Rigi Anzeiger
Der Rigi Anzeiger ist die führende gratis Wochenzeitung für die Luzerner, Schwyzer und Zuger Regionen Rontal und Rigiland. Der Rigi Anzeiger erscheint seit über 50 Jahren in einem sehr interessanten Erscheinungsgebiet, einer WEMF-beglaubigte Auflage von 35 728 und wird jeden Freitag mit den regionalen News von der Post in alle Briefkästen im Einzugsgebiet verteilt.

Meine neuen Freunde

Man muss dabei sein. Nur wer dabei ist, kann mitreden und mitmachen – bei den Social Media. Ein deutscher Ausdruck wäre mir lieber, doch «soziale Medien» passt nicht.

Von der kontemplativen Dimension eines Mediums keine Spur. «Sozial» bedeutet auch hilfsbereit, einfühlsam und taktvoll, wäre völlig fehl am Platz. Das Englische trifft den Kern der Sache: Datenträger, Informationsvermittler, Werbung für die Masse der Gesellschaft.

Jeden Morgen Dutzende von E-Mails. Praktisch täglich habe ich eine Million Euro gewonnen. Da verblassen die sieben Tage Nilkreuzfahrt zum Schnäppchenpreis und dass ich für nur 0,99 Euro meinen eigenen Bierkrug gestalten kann. Dem Spam-Filter sei Dank, mit einem einzigen Klick auf «Delete» bin ich alle Vorteilsangebote und zweifelhaften Mitteilungen los. Nicht so bei den Mitteilungen der Social Media. Sie informieren, belehren und reden mir ins Gewissen. So etwa würde es meiner Karriere weiterhelfen, wenn ich mich mit den Leuten vernetze, von denen das Medium glaubt, dass ich sie kenne. Ich solle gefälligst zur neuen Stelle gratulieren, was ich tat und feststellte, dass die betreffende Person gar keine neue Stelle angetreten, sondern nur eine Korrektur in der Stellenbezeichnung angebracht hatte. Ich fühle mich beobachtet: Seit meiner letzten Anmeldung im Medium sei viel passiert und ich hätte einige ungelesene Benachrichtigungen von meinen Freunden. Welche Schmach, Mitteilungen von Freunden nicht gelesen, ein Affront! Ich habe auch einige Aktivitäten verpasst. Nachlässig bin ich also auch noch. Wenigstens trägt man mir das Versäumte nicht nach, denn ich lese, dass Dutzende mit mir befreundet sein möchten. Wow! Wenige der Freundschaftskandidaten kenne ich dem Namen nach, die meisten aber überhaupt nicht. Dennoch empfiehlt mir das Medium, mich mit ihnen zu verbinden. So würde ich von ihnen Neuigkeiten, Fotos und mehr zu sehen bekommen. Mit einem Klick und sonst nichts habe ich nun zahlreiche neue Freunde. Dafür brauchte man früher Jahrzehnte und emotionales Engagement. Ich erfahre nun täglich in Wort und Bild, wo sich meine neuen Freunde gerade aufhalten, was sie freut, ärgert und bewegt. Sie fragen mich zwar stets, ob das, was sie von sich geben, mir gefällt. Noch nie hat mich aber jemand gefragt, ob ich das überhaupt wissen will. Wahrscheinlich liegt mein Problem darin, dass ich mit Begriffen zu sorgsam umgehe, insbesondere wenn es um einen so wertvollen Begriff geht wie «Freunde»

Dr.oec.publ. Lydia Saxer Waser, VR der Seitz Handels- und Kaderschule Luzern

Dr.oec.publ. Lydia Saxer Waser, VR der Seitz Handels- und Kaderschule Luzern