Rigi Anzeiger
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Schmetterling im Kopf

Der 88-jährige Shlomo Graber erzählte am Gymi Immensee vom Holocaust

Shlomo Graber ist einer der Letzten, der noch aus eigener Erfahrung über den Holocaust reden kann. Der 88-jährige fesselt Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Immensee mit seinem Erlebnisbericht.

Shlomo Grabers Erzählungen gehen unter die Haut. Erzählungen über siebzig Personen, 4 Tage lang bei Dunkelheit eingepfercht in einem Viehwaggon. Über Momente rein zufälligen Überlebens in Auschwitz. Über die Läuserennen, die der 18-jährige Shlomo und seine Mitgefangenen zum Zeitvertreib veranstalteten. Über das Schaf, dessen Fleisch sie auf dem Todesmarsch mit blossen Zähnen vom Körper rissen und roh assen.

 

Ausgabe vom 7. März  Schmetterling im Kopf
Shlomo Graber: «Auch für die brennenden Fragen nach dem Warum bekam ich nie eine Antwort.»

 

Graber erzählt detailliert, klar, schafft es dabei aber, das Unerträgliche in erträgliche Worte zu fassen. Obwohl er im Holocaust 89 Verwandte verloren hat. Obwohl er bei der Ankunft in Auschwitz sehen musste, wie seine Mutter mit seinen vier Geschwistern von ihm und seinem Vater getrennt und zur Vergasung weggebracht wurden, ohne dass er sich verabschieden konnte. Obwohl er beinahe lebendigen Leibes eingemauert wurde und erst im letzten Moment aus dem Betonbrei gezogen werden konnte. Obwohl…

Wie schafft es ein Mensch, sich von diesen Erinnerungen so zu befreien, dass er heute ohne Hass und Rache nach Deutschland fahren und dort von seinem Trauma berichten kann? Dass er nicht dauernd von Albträumen geplagt wird? Dass er in Basel, fern seiner Schutzheimat Israel, Fuss fassen konnte? Das wollten nach einer guten Stunde gebannten Zuhörens auch die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Immensee wissen. Shlomo Grabers Erzählung erinnert an den Werdegang eines Schmetterlings. Da ist die Gefangenschaft im Kokon des Grauens. Dann durchlief er eine Verpuppung. Diese dauerte allerdings Jahre und mündete in seinem Buch «Schlajme». «Ich konnte mich jeweils rund eine halbe Stunde wieder in meine Erinnerungen hineinversetzen, dann brauchte ich wieder Erholung bei Spaziergängen in der Natur», sagt er. Einzig mit dem Judentum, wie es ihm in seiner Kindheit vermittelt wurde, kam es zum Bruch. «Als wir in Auschwitz aus dem Wagen stiegen, sah ich, wie die SS-Leute einem Juden seine Gebetsutensilien entrissen und zu Boden warfen. Wenn das passiert, muss man nach dem jüdischen Glauben einen Tag lang fasten. Aber nichts geschah. Auch für die brennenden Fragen nach dem Warum bekam ich nie eine Antwort», sagt er. «Gott war einfach zu weit weg.»

Jetzt ist Shlomo Graber also frei. «Frei wie ein Schmetterling, denn auch bei denen geht das Leben in Freiheit viel zu schnell vorbei», sagt er, der sich auch als Kunstmaler einen Namen gemacht hat. Seine Bilder leben auch von leuchtenden Farben, und der Klingelton seines Natels ist ein Vogelgezwitscher. Die Schüler applaudieren lang, berührt von der Ausstrahlung dieses Mannes mit seiner unglaublichen inneren Stärke.