Rigi Anzeiger
Der Rigi Anzeiger ist die führende gratis Wochenzeitung für die Luzerner, Schwyzer und Zuger Regionen Rontal und Rigiland. Der Rigi Anzeiger erscheint seit über 50 Jahren in einem sehr interessanten Erscheinungsgebiet, einer WEMF-beglaubigte Auflage von 35 728 und wird jeden Freitag mit den regionalen News von der Post in alle Briefkästen im Einzugsgebiet verteilt.

Shorty zurück am Zugersee

Holzhäusern: Der komische Vogel fliegt ständig ins Steuer- statt ins Sonnenparadies. Seit 1. November residiert der Waldrapp aus Bayern wieder am Zugersee.

Der ebenso hässliche wie seltene Vogel hat schon im Winter 2012/13 für Schlagzeilen gesorgt. Von seiner Heimat – einer Aufzuchtstation für die vom Aussterben bedrohten Zugvögel im oberbayrischen Burghausen an der österreichischen Grenze, hätte das damals halbjährige Vogelweibchen mit der Ringnummer 028 vom zugerfahrenen Artgenossen Domino in das Überwinterungsgebiet Toskana geführt werden sollen. Domino leistete sich dabei einen Abstecher in die Schweiz und flog über das schöne Engadin ins berühmte Wallis – wie das eben Vogel- und andere Männchen bei ihren ersten Ausführungen so machen. Dort liess er die ihm Angetraute sitzen und flog allein über die Alpen in den Süden. Auch das nichts Neues. Vogelmädchen Shorty verweilte noch eine Weile ausgangs Rhonetal. Dann gingen ihrem Peilsender die Batterien aus. Ihre menschlichen Betreuer waren damit ebenso ahnungs- und orientierungslos wie der verlassene Jungvogel selbst. Aber Vögel haben Instinkte und Menschen Kommunikationskanäle. Ihre weiteren Erkenntnisse über die ungewöhnlichen Winterziele des auffälligen Waldrapps verdanken die Aufzüchter in Burghausen Publikumsmeldungen. Der grosse schwarze Vogel mit dem kahlen Kopf, dem langen roten Schnabel und einer Spannweite von über 1,20 Meter wurde Mitte Dezember bei Mettmettenstetten (ZH) gesichtet, später im Knonaueramt.

Mit einem App kann man die Bewegungen von Shorty und anderen Tieren verfolgen. Quelle: www.movebank.org

Mit einem App kann man die Bewegungen von Shorty und anderen Tieren verfolgen. Quelle: www.movebank.org

Winterpause am Zugersee
Schliesslich liess sich der Waldrapp bei Holzhäusern am Zugersee nieder. In einer vergleichsweise dünnbesiedelten Region mit grossen naturbelassenen Flächen in Seenähe. Wo unter anderem auch Wildgänse Station machen. Die smarte Shorty mischte sich wechselweise unter grasende Gänse und Schafe, wurde zum Medienstar und verbrachte den Winter bei bester Gesundheit am Zugersee. Sie war so fit, dass der extra angereiste deutsche Vogelfänger, der sie zu Rettungs- und Rückführzwecken einfangen sollte, keine Chance hatte. Und schlussfolgerte, dass sich damit auch eine Rettungsaktion mit Fangnetz erübrige. Der Rigi Anzeiger hat darüber berichtet. Im Frühling war Shorty dann plötzlich wieder zuhause in Burghausen. Der Rückweg-Instinkt funktionierte einwandfrei. Um zu verhindern, dass Shorty am nächsten Herbst erneut in die Schweiz fliegt und womöglich noch Artgenossen dorthin mitnimmt, wurde der Waldrapp im Herbst vergangenen Jahres auf dem Landweg in die Toskana verfrachtet. Dort verbrachte er artig seinen Winteraufenthalt und flog im Frühjahr – wie vom Aufzucht-Team erhofft – wieder zu seiner Geburtsstätte Burghausen zurück.

Auf Allerheiligen eingeflogen
Offenbar hat diese Gehirnwäsche aber nicht alle schönen Erinnerungen vom Zugersee ausgespült. Nach dem Massenstart in den Süden ab Burgstein Mitte September dieses Jahres flog die mit frischen Senderbatterien bestückte Shorty gemäss Routenaufzeichnung erst mal schön brav mit Begleitung via Rosenheim und Kufstein Richtung Innsbruck. Die erste Oktoberwoche verbrachte sie bei Imst. Während die «normal» orientierten Waldrappe von diesem Punkt aus auf Südkurs gingen, drehte Shorty nach Nordwesten ab und flog in wenigen Tagen via Kempten ins süddeutsche Biberach an der Riss und von dort südwestlich quer über den Bodensee nach Utzwil SG. Wo sie sich eine etwa 14tägige Flugpause gönnte. Von dort flog sie pünktlich auf Allerheiligen schnurstracks an den Zugersee. Wo sie sich einer alten Gewohnheit folgend diskret unter die laut schnatternden Wildgänse mischt und nach Würmern und Larven pickt. Zur Freude aller Shorty-Kenner und Liebhaber unbelehrbarer Querulanten. Das Aufzuchtteam hat die erneute fliegerische Fehlleistung Shortys mit irritiertem Bedauern zur Kenntnis genommen und behält sie weiterhin elektronisch im Auge. Denn wenn der Winter wirklich hart werden sollte, riskiert Shorty ihren Namen als Omen und auf der Strecke zu bleiben. Für dieses Los ist sie mittlerweile aber schon fast zu berühmt.