Rigi Anzeiger
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Verstehen, was abgeht

Immensee: Der bekannte Historiker Hans-Ulrich Jost referierte am Gymi Immensee über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg – und was das mit der heutigen Flüchtlingskrise zu tun hat.

Der Historiker Hans-Ulrich Jost.

Der Historiker Hans-Ulrich Jost.

red. Der Auftritt von Hans-Ulrich Jost fiel just auf den Tag, an dem EU-Kommissionspräsident Juncker der Welt mitteilte: «Die Geschichte wird Merkel recht geben.» Der Politikerin also, die sich gegen die Abschottung Europas gegenüber den Flüchtlingsstömen aus dem Osten wehrt, die die Bedrohung einer Masseneinwanderung in eine Chance umdeuten will. Der Anlass des Auftrittes indes war der Holocausttag, dem am Gymi Immensee regelmässig mit hochkarätigen Veranstaltungen gedacht wird, und somit der Rückblick auf die Rolle, die die (offizielle) Schweiz während der Judenverfolgungen spielte.

Eigentlich haben die beiden Dinge nicht viel miteinander zu tun-möchte man meinen. Das war doch bitteschön im Zweiten Weltkrieg eine ganz andere Situation wie heute. Da war der Judenhass, da war Nazi-Deutschland, da war die Schweiz in akuter Kriegsgefahr unter Druck und bestrebt, mit Zugeständnissen die eigene Haut zu retten. Wir erinnern uns: Schon 1931 verschärfte die Schweiz das Ausschaffungsgesetz für Flüchtlinge und zielte dabei auf «wesensfremde Elemente», womit natürlich die Juden gemeint waren. Genau am Tag nach der Kristallnacht am 10. November 1938, als 200 Synagogen angezündet und 30 000 Juden verhaftet wurden, führten die Behörden in der Schweiz den Judenstempel in den Pässen ein. Schon lange galten die Juden nicht mehr als politische Flüchtlinge, und der Rest der Geschichte mit tausenden jüdischen Flüchtlingen, die an der Grenze in den sicheren Tod zurückgeschickt wurden, ist schmerzhafter Teil unseres historischen Bewusstseins.

«Ja keine Nichtchristen»
Und was passiert in diesen Wochen? Ungarn, Polen, Tschechien und der Slowakei errichten Zäune gegen die Flüchtlingsströme. Österreich setzt Kontingente fest. Rechtsnationale Regierungen und Bewegungen – auch in der Schweiz – können ein neues Feindbild bewirtschaften: Nicht die Juden, sondern die Fremden aus dem Osten und dem Süden. Oder sogar, um auch hier die Religion mit ins Spiel zu bringen, die Islamisten. Das lenkt trefflich von inneren Problemen ab und stärkt die Gemeinschaftsbildung im Volk. Ja, das Volk. Dass in diesem Fahrwasser auch antisemitische Gruppierungen wieder Aufwind spüren, versteht sich von selbst. «Ja keine Nichtchristen», sagt Ungarns Präsident Victor Orban offen. Die Flüchtlinge sollen dorthin zurück, wo es, wie alle wissen, kaum ein Zurück mehr gibt. Die Mächte, die derweil hinter dem Flüchtlingsdrama stehen, sie sind zu stark um hinterfragt zu werden. Das sieht Hans-Ulrich Jost, das sehen auch die Schülerinnen und Schüler des Gymi Immensee.

Verstehen statt lernen
Sie spüren, dass sich jetzt Weltgeschichte abspielt. Weltgeschichte, die sich zumindest teilweise zu wiederholen droht. «Ich bewundere Angela Merkels Haltung», sagt Jost. «Aber ich befürchte, dass sie der Realität nicht standhält und die Politik sich sogar ins Gegenteil verkehren wird». «Lernen wir denn nichts aus der Geschichte?», platzt die Schülerfrage in den Saal. «