Rigi Anzeiger
Der Rigi Anzeiger ist die führende gratis Wochenzeitung für die Luzerner, Schwyzer und Zuger Regionen Rontal und Rigiland. Der Rigi Anzeiger erscheint seit über 50 Jahren in einem sehr interessanten Erscheinungsgebiet, einer WEMF-beglaubigte Auflage von 35 728 und wird jeden Freitag mit den regionalen News von der Post in alle Briefkästen im Einzugsgebiet verteilt.

Nachsitzen

Nein, ich habe nichts gegen Lehrer. Den Schulzimmern bin ich längst entwachsen, und auch das mit den Elternabenden und gelegentlichen besorgten Feedbacks den eigenen Nachwuchs betreffend hat sich erledigt. Es gibt also keine direkte Berührungs- und/oder Reibungsfläche zwischen mir und diesem Berufsstand.


fuchsEine indirekte Schnittstelle allerdings gibt’s schon. Seit ein paar Jahren verbringen wir eine Ferienwoche gemeinsam mit lauter „Lehrpersonen“ in einem abgelegenen Haus in den Bergen. Zu acht sind wir dann, und ich bin der einzige, der weder eine pädagogische Ausbildung oder Praxis noch je dahingehende berufliche Ambitionen hatte. Entsprechend skeptisch sah ich zu Beginn diesen Ferien entgegen. Man hat und pflegt schliesslich seine Vorurteile.
Die wurden inzwischen widerlegt. Es lässt sich durchaus leben mit Lehrern, auch auf kleiner Fläche. Und aus den Gesprächen am grossen Küchentisch, die sich naturgemäss zu 50, 60, 70 Prozent um Schulstuben, Schulleiter, Schüler und Schulbürokraten drehten, konnte ich lernen, dass meine Ferienlehrer durchaus vernunftbegabte, undogmatische, bodenständige, engagierte und sogar humorfähige Zeitgenossinnen und Zeitgenossen sind. Kurz und gut: Meine Lehrer-Vorurteile verflüchtigten sich Jahr um Jahr, bis schliesslich keines mehr übrig blieb.
Und jetzt das. Der Lehrerinnen – und Lehrerverband des Kantons Luzern LLV ruft zum Wahlboykott auf, konkreter: zum Boykott bürgerlicher Kandidatinnen und Kandidaten. Die Lehrerschaft sei unzufrieden mit der bürgerlichen Finanz- und Steuerpolitik im Kanton Luzern, lautet die Begründung. Der Boykottaufruf aus dem Lehrerzimmer kann auch andersrum gelesen werden: «Wählt Rote und Grüne». Das belebt meine überwunden geglaubten Vorurteile wieder.
Nein, es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn sich staatlich besoldete Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ins politische Geschehen einmischen. Von Lehrerinnen und Lehrern erwarte ich, dass sie politische Kontroversen auch in der Schulstube ermöglichen und befördern. Ihnen fällt dann die Rolle der Moderation zu, sicher nicht die der Meinungsmache.
Aufrufe zum Wahlboykott aber gehören definitiv nicht zum Repertoire politischer Meinungsäusserungen aus dem Lehrerzimmer. Persönlich müssen Lehrerinnen und Lehrer keine parteipolitischen Neutren sein. In der Öffentlichkeit aber hat sich ihr Berufsverband parteipolitisch eingefärbten Wahlempfehlungen zu enthalten. Vielleicht braucht der LLV etwas Nachhilfeunterricht in Demokratie. Hanns Fuchs