Rigi Anzeiger
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Organspende und Religion im Fokus

Weggis: Im Rahmen der Ausstellungseröffnung «Fokus Maturaarbeit» an der Universität Luzern wurde die Abschlussarbeit mit dem Titel «Mein Herz ist nun dein Herz» der Weggiserin Melanie Felder als beste Maturaarbeit in der Kategorie «Sozialwissenschaften» ausgezeichnet. In einem Zwischenjahr will sie nach den Maturaprüfungen mit ihrer Arbeit am Wettbewerb «Schweizer Jugend forscht» teilnehmen und in der Freizeit auf Reisen gehen. Im Interview hat die Maturandin Melanie Felder zu einigen Fragen von Jost Peyer Stellung genommen.

Melanie Felder, Weggis, mit ihrer Maturaarbeit «Mein Herz ist nun dein Herz».

Melanie Felder, Weggis, mit ihrer Maturaarbeit «Mein Herz ist nun dein Herz».

Was hat Sie persönlich bewogen, die Organspende zum Thema Ihrer Maturaarbeit zu wählen?
Mich interessieren vor allem medizinische Themen. Die Frage der Organspende ist ein sehr aktuelles Thema, welches immer wieder in den Medien anzutreffen ist. Zudem steht es aufgrund seines moralischen und ethischen Inhalts immer wieder zur Diskussion. Des weiteren beschäftige ich mich gerne mit medizinethischen Fragestellungen und wollte in Erfahrung bringen, mit welchen Argumenten man die Organspende befürworten oder ablehnen kann.

Hat diese Thematik etwas mit Ihrer voraussichtlichen Studien- oder Berufsausrichtung zu tun?
Zurzeit bin ich mir noch nicht sicher, was ich studieren will. Aber mein Studium wird wohl in Richtung Medizin gehen. Ich kann mir vorstellen, dass ich zuerst sechs Jahre Medizin studieren und anschliessend den Master in Ethik in Fribourg machen werde. So könnte ich medizinethische Fragestellungen diskutieren und beantworten. Ziel wäre, dass ich in einer medizinethischen Kommission eines Krankenhauses mitarbeiten und angesichts der fortschreitenden Technologisierung in der Medizin entsprechende Richtlinien aufstellen könnte.

Sie haben sich bei der Maturaarbeit auf die ethische Beurteilung der postmortalen Organspende aus christlicher Sicht beschränkt und sich dabei auf die römisch-katholische Kirche fokussiert? Warum?
In erster Linie musste ich eine Einschränkung vornehmen, weil ansonsten die Maturaarbeit zu umfangreich ausgefallen wäre. Da ich selbst aus einer römisch-katholischen Familie stamme, wollte ich mich auf diesen Bereich fokussieren. Die Idee, die röm.-kath. Kirche in eine vor- und eine nachkonziliare Gruppe einzuteilen, entstand durch meine Grossmutter, die gemäss vorkonziliaren Lehren glaubte, während wir als Familie eher nach den Leitlinien des zweiten Vatikanischen Konzils leben. Dadurch lernte ich beide Seiten kennen und stellte im Lebensstil grössere Unterschiede fest. So vermutete ich ebenfalls bei der Beurteilung der Organspende grössere Differenzen vorzufinden.

In Ihre Befragung zur Bereitschaft, lebenswichtige Organe zu spenden, haben Sie drei Gruppierungen einbezogen: eine Gruppe vorkonziliarer Kirchgänger (Personen, welche die lateinische Liturgie bevorzugen, wie sie bis in die 1960er-Jahre der röm. kath. Kirche gefeiert wurde), eine Gruppe, die sich zur nachkonziliaren Kirche bekennt und eine Gruppe von Freidenkern. Wichtig in der Umfrage war Ihnen, die Argumentation für oder gegen eine Organspende in Erfahrung zu bringen.
Vorkonziliar denkende und handelnde Menschen kannte ich aus dem Umkreis meiner Grossmutter und konnte so zwei Priester um die Verteilung der Umfrage bitten. Mein Betreuer, Herr Reinhard, kannte zudem eine Kirche in einer Agglomerationsgemeinde, die ich in die Umfrage miteinbeziehen konnte. Mit den Freidenkern habe ich über ihre Internetseite Kontakt gefunden. So hatte ich keine grossen Probleme, zu Umfrageergebnissen zu kommen.
Im Umfragebogen war es den Befragten möglich, ihre persönlichen, religiösen oder ethischen Gründe für oder gegen eine Organspende frei zu formulieren. Bei einer weiteren Frage konnten in einem vorgegebenen Raster mehrere Gründe für oder gegen eine Organspende angekreuzt werden. So ergab sich ein breites Spektrum an Antworten und Argumentationen.

In der Auswertung der Umfrage konnten Sie feststellen, dass sich die Grafiken zur Frage 12, welche Gründe für den Entscheid für oder gegen eine Organentnahme entscheidend seien, für die nachkonziliaren Kirchgänger und für die Freidenker sehr ähnlich sind, während sich für die vorkonziliare Kirche ein Spiegelbild ergab.
Es stellte sich heraus, dass sich vorkonziliare Kirchgänger mehrheitlich gegen eine Organspende aussprechen. Diese begründen ihre ablehnende Haltung mit ihrem christlichen Glauben. Der menschliche Leib sei ein Geschenk Gottes, über welches nicht verfügt werden dürfe. Die nachkonziliar denkenden Menschen haben angemerkt, dass sie sich ihre Meinung eher unabhängig ihrer religiösen Einstellung bilden. Vielmehr stehe der Gedanke im Vordergrund, anderen Menschen helfen zu können. Die Freidenker haben ähnlich argumentiert, wobei vor allem die ethischen Gründe zum Tragen kamen. Eine Organspende drücke die Solidarität mit notleidenden Menschen aus. Im Endergebnis hat sich gezeigt, dass Nachkonziliare und Freidenker mehrheitlich für eine Organspende sind, während sich Vorkonziliare eher gegen eine Organtransplantation aussprechen.

Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen aus der zentralen Fragestellung Ihrer Maturaarbeit «Welche Rolle spielt die Religion bei der Entscheidung für oder gegen eine postmortale Organspende?»
Ich habe festgestellt, dass bei den vorkonziliaren Kirchgängern die Religion eine sehr zentrale Rolle spielt. Sie haben ihren christlichen Glauben bei der Beurteilung dieser ethischen Fragestellung miteinbezogen. Die nachkonziliaren Katholiken greifen nur vereinzelt auf die Religion zurück und versuchen eher persönlich oder ethisch zu argumentieren.

Wie haben Sie das Konzipieren, Erstellen und Abfassen einer Maturaarbeit erlebt?
Es war eine sehr interessante Erfahrung, selber ein Projekt auf die Beine zu stellen. Dabei habe ich einiges gelernt. Beim Ausarbeiten der Fragebogen merkte ich beispielsweise, dass ich zu wenig auf die Besonderheiten der Freidenker Rücksicht genommen hatte. Während des Arbeitsprozess machte ich sowohl positive als auch negative Erfahrungen. Zeitweise war ich unsicher, ob die ausgewählten Methoden zielführend sind, doch am Ende kann man stolz auf die eigene Arbeit sein.
Im Rahmen der Ausstellung «Fokus Maturaarbeit» haben Sie an der Universität Luzern in der Kategorie Sozialwissenschaften für Ihre hervorragende Abschlussarbeit «Mein Herz ist nun dein Herz» eine Urkunde und ein Preisgeld von 500 Franken erhalten. Wie haben Sie diese Preisverleihung und Ehrung erlebt?
Ich war überrascht, dass meine Arbeit im sozialwissenschaftlichen Bereich mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde. Dies stellt eine Anerkennung meiner Arbeit und meines Einsatzes dar, was mich sehr gefreut hat.

Welche weiteren Ziele verfolgen Sie?
Im Sommer absolviere ich die Matura. Nachher lege ich ein Zwischenjahr ein, in dem ich sowohl arbeiten als auch reisen möchte. Zudem will ich die Gelegenheit nutzen, mit meiner Maturaarbeit am nationalen Wettbewerb “Schweizer Jugend forscht“ teilzunehmen, für den ich im Rahmen der Ausstellung „Fokus Maturaarbeit“ eine entsprechende Einladung erhalten habe. Nach einem Jahr möchte ich dann mit einem Studium im medizinischen Bereich beginnen. Dabei kann ich mir vorstellen ein Auslandsjahr, zum Beispiel in Frankreich, zu absolvieren. Das Land und die französische Sprache gefallen mir sehr.