Rigi Anzeiger
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Schildkröten-Alarm im Rotsee

Ausgesetzte Wasserschildkröten fressen einheimische Amphibien-Laiche

In Süddeutschland machte eine exotische Wasserschildkröte Schlagzeilen. Weil sie einen Menschen angeknabbert hat. Auch im Rotsee tummeln sich exotische Wasserschildkröten. Sie fressen aber «nur» den Laich einheimischer Amphibien. Fachleute sind besorgt und fordern endlich Massnahmen-Vorgaben auf kantonaler Ebene.

Exotische Schildkroeten im Rotsee
Amazonas bei Ebikon: In solcher Umgebung fühlen sich die Schildkröten zu Hause (Fotomontage).

 

Man muss hierzulande weder in ein Zoofachgeschäft, noch in den Zoo gehen, um die in Nordamerika beheimatete Rotwangen-Schildkröten zu sehen. Denn sie lebt mittlerweile auch in unseren Gewässern. Ausgesetzt von gedankenlosen Menschen, die sich bei der Anschaffung der fünfliberkleinen Tierchen nicht für den Umstand interessieren, dass die geräuschlosen Winzlinge zur respektablen Grösse eines A-4-Blattes heranwachsen und damit die Erfordernisse für ihre Haltung radikal umkrempeln. Und wer teilt schon gerne seine Badewanne mit ausgewachsenen Wasserschildkröten, die bis zu 40 Jahre alt werden können? Ab ins nächste Gewässer – lautet demnach der billigste und damit befürchtungsweise beliebteste Ausweg aus dem Schildkröten-Dilemma. Im Rotsee beo-bachten Fachleute schon seit vielen Jahren mit wachsendem Argwohn die Präsenz der nordamerikanischen Schildkröten. «Aber so etwas wie eine Statistik gibt es nicht», sagt Stefan Herfort, stellvertretender Leiter der städtischen Umweltschutzstelle in Luzern. Es gebe immer wieder von Privatpersonen Meldungen über die Sichtung von exotischen Schildkröten und auch die Fachleute bekämen hin und wieder eine zu Gesicht. Es handelt sich dabei fast ausschliesslich um Rotwangen-Schildkröten.

Dass auch bissige Schnappschildkröten im Rotsee leben, sei zwar nicht auszuschliessen, aber auch nicht anzunehmen. Jedenfalls gebe es weder Hinweise noch Meldungen diesbezüglich. Allerdings weiss kein Mensch, was alles im Rotsee und im Naturschutzgebiet darum herum unterwegs ist. Und auch die Anzahl der im Rotsee lebenden Schildkröten sei nicht einmal ansatzweise abschätzbar, räumen die Experten ein. Damit ist auch nicht feststellbar, ob der Bestand eher zu- oder abnimmt. «Es sind sehr scheue Tiere, die man höchstens an warmen Tagen in ruhigen Uferregionen sonnbaden sieht. Bei der geringsten Störung lassen sie sich ins Wasser gleiten», berichtet Martin Buchs, Naturschutzbeauftragter der Gemeinde Ebikon, der von Amtes wegen vor allem den Abfluss des Rotsees im Auge behält. Und dort immer wieder einzelne Rotwangen-Schildkröten sichtet. «Zuweilen sonnen sie auch auch paarweise», schildert er. Darüber erhält er auch immer wieder Meldungen von aufmerksamen Spaziergängern, die Schildkröten beobachtet haben.

Bedrohung für die Einheimischen

Die beiden Naturschutzexperten sind tief besorgt über die Existenz der Rotwangen-Schildkröten im Naturschutzgebiet Rotsee. «Sie fressen bevorzugt den Laich der einheimischen Amphibien und wohl auch der Fische. Und weil sie im Gegensatz zu den einheimischen Wasserschildkröten sehr gross werden, fressen sie auch viel», geben sie zu bedenken. Für sie besteht kein Zweifel: Die Rotwangen-Schildkröten – wie viele es auch sein mögen – bedrohen die einheimische Fauna. «Es wäre an der Zeit, dass der Kanton endlich Weisungen für den Umgang mit diesen Schildkröten erlässt», fordert Martin Buchs. Grosse Abwehrmassnahmen allerdings sind auch dann nicht zu erwarten. «Den Rotsee zu entleeren, wie dies bei einem Kleingewässer möglich wäre, kommt nicht in Frage», versichert Herfort. Und es wäre auch völlig unsinnig. «Die Schildkröten sind nämlich ausserhalb von Gewässern sehr gut zu Fuss. Sie wurden schon weitab vom Rotsee gesichtet», erläutert er. Obschon ihr natürlicher Lebensraum in Nordamerika nicht nördlicher als bis etwa zum 41. Breitengrad reicht, was auf dem europäischen Kontinent etwa der Lage Barcelonas entspricht, können die ausgesetzten Exoten offensichtlich auch unsere Winter – und auch die harten darunter – überleben. «Aber es scheint, dass sie sich klimatisch bedingt, wenigstens nicht vermehren», freuen sich die Naturschutzexperten. Was bedeutet, dass die unbekannt grosse Population der Rotwangen-Schildkröten einzig durch neue Aussetzungen erhalten bleibt.