Rigi Anzeiger
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Tempo 30 bringt Gemüter in Rage

Adligenswil: An der Gemeindeversammlung sorgte die neue Tempo-30-Zone für mehr Gesprächsstoff als die erneute Steuererhöhung. Inzwischen wurden acht Verkehrspoller mutwillig zerstört und eine 30er Tafel gestohlen.

Gegen Ende der dreieinhalbstündigen Versammlung erhielten die Teilnehmer Gelegenheit, ihrem Ärger Luft zu verschaffen. Verunsicherte Fussgänger fragten, wer denn nun Vortritt in der neuen Tempo-30-Zone hat. Verunsicherte Mütter forderten die Wiederaufbringung des entfernten Fussgängerstreifens, verärgerte Busbenutzer klagten über Velofahrer, die über das Trottoir dem Verkehrsstau in der 30er Zone ausweichen, frustrierte Automobilisten schimpften über unnötige Verkehrsschikanen, Anwohner vermeldeten eine Zunahme des Verkehrslärms … Unter den zahlreichen, oft emotionalen Wortmeldung, war keine einzige positive zum Thema Tempo-30-Zone. «Ich fresse einen Besen, wenn diese Zone dem Wunsch einer Mehrheit in Adligenswil entspricht», ereiferte sich ein Versammlungsteilnehmer. Viele der Wortmelder forderten den Abbruch des ungeliebten Tempo-30-Versuchs. Oder zumindest die Entfernung der Poller. Gemeindeammann Markus Sigrist nahm die Proteste zur Kenntnis. «Ich bin aus allen Wolken gefallen, als der Proteststurm am Tag nach der Umsetzung der Zone losbrach», gestand er. Inzwischen habe er unzählige Telefonate, Mails und weitere Wortmeldungen erhalten. «Viele weit unter der Gürtellinie und ohne jeden Anstand», klagt er. Einige Erzürnte haben sich die unerwünschte Neuinstallation gleich selbst vorgeknöpft: Bis jetzt wurden acht Poller mutwillig zerschnitten. Und jeder kostet laut Sigrist 253 Franken. Auch eine Verkehrstafel wurde geklaut. Sigrist ist aber überzeugt: «Die baulichen Massnahmen sind unumgänglich, weil sich ohne sie die Automobilisten sowieso nicht an Tempo 30 halten». Und: «Wir haben immer wieder über das Vorhaben informiert». In der Info-Zeitung der Gemeinde vom August findet sich in einer Meldung über den provisorischen Deckbelag auf der Dorfstrasse auch ein Hinweis zum Tempo-30-Versuch. «Wurde die bfu bei der Gestaltung dieser Zone beigezogen?», wollte ein Adligenswiler wissen. «Selbstverständlich», bestätigte der Gemeindeammann. Keine Antwort wusste er dagegen auf die Frage einer Mutter nach dem Vortrittsrecht. «Wir haben uns einfach an die Regel gehalten, dass es in einer 30er Zone keine Fussgängerstreifen gibt», sagt er. Der Gemeinderat will trotz offenen Fragen am einjährigen Versuch der Tempo-30-Zone festhalten.

Die neue Tempo-30-Zone in Adligenswil gibt zu reden.

Die neue Tempo-30-Zone in Adligenswil gibt zu reden.

Das sagt die Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu zur Tempo-30 Zone

Trifft es zu, dass die bfu bei der Realisation dieser Zone beratend mitgewirkt hat?
Die Abteilung Verkehrstechnik der bfu wurde am 26.1.2006 von der Gemeinde Adligenswil bezüglich einer verkehrstechnischen Beratung auf der Dorfstrasse angefragt. Die Gemeinde möchte Massnahmen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit wie Tempo 30 usw. abklären. Die Stellungnahme haben wir am 17.5.2006 abgegeben. Das konkrete Projekt der heute eingerichteten Tempo-30-Zone mit den realisierten Einengungen hat die bfu nicht beurteilt.

