Rigi Anzeiger
Der Rigi Anzeiger ist die führende gratis Wochenzeitung für die Luzerner, Schwyzer und Zuger Regionen Rontal und Rigiland. Der Rigi Anzeiger erscheint seit über 50 Jahren in einem sehr interessanten Erscheinungsgebiet, einer WEMF-beglaubigte Auflage von 35 728 und wird jeden Freitag mit den regionalen News von der Post in alle Briefkästen im Einzugsgebiet verteilt.

Ungeschriebene Gesetze regeln das Zusammenleben

«Die momentane Wirtschaftslage spricht dafür, dass ihr nach dem Abschluss eine Stelle findet. Welche Einflussfaktoren könnten zusätzlich dazu beitragen?», wollte der Ökonomie-Professor während einer Vorlesung wissen.

Die Antwort kam postwendend: «Durch ein intaktes Beziehungsnetzwerk.» Dieser kurze Dialog, der so tatsächlich stattgefunden hat, kann als typisches Beispiel für die kollektivistische Natur der thailändischen Gesellschaft betrachtet werden. Die Thais betrachten sich selbst weniger als Individuen denn als Teil einer oder mehrerer Gruppen. Diese Kollektiven können Familien, Freunde, Arbeitskollegen oder Nachbarn sein. In meiner Klasse war dies auf den ersten Blick feststellbar: Die jungen Frauen mit den eher schlechten Noten, die neben dem Studium im Geschäft ihrer Eltern oder in einem kleineren Betrieb einer Routinetätigkeit nachgehen, haben nur wenig Kontakt mit den besseren Schülern, die eine Anstellung bei einem renommierten Grossunternehmen oder dem Staat haben. Bei Teamarbeiten haben die als erfolgreichen geltenden Studenten das Sagen. Die anderen Mitglieder der Klasse melden sich gar nicht erst zu Wort und werden von den Dozierenden auch deutlich weniger aufgerufen.

 

Die thailändische Gesellschaft ist hierarchisch aufgebaut und der König Bhumibol Adulyadej steht an der Spitze.

Die thailändische Gesellschaft ist hierarchisch aufgebaut und der König Bhumibol Adulyadej steht an der Spitze.

Einer meiner Studienkollegen ist bereits Mitte Vierzig, schreibt nur Bestnoten und verfügt dank einem Bankdirektor in der Familie über 24 Jahre Erfahrung im Bankensektor – das ist länger, als ich bereits auf der Welt bin. Als ich mit ihm einen Vortrag vorbereiten sollte, kam er einen Tag nach der Auftragsvergabe auf mich zu und sagte: «Ich habe ein Thema für uns gefunden.» Daraufhin bedankte ich mich und erwiderte, ich hätte mir auch schon einige Gedanken gemacht und teilte diese auch gleich mit ihm. Meine Rechercheergebnisse wurden mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen und anschliessend in einem Nebensatz abgetan. Offenbar war sich mein älterer Klassenkamerad gewohnt, dass er nach Belieben über die Gestaltung von Projekten entscheiden kann. Wir hielten die Präsentation denn auch zu dem von ihm ausgewählten Inhalt, doch beim Erstellen der Endversion konnte ich mich für einmal durchsetzen und einige grammatikalisch komplett falsche Phrasen korrigieren. Dass ich dies bereits als kleinen Sieg betrachtete, zeigte mir, wie gut ich mich inzwischen an die hiesigen Gepflogenheiten gewöhnt hatte und diese akzeptieren kann.
Was nur schon in einer Uni-Lerngruppe mit knapp 20 Studentinnen und Studenten beobachtet werden kann, ist in der gesamten Gesellschaft deutlich extremer. Das Zusammenleben in Thailand ist geprägt durch eine strikte Hierarchie, an dessen Spitze der König steht. Die Verbundenheit zwischen den einzelnen Mitgliedern eines Kollektivs wird häufig betont und die Gemeinschaften bleiben oftmals unter sich. Sogenannt Höhergestellte dürfen nicht mit belanglosen Bitten belästigt werden und für die sozial schlechter Gestellten muss gesorgt werden. Da ich als Nicht-Thailänderin aber ausserhalb dieser komplexen und nur schwer durchschaubaren Beziehungsnetze stehe, kann und darf ich mit allen Einheimischen ungeachtet ihrer Stellung in der Gesellschaft verkehren.

Stephanie Sigrist aus Risch absolviert ein Austauschsemester in Bangkok und berichtet darüber regelmässig im Rigi Anzeiger.

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