Rigi Anzeiger
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Nächster Halt Tempel und Abgase

«Was willst du dort ein halbes Jahr lang machen?», fragte eine Freundin wenig enthusiastisch, als ich ihr von meinem geplanten Austauschsemester in Bangkok erzählte.

Im Rahmen meines Masterstudiums in Betriebswirtschaft an der Hochschule Luzern bot sich die Gelegenheit, das dritte Semester an der Mahidol-Universität in der thailändischen Hauptstadt zu absolvieren. Für mich war schon lange klar gewesen, dass ich diese Chance nutzen wollte. Ausser den omnipräsenten Tempeln und Märkten mit gefälschten Kleidern gebe es in Bangkok allerdings nicht besonders viel zu sehen, so der Tenor in meinem Umfeld während der Planungsphase. Die Ängstlichen unter meinen Freunden und Familienmitgliedern rieten aufgrund der politischen Unruhen im letzten Jahr sowie 2009 und 2010 von einem Besuch der Millionenstadt ab. Einige Male wurde ich auch darauf hingewiesen, dass im September in Thailand Regenzeit sei und der Zeitpunkt deshalb ungünstig. Da ich mir aber nicht aussuchen konnte, wann die Uni beginnt, war das Reisedatum fix. Ausserdem hat mich Regen noch nie gross gestört und ich freute mich, wegen des Wetters nun vielleicht weniger Touristen in Bangkok vorzufinden. Eine weitere häufig anzutreffende Reaktion auf den bevorstehenden Auslandaufenthalt war gewesen, dass mir meine Mitmenschen sämtliche Magen-Darm-Probleme im Detail schilderten, die sie im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum Thailands erlitten hatten.

Ausser Tempeln gebe es in Bangkok nicht viel zu sehen, wurde mir vor meiner Abreise in die thailändische Hauptstadt gesagt.

Ausser Tempeln gebe es in Bangkok nicht viel zu sehen, wurde mir vor meiner Abreise in die thailändische Hauptstadt gesagt.

Vor drei Jahren hatte ich während meines Bachelorstudiums ein Austauschsemester in Cuernavaca in Mexiko verbringen dürfen. Bereits damals hatte mein Umfeld nicht gerade begeistert auf diesen Entscheid reagiert. Doch die sieben Monate im lateinamerikanischen Land würde ich auf keinen Fall missen wollen. Noch heute denke ich beinahe jeden Tag an diese tolle Zeit zurück und habe regen Kontakt mit zwei mexikanischen Freunden. Ich hoffe, dass es mir mit Thailand genauso ergehen wird. Momentan bin ich diesbezüglich jedenfalls zuversichtlich.

Bedenken, dass mir in einer Stadt mit knapp so vielen Einwohnern wie in der ganzen Schweiz langweilig werden könnte, hatte ich absolut keine. Bisher war mir das noch nirgendwo passiert, da meine Interessen relativ breit gefächert sind. Für Bangkok hatte ich bereits vor der Abreise eine Liste mit möglichen Aktivitäten vor Ort zusammengestellt. Die darauf enthaltenen 31 Punkte standen in Zusammenhang mit unterschiedlichen Bereichen wie Kunst, Sport, Geschichte, Nachtleben oder Religion. Beunruhigt über die Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Demonstranten war ich ebenfalls nicht gross. Und mein Magen war durch mexikanisches und orientalisches Essen an Schärfe gewohnt und reagiert meistens auch nicht empfindlich, wenn die für uns in der Schweiz selbstverständlichen Hygienestandards an einem fremden Ort nicht restlos eingehalten werden können. Einzig die vielzitierten Umweltprobleme in Thailand versetzten meiner Vorfreude einen kleinen Dämpfer. Vor meinem inneren Auge stellte ich mir vor, wie der Himmel – genauso wie auf den Bildern von chinesischen Megastädten – vor lauter Autoabgasen und Smog fast nicht mehr zu sehen ist, Ratten in den Kanälen umherflitzen und tote Tiere im Fluss Chao Phraya treiben.

Nichtsdestotrotz kam ich vor knapp drei Wochen voller Vorfreude an Bangkoks Hauptflughafen Suvarnabhumi an. Ich war begierig darauf, in eine fremde Kultur einzutauchen, möglichst viele spannende Menschen anderer Herkunft zu treffen, einheimische Gerichte auszuprobieren und hoffentlich einige Brocken einer für mich neuen Sprache zu lernen. Ausserdem freute ich mich auf das Klima: Die Jahresdurchschnittstemperatur hier liegt bei gut 28 Grad Celsius. Nach dem regnerischen Sommer in der Schweiz kam mir das mehr als nur gelegen.

Stephanie Sigrist aus Risch absolviert ein Austauschsemester in Bangkok und berichtet darüber regelmässig im Rigi Anzeiger.

 

E-Mail aus Bangkok 1: Nächster Halt Tempel und Abgase 

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