Rigi Anzeiger
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Seit 44 Sommern auf der Alp Resti

Zu Besuch beim Rigi-Kultälpler Toni Fassbind

Er war ein Urgestein von einem Schwinger und Sennen. Und ist es noch heute: bescheiden, ausdauernd und zupackend. Selbst sportliche Rückschläge und Widerwärtigkeiten meisternd, hütet und betreut der Goldauer Toni Fassbind eine der untersten Rigialpen auf der Schwyzer Seite. Seit 1969 – rekordverdächtig.

Er war lange Zeit das Aushängeschild des Schwingerverbandes Rigi. Bereits als 20-Jähriger holte er sich 1969 den ersten eidgenössischen Kranz in Biel. Und ein Jahr später wurde er am Jubiläumsschwingen ‹75 Jahre eidgenössischer Schwingerverband› in Baden gar um seinen grössten Erfolg in seiner später auch leidvollen Karriere geprellt. Vier Jahre später am Luzerner Kantonalen gleich nochmals. Das hat ihn geprägt und stark gemacht, diesen vorbildlichen, zurückhaltenden und fairen Sportsmann. Toni Fassbind aus Goldau war der Prototyp eines Sennenschwingers – athletisch, drahtig und mit Kraft gesegnet wie nur wenige. Genau den Massen von Le Corbusiers weltberühmten ‹Modulor› entsprechend, mit 1,83 Meter Körperlänge und etwas über 90 Kilogramm schwer, für heutige Schwingerverhältnisse eher ein ‹BMI-Sprenzel›, machte er die körperlichen Nachteile mit Armkraft, filigraner Technik, blitzschnellen Kombinationen und grossem Kampfgeist mehr als wett.

Heute verfolgt der seinerzeit talentierteste und beste Innerschweizer Schwinger, der in seiner von vielen Verletzungen unterbrochenen Karriere trotzdem fast 50 Kränze erschwungen hat, das Geschehen um den Schwingsport nur noch aus der Ferne und am Radio. Letzteres aber aufmerksam und interessiert. «Bei meiner strengen Arbeit mit dem Hof in Goldau und im Sommer als Älpler auf der Rigi, kann ich schon aus zeitlichen Gründen kaum mehr Schwingfeste besuchen», tut uns Toni Fassbind beinahe etwas wehmütig kund. Aber eine Ausnahme gibt es trotzdem: Das Bergfest auf Rigi Staffel, seinem Hausberg, besucht er jedes Jahr.

 

 

Älpler mit Leib und Seele

Als wir am wohl wärmsten Sonntag dieses Sommers von Goldau auf die Alp Resti am sanft abfallenden Rigi Kulm-Rücken hochsteigen, um Toni Fassbind zu besuchen, begrüsst uns sein treuer Begleiter Filou mit einem freundlichen Willkommbellen. Was sofort auffällt, ist die tadellos saubere und gepflegte Alp mit dem fast 200 Jahre alten Älplerhaus, ein Schmuckstück, und dem doch auch schon 150 Jahre alten Stallgebäude. Zudem führen über das Alpgelände mehrere Wander- und Bergwege. Darunter der bekannte Schwyzer Pilger- und Höhenweg Einsiedeln-Luzern.

Selbst auf 1200 Meter Höhe ist die drückende Augusthitze spürbar – nicht nur bei den vorbeigehenden Wanderern und Berggängern, sondern vor allem auch beim Vieh. «Kälber, Rinder und Kühe leiden genauso unter der Hitze wie die Menschen, darum suchen sie an solchen Tagen bevorzugt schattige Plätze auf», erklärt der Älpler. Nach der Mittagszeit holt Toni Fassbind seine 20 Kühe in den kühleren Stall. Jedes Tier kennt seinen Platz genau. Neben den weiteren 30 Stück Jungvieh (Kälber und Rinder) gilt es auch noch 8 Schweine und 20 Hühner zu versorgen. Am Sonntag kann es der schon längst Kultstatus erlangte Älpler in der Regel etwas ruhiger nehmen: Nach der Erstversorgung am frühen Morgen besucht er fast immer die Heilige Messe auf Rigi-Klösterli. Doch heute ist auch er etwas unruhig, denn das Rind ‹Göldi› ist hochträchtig und steht unmittelbar vor ihrer ersten Geburt. Daher holt Toni Fassbind als erstes das hitzegeplagte Tier persönlich ab und begleitet es ruhig und sanft in den Stall. Somit am anderen Tag die fast zwingende Nachfrage nach ‹Göldis› Befinden: Glücklich und freudig verkündet Tonis Tochter Nadia, eine angehende Tierärztin, dass sich soeben auf der Alp Resti ein Kälblein mehr befinde.

Die Alpzeit auf den Rigi Alpen der Arther Unterallmeind Korporation beginnt in der dritten bis vierten Maiwoche und dauert bis 20. September. Immerhin vier ganze Monate. Die Frage musste kommen: Wie steht es mit dem Alleinsein während so langer Zeit? «Ich habe damit keine Probleme – ich bin dagegen resistent», meint der noch heute sportliche Kultälpler lächelnd, «schliesslich habe ich mich ja nun über 40 Sommer daran gewöhnen können. Ab und zu fahre ich natürlich auch ins Tal; ich habe ja drunten in Goldau auch noch meinen auf Sommerbetrieb reduzierten Hof zu betreuen und zu versorgen.» Dabei wird Toni Fassbind auch von der Familie und seinen drei Kindern tatkräftig unterstützt. Und wie lange soll seine Älplerkarriere noch dauern? Soll das halbe Jahrhundert vollendet werden? «Wenn es die Gesundheit zulässt, dann will ich es schon noch ein paar Jahre machen», bekundet Toni Fassbind augenzwinkernd und verabschiedet sich in den Stall – es ist Zeit zum Melken. Angelo Zoppet-Betschart