Rigi Anzeiger
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Steinbruch Obermatt kommt nicht zur Ruhe

Vor 50 Jahren verwüstete ein Felssturz im Steinbruch am Bürgenstock das Weggiser Ufer

Ans Rumpeln im Steinbruch Obermatt am gegenüberliegenden Bürgenstock-Ufer hatte man sich in Weggis schon seit Jahren gewöhnt. Doch was am 8. August 1964, einem Samstagabend kurz nach acht Uhr geschah, übertraf alles Bisherige. Eine mächtige Staubwolke hüllte den Steinbruch ein, daraus hörte man ein mächtiges Krachen und Poltern und wenig später zerstörte eine Grundwelle Uferanlagen und Schiffe zwischen Hertenstein und Vitznau.

Wie Spielzeug wurden die Schiffe von der vom Felssturz ausgelösten Grundwelle aufs Weggiser Ufer (hier beim Hotel Central) geworfen.

Wie Spielzeug wurden die Schiffe von der vom Felssturz ausgelösten Grundwelle aufs Weggiser Ufer (hier beim Hotel Central) geworfen.

Insgesamt stürzten am 8. August 1964 rund 200’000 Kubikmeter Fels und Gestein von der östlichen Flanke des Steinbruchs in die Tiefe. Verheerend wirkten sich die kleineren Abbrüche vom Samstagnachmittag aus. Sie füllten den Arbeitsboden des Steinbruchs und bildeten so eine Rutschfläche für den grossen Abbruch am Abend. «So konnten die Fels- und Gesteinsmassen ungebremst in den See stürzen», erklärt der Weggiser Geologe Klaus Louis. Er hat den Steinbruch Obermatt im Details studiert und auf sein Gefährdungspotential hin untersucht. Louis ist überzeugt: «Im alten Steinbruch kann jederzeit wieder Fels abbrechen.» Mit klassischen Felssicherungsmassnahmen sei die Gefahr nicht zu bannen. Die Folgen weiterer Felsstürze hingegen können minimiert werden. Die Arbeitsfläche des seit 50 Jahren stillgelegten Steinbruchs wurde komplett von Gestein und Schutt frei geräumt. «Damit kann verhindert werden, dass die Felsmassen wieder in den See stürzen», erklärt Geologe Louis.
Wie ein Tsunami
Die verheerenden Schäden beim Felssturz von 1964 wurden von den Wassermassen verursacht. Zuerst baute sich eine Schockwelle von «über 20 Metern Höhe» auf, wie es im Communique der Polizeikommandos Nidwalden und Luzern hiess. Sie zerstörte den Steinbruch-Nauen, zwei Weekendhäuschen am Bürgenstock-Ufer, die Boote und die Anlegestellen beim Restaurant Obermatt. Der Pächter erlitt einen Schock und musste ins Kantonsspital Luzern gebracht werden. Auf der Höhe von Kehrsiten verlief sich die Flutwelle im Kreuztrichter und ebbte schnell ab. Noch zerstörerischer war die durch den Felssturz verursachte Grundwelle. Ähnlich einem Tsunami brachte sie die gesamte Wassermasse im Weggis-Vitznauer Becken in Bewegung. Der Polizeibericht schilderte die Auswirkung am Ufer der Luzerner Riviera: «Dort senkte sich am Ufer wenige Minuten nach dem Felssturz der Seespiegel um etwa 1,5 Meter. Nachfolgend überspülte eine Grundwelle das Ufergelände. In Weggis überflutete sie den ganzen Dorfplatz. (…) Von Hertenstein bis Vitznau ist ein Grossteil der am Ufer vertäuten Boote stark beschädigt oder zerstört worden. Der ganze Bootsvermietungsplatz Würth mit den beiden grossen Motorbooten Weggis 1 und Weggis 2 wurde vernichtet.»

 Dr. Klaus Louis, Weggiser Geologe: «Es war Gewinnstreben, über die geologischen Risiken wusste man seit langem Bescheid.»

Dr. Klaus Louis, Weggiser Geologe: «Es war Gewinnstreben, über die geologischen Risiken wusste man seit langem Bescheid.»

Unsachgemässer Abbau
Der versicherte Schaden des Felssturzes betrug eine halbe Million Franken. Der reale Schaden allerdings war erheblich grösser. Über die Versicherung gedeckt waren nur Elementarschäden. Beim Felssturz in der Obermatt handelte sich aber nicht um ein Naturereignis. Er war die Folge einer unsachgemässen, Fachleute sagen «fahrlässigen», Abbaumethode. Der 1924 eröffnete Steinbruch erschliesst ein Hartsteinband, das sich in der geologischen Landkarte der Schweiz entlang des nördlichen Alpenbogens von West nach Ost zieht. Der Kieselkalk, der aus diesem Band gebrochen werden kann, ist ein begehrter Rohstoff namentlich im Gleisbau. Die Aussicht auf satte Gewinne aus dem Hartstein-Abbau in der Obermatt dürfte das Motiv für den unsachgemässen Abbau und die daraus bis heute dauernde Felssturz-Gefahr in der Obermatt sein. Schon wenige Tage nach dem Felssturz vom 8. August 1964 schrieb der renommierte Ebikoner Geologe Dr. J. Kopp, aufgrund der geologischen Verhältnisse am Bürgenstock sei es «schwer zu begreifen, dass man bei Obermatt die Erlaubnis erteilt hat, einen Steinbruch zu eröffnen». Dem stimmt der Weggiser Geologe Karl Louis ohne Einschränkung zu – «es war Gewinnstreben, über die geologischen Risiken wusste man seit langem Bescheid».

Walter Murer, Präsident der IG Archiv : «Der Dorfplatz war mit Schlamm und losgerissenem Seegras bedeckt.»

Walter Murer, Präsident der IG Archiv : «Der Dorfplatz war mit Schlamm und losgerissenem Seegras bedeckt.»

Kein Naturereignis
Die Frage, ob die Felsstürze im Steinbruch Obermatt – der letzte war 2007, mit Schäden durch eine Grundwelle erneut in Weggis – ein «Naturereignis» oder durch menschliches Handeln verursacht wurden (und werden) beschäftigte die Gerichte auch noch jetzt, 50 Jahre nach dem Felssturz vom 8. August 1964. Nein, sagte das Bundesgericht, ein Naturereignis seien die Felsstürze und Gesteinsabbrüche im alten Steinbruch Obermatt (er wurde am 10. August 1964 durch Verfügung der Nidwaldner Regierung stillgelegt) nicht. Sie seien eine Folge des unsachgemässen Abbaus und damit nicht von der Natur, sondern von Menschen verursacht. Angesichts der bekannten geologischen Verhältnisse sei die im Steinbruch Obermatt gewählte Abbaumethode «völlig falsch» gewesen, heisst es im Bundesgerichtsentscheid. Mit Urteil vom 16. Januar 2014 wiesen die Richter in Lausanne eine Beschwerde der Korporation Ennetbürgen ab. Sie hatte den Entscheid des Gemeinderates Ennetbürgen und des Nidwaldner Regierungsrates angefochten, wonach die Korporation als Grundeigentümerin die Kosten für Sicherungsmassnahmen im alten Steinbruch (Gutachten, Ausräumung des «Fallbodens» u.ä.) übernehmen muss.

 

Glück im Unglück
Schon im Jahr vor dem grossen Felssturz von 1964 brach in der Obermatt eine Felsmasse von rund 100000 Kubikmeter ab. Dabei kamen zwei Arbeiter im Steinbruch ums Leben. Dass es am 8. August 1964 keine Todesopfer gab, ist glücklichen Umständen und geistesgegenwärtigem Handeln zu verdanken. So wusste die NZZ am 10. August zu berichten: «Der junge Guido Diethelm stand am Bootssteg Obermatt, als die Sturzwelle über ihn hereinbrach. Er klammerte sich am eisernen Geländer fest und vermochte so der Gewalt der Wassermassen, die ihm die Schuhe abrissen, erfolgreich zu widerstehen.» In Weggis sah Bootsvermieter Würth die Staubwolke in der Obermatt. Er ahnte das Unheil, band das grosse Ausflugschiff Seebär los und steuerte es in den See hinaus. So blieb der Wert mindestens dieses Schiff erhalten. In Hertenstein wollte SGV-Kapitän Huber das Dampfschiff Wilhelm Tell an den Steg steuern, als er die Welle kommen sah. Sofort liess er die Maschinen «volle Kraft zurück» laufen – ohne dieses Manöver wäre das Kursschiff von der Grundwelle aufs Ufer geworfen worden. Fahrplanmässig hätte zur Zeit des Felssturzes das kleine Motorschiff Rütli in Weggis anlegen sollen, doch der Kurs hatte, für einmal glücklicherweise, 30 Minuten Verspätung.

Visuelle Kontrolle von bestehenden Rissen, im Hintergrund ist die Luzerner Bucht.

Visuelle Kontrolle von bestehenden Rissen, im Hintergrund ist die Luzerner Bucht.

Blick unterhalb des Überhanges senkrecht nach unten, frei hängend am Seil

Blick unterhalb des Überhanges senkrecht nach unten, frei hängend am Seil

Röbi Küttel bohrt den ersten Stand.

Röbi Küttel bohrt den ersten Stand.

Abstieg über die Felskante in den Überhang, 150 m über dem See.

Abstieg über die Felskante in den Überhang, 150 m über dem See.

Der ehemalige Steinbruch Obermatt vom Vierwaldstättersee aus gesehen.

Der ehemalige Steinbruch Obermatt vom Vierwaldstättersee aus gesehen.

Verwitterte Mergelschicht und Sturzkörper im «Mergelnest» unter dem Überhang

Verwitterte Mergelschicht und Sturzkörper
im «Mergelnest» unter dem Überhang

R.Küttel, K.Louis

R.Küttel, K.Louis

C.Erni,

C.Erni