolgt und sagt heute dezidiert: «Küssnacht hat heute einen der modernsten und publikumsfreundlichsten Bahnhöfe der Zentralschweiz, nicht zuletzt dank einem perfekt organisierten Bahn-/Bus-Knotenpunkt und digitalen Abfahrtsanzeigen für alle ÖV-Verkehrsmittel. Es ist mir auch bewusst, dass es da keinen Bahnhofvorstand mehr braucht.»

Was tat ein Bahnhofvorstand?
Der einstige Bahnhofvorstand hatte eine sattes Dossier an Aufgaben und Pflichten. Er musste die Züge bei der Ein- und Ausfahrt auf Pünktlichkeit überwachen, darauf achten, ob kein Wagen auf der Strecke verloren ging, ob Räder oder Bremsen verdächtige Geräusche von sich gaben, ob der Lokführer auf seinen Gruss reagierte, mit seiner Handkelle und Pfeife das Ausfahrsignal geben, darauf achten, dass sich keine Passagiere in eine Gefahrenzone begaben, dass Signale und Weichen in seinem Hoheitsgebiet korrekt gestellt und Barrieren korrekt bedient wurden, dass Frachtscheine für Bahngüter korrekt ausgefüllt waren und Güterzüge in einer logistisch korrekten Abfolge zusammengestellt wurden, dass die Bahnkunden freundlich und speditiv zu ihren Fahrkarten kamen, dass Reisewünsche erfüllt wurden und dass der Bahnhof ein schmuckes Erscheinungsbild hatte, beispielsweise mit Blumenschmuck oder Dekorationen. Schweizweit führten die SBB ein Bonus-Punktesystem, mit dem sich eine «Station» emporarbeiten konnte bis zum «Bahnhof». Daran geknüpft war auch das Salär des Bahnhofvorstandes. Küssnacht hatte zuletzt den Status eines «Bahnhofes». Dieses Bonussystem ist längst abgeschafft. Und wieviel der gegenwärtige «Bahnhofvorstand» in Küssnacht verdient, konnte unsere Zeitung nicht in Erfahrung bringen. Text & Bilder Felix von Wartburg