Ist eine 30er Zone auf einer dicht befahrenen Hauptdurchfahrtsstrasse mitten im Ort grundsätzlich sinnvoll?
Heute besteht schweizweit eine grosse Nachfrage nach Tempo-30-Zonen auch im Zentrumsgebiet auf verkehrsorientierten Strassen. Durch die Reduktion der Geschwindigkeit kann die Verkehrssicherheit des Langsamverkehrs gesteigert werden. Die Verträglichkeit zwischen querenden Fussgängern und motorisiertem Verkehr ist mit 30 km/h besser gegeben als mit 50 km/h. Es kann sinnvoll sein, Abschnitte von verkehrsorientierten Strassen in Ortszentren in Tempo-30-Zonen einzubeziehen. Aus Sicht der bfu sind dafür klare und zwingende Kriterien rechtlich festzuhalten. Auch darf die Gutachtenspflicht auf diesen Strassen nicht verwässert werden. Dadurch soll gewährleistet werden, dass Tempo 30 effektiv eingehalten wird und keinesfalls Schleichverkehr in Wohnquartieren entsteht.
Die Dorfstrasse ist eindeutig eine verkehrsorientierte Strasse, bei der die Geschwindigkeiten nur mittels umfangreichen baulichen und gestalterischen Massnahmen soweit reduziert werden können, dass Tempo 30 auch eingehalten wird. Aufgrund der Siedlungsstruktur kann eine Tempo-30-Zone Sinn machen. Die Dorfstrasse muss dazu aber mit richtigen, gestalterischen Massnahmen angepasst werden.

Wann ist die Einrichtung einer solchen Zone sinnvoll?
Eine Tempo-30-Zone ist dann angezeigt, wenn sie nach dem BGK (Betriebs- und Gestaltungskonzept) des Planers, welches abgestimmt auf das Umfeld sein muss, Sinn macht. Tempo-30-Zonen auf einer verkehrsorientierten Strasse gegen nächtliche Raser macht keinen Sinn. Dagegen sind andere, zum Beispiel bauliche und gestalterische Massnahmen wie die beiden Kreisel wirksamer.

Trifft es zu, dass es in einer 30er Zone keine Fussgängerstreifen geben darf?
Generell sollen die Fussgänger eine Strasse in einer Tempo-30-Zone da überqueren, wo sie sich am sichersten fühlen und wo die Sichtverhältnisse am besten sind. Dies gilt für siedlungsorientierte Strassen, in welchen die bfu generell Tempo-30-Zonen empfiehlt (bfu Modell 50/30). Daher sind in diesen 30er-Zonen keine Fussgängerstreifen vorgesehen, ausser in begründeten Ausnahmefällen vor Schulhäusern, Heimen und auf stark frequentierten Schulwegen.
Auf verkehrsorientierten Strassen sieht es anders aus. Weil hier mehr motorisierter Verkehr vorhanden ist, können die Fussgängerstreifen beibehalten bleiben.
Die fehlenden Zebrastreifen in siedlungsorientierten Gebieten wecken oft Unsicherheiten, insbesondere bei Eltern kleiner Kinder. Diese Ängste sind aber unbegründet, denn die Senkung der Höchstgeschwindigkeit auf 30 km/h erzeugt eine bedeutend grössere Sicherheitswirkung als ein Fussgängerstreifen. Der Zebrastreifen ist eine «Vortrittsumkehrung», garantiert aber keine Sicherheit. Die bfu empfiehlt aber, dass die zuständigen Behörden die idealen Querungsstellen für kleine Kinder in angezeigten Situationen mit «bfu-Füsschen» markieren.
In Tempo-30-Zonen haben die Fussgänger keinen Vortritt. Ausser auf einem Fussgängerstreifen.

Muss eine 30er Zone zwingend künstlich verengt werden?
Entscheidend ist die Geschwindigkeit, welche gefahren wird. Die baulichen Verkehrsberuhigungselemente werden dazu gebraucht, dass das Geschwindigkeitsniveau im Bereich von 30 … 38 km/h ist. Je nach Situation braucht es wenig oder mehr solche Elemente wie Einengungen usw.

Wer bestimmt letztendlich, was eingerichtet werden darf ?
Zum Einführen einer Tempo-30-Zone braucht es ein Gutachten eines Ingenieurbüros. An der Gemeindeversammlung selbst stimmt die Bevölkerung über die Umsetzen der Tempo-30-Zonen auf den Gemeindestrassen ab. Der Kanton ist die Aufsichtsbehörde und bewilligt je nach Gutachten die Tempo-30-Zone. Im Kanton Luzern ist es das vif (Amt für Verkehr und Infrastruktur).

Was empfiehlt die bfu den Gemeinden, die solche Zonen einrichten, bezüglich Kommunikation mit der Bevölkerung?
Durch Öffentlichkeitsarbeit beim Umsetzen von Tempo-30-Zonen schafft die Gemeinde Transparenz, Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Je früher sie die Bevölkerung involviert, desto mehr Akzeptanz erhält das Vorhaben an der Gemeindeversammlung. Sinnvoll sind Artikel in der Gemeindezeitung, eine Website oder eine Informationsveranstaltung, an der die Gemeinde über den Nutzen und die geplanten Massnahmen informieren.

Interview: Niklaus Wächter
Für die bfu antwortete Patrick Eberling, Leiter Verkehrstechnik