Rigi Anzeiger
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Shorty weg – for ever

Goldau: Der Waldrapp aus dem bayrischen Burghausen wird nie mehr Winterferien am Zugersee machen: Seine Betreuer entziehen ihm die Streckenfluglizenz.

Shorty

Der österreichische Waldrapp der Shorty heisst und smarty ist, sitzt einsam auf einer Wiese am Zugersee bei Holzhaeusern.

«Shorty wird nicht mehr frei fliegen», kündigt sein Ziehvater, der Verhaltensbiologe Johannes Fritz aus dem bayrischen Burghausen an. Fortan werde das junge Waldrappweibchen jeweils im Herbst mit einigen weiteren Artgenossinnen von Burghausen per Auto in das Wintergebiet in der Toskana gefahren. Dorthin, wo die restlichen Waldrappe der Zuchtstation, angeführt von erfahrenen Altvögeln oder aber vom Waldrapp-Ziehvater Fritz in seinem Ultraleichtflugzeug (UL), selbständig hinfliegen. Wenn sie am Ziel ankommen, werden sie von brünstigen Weibchen zur Fortpflanzung animiert. Darunter künftig auch von Shorty – für sie ein brutaler Karriereknick: Vom abenteuerlustigen Medienstar zur autofahrenden Animierdame…

Wiederholungstäterin
Das Waldrapp-Weibchen war bereits im Herbst 2012 auf Abwege geraten. Statt der Gruppe zugerfahrener Artgenossen in die Toskana zu folgen, flog Shorty – zusammen mit einem weiteren Jungvogel – erst ins Engadin und später ins Wallis. Während ihr Begleiter dann von dort doch noch in die Toskana flog, ging Shorty auf Nordkurs und liess sich schliesslich am Zugersee bei Holzhäusern nieder. Die exotische Einzelgängerin einer kurz vor dem Aussterben wiederbelebten Vogelart wurde umgehend zum Medienstar. Der Fangversuch eines deutschen Profi-Vogelfängers misslang gründlich. «Der Vogel ist topfit», resignierte er. (Rigi Anzeiger Nr. 8 vom 22. Februar 2013 «Der kann mich mal filmen».)

Erschöpft aufgegriffen
Nach diesem ersten Winter am Zugersee flog die Ausreisserin wieder ohne Hilfe zurück zur Aufzuchtstation in Bayern. Im darauf folgenden Herbst wurde Shorty vom Waldrapp-Aufzuchtteam vorsichtshalber mit dem Auto in die Toskana gebracht. Und flog im Frühjahr 2014 von dort wieder selbständig heim. Die «Gehirnwäsche» hat allerdings nichts genützt. Denn im vergangenen Herbst setzte sich Shorty wieder vom Verband seiner Kameraden ab und flog nach einem kleinen Umweg über die Ostschweiz zielstrebig erneut an den Zugersee. An die gleiche Stelle wie vor zwei Jahren. Von hier aus unternahm der Vogel immer wieder Ausflüge nach Mettmenstetten, Hausen und Affoltern am Albis. Als eine feste Schneedecke lag und es immer kälter wurde, flog der Würmer und Insekten fressende Vogel mit dem spitzen Krummschnabel reussabwärts bis nach Jonen AG. Dort wurde er abgemagert und erschöpft von aufmerksamen Naturfreunden aufgegriffen.

Aus dem Online-Tracking verbannt
Weil das Tier einen Sender trug, konnte die Shorty-Fangemeinde jederzeit den aktuellen Standort mitverfolgen. Inzwischen wurde Shorty aber aus der Online-Vorzeige-Galerie der von Menschen «renaturalisierten» Zugvögel gelöscht. Shorty wurde erst zur Vogelwarte Sempach und dann als exotischer Spezialfall in den Tierpark Goldau gebracht, wo ebenfalls eine Waldrapp-Kolonie lebt, die allerdings keinen freien Ausgang wie die Artgenossen in Bayern geniesst. In Goldau wird Shorty, von Medien und Neugierigen gut abgeschirmt, auf Schäden untersucht und auf Normalgewicht hochgefüttert. Sobald sich das deutsche Waldrapp-Weibchen von seinem missglückten Winterurlaub am Zugersee genügend erholt hat, soll es wieder nach Bayern gebracht werden. «Wenn wir Shorty erneut frei fliegen liessen, würde er wieder an den Zugersee fliegen», weiss Waldrapp-Projektleiter Johannes Fritz. Und dieses Risiko will er nicht eingehen. Weil der Zugersee halt definitiv kein Winterkurort für Zugvögel ist.

Feiner Braten aus dem Mittelalter
Der Waldrapp (Geronticus eremita) ist ein geselliger Zugvogel und exzellenter Segler. Er war im Mittelalter in Europa, im Balkan und im Nahen Osten weit verbreitet. Während ihn die alten Ägypter als Glücksbringer und Verkörperung des menschlichen Geistes nach dem Tod betrachteten, war der zutrauliche Vogel in Europa ein beliebter Braten. In Deutschland galt er bereits um 1627 als ausgerottet. Er genoss in Europa bereits den Ruf eines Fabeltieres, als 1897 ein britischer und zwei deutsche Vogelkundler belegten, dass der im Nahen Osten und in Nordafrika heimische «Schopfibis» und der in Europa ausgestorbene Waldrapp ein und derselbe Vogel sind. Seither werden keine Mühen und Aufwendungen gescheut, um den Waldrapp mit Aufzuchtprogrammen wieder in Europa anzusiedeln. In zahlreichen Zoos, Tiergärten und Volieren ist der Waldrapp heute wieder präsent. Die Anzahl Tiere in Gefangenschaft wurde 2005 auf rund 2000 geschätzt. Jene der freilebenden auf nur 450. Die grosse Herausforderung bei der Aufzucht von freilebenden Waldrappen ist es, ihnen das natürlich Zugverhalten beizubringen. Die Aufzuchtstation Burghausen setzt dabei ein UL-Flugzeug ein. Man hofft, dass es mit der Zeit genügend streckenkundige Altvögel gibt, die den Jungvögeln den Weg weisen. Wie schon im Mittelalter.

Text & Bild Niklaus Wächter