Rigi Anzeiger
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Rontal bleibt vom Mittelstand geprägt

Nachgefragt bei Patrick Bieri*, Vorstandsmitglied Chance Rontal und Gemeinderat von Buchrain

Bei der Sozialhilfequote sind die vier Rontaler Gemeinden Dierikon, Root, Ebikon und Buchrain unter den höchsten 8 Luzerner Gemeinden zu finden. Das wird sich kaum kurzfristig ändern. Eine Studie zeigt, das Rontal ist prädestiniert für den Mittelstand.

patrick bieri.doc

Patrick Bieri, welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus der Bevölkerungsentwicklungs-Studie für das Rontal?

Die Studie bringt interessante Aspekte, nicht aber neue überraschende Erkenntnisse. Sie zeigt gut auf, dass die Politik nur indirekt Einfluss auf die Steuerung der künftigen Migrationsströme nehmen kann. Dieser Einfluss beschränkt sich auf die Schaffung vorteilhafter Wohnstandort- und Wohnobjekteigenschaften. Konkret geht die Studie davon aus, dass sich die Quote an Einpersonenhaushalten tendenziell weiter erhöhen wird und dass künftig vermehrt betreute Alterswohnungen, gemischte Wohnformen und Altersresidenzen an gut erschlossenen Lagen nachgefragt werden. Solche Projekte sind zu fördern.

Klar wird aber auch, dass der Wohnungsmarkt absolut liberal ist und private Umzüge vorwiegend aufgrund einer Veränderung der Haushaltsform erfolgen. Und dafür ist das Image einer Gemeinde entscheidend, ob sie attraktiv genug ist für einen möglichen Zuzug. Der zweitwichtigste Umzugsgrund ist eine veränderte Arbeitsplatzsituation. Demzufolge sind die angebotenen Arbeitsplätze in der Region ebenfalls massgebend für die künftige Bevölkerungsstruktur.

Als Hauptpunkt sehe ich aber die Widerlegung der Hoffnung oder der Ängste, dass die bestehende Rontaler Bevölkerung durch wohlhabende Migranten aus den Regionen Zug/Zürich verdrängt werden könnte. Die Lagen sind zu wenig hochklassig, um eine Verdrängung zu befürchten.

Teilen Sie persönlich diese Einschätzungen?

Ja, diese teile ich. Konkret haben wir auch in Buchrain festgestellt, dass trotz stark gestiegenem Preisniveau, die ganz grossen Zuzüge ausgeblieben sind. Das Rontal ist und bleibt wohl auch in naher Zukunft vom Mittelstand geprägt. So positiv dies wohl gesellschaftspolitisch ist, so nachteilig wirkt sich dies finanziell aus. Ich finde es wichtig, diesen Zusammenhang zu anerkennen. Mit der Steuergesetzrevision wurde neben der viel zitierten Halbierung der Gewinnsteuer auch massgeblich der Mittelstand entlastet. Es zeigt sich nun, dass dies Rontalgemeinden, welche eben durch den Mittelstand geprägt sind, stark trifft.

Einerseits ist die Ertragsstruktur unterdurchschnittlich und andererseits die Kostenstruktur überdurchschnittlich. Dies verschärft die Scherenwirkung bei Situationen wie aktuell feststellbar mit Ertragsrückgängen aufgrund Steuergesetzrevision und gleichzeitig steigenden oder neuen gebundenen Aufgaben. In Zahlen: Mehrere Rontalgemeinden haben eine tiefe Steuerkraft von teilweise klar unter 90%–100% ist der kantonale Durchschnitt. Bei den grössten Ausgabeposten Bildung und Soziales ist das Gegenteil feststellbar. Die Schülerintensität – Anteil Schüler an der Wohnbevölkerung – ist bei überdurchschnittlichen 108%.

Bei der Sozialhilfequote sind die vier Rontaler Gemeinden Dierikon, Root, Ebikon und Buchrain unter den höchsten 8 Luzerner Gemeinden zu finden. Diese strukturellen Nachteile der Agglomerationsgemeinden sind damit Fakt und es wird auch mit der Studie deutlich, wieso gerade aktuell wir Agglomerationsgemeinden in einer schwierigen finanziellen Lage sind.

Die Studie zeigt auf, dass sich Kinderfreundlichkeit und Investitionen in die Jugend- sowie Familienförderung langfristig auszahlen. Gleichzeitig sind die Rontaler Gemeinden, konkret auch Ihre Gemeinde Buchrain, am Sparen. Wie geht das auf?

Die Rontaler Gemeinden verfolgen ein konsequentes, aber vernünftiges und nachhaltiges Sparen, ohne die Entwicklung der Gemeinde abzuwürgen und ohne Bewährtes leichtfertig zu zerstören. Und gerade die Vereinskultur hat im Rontal einen grossen Stellenwert. Auch wurden in den vergangenen Jahren wichtige gemeindeübergreifende Institutionen in Jugend- und Familienthemen aufgebaut. Ich gehe nicht davon aus, dass dies einer Sparwut zum Opfer fallen wird. Die Kunst ist, sinnvoll zu sparen; denn Sparen an sich schliesst nicht aus, um nachhaltig als Wirtschafts- und Lebensraum prosperieren können.

 

*Zuständig für Koreferat der Bachelorarbeit «Das Rontal im Wandel. Analyse für eine nachhaltige Bevölkerungsentwicklung» (Bericht in der vergangenen Ausgabe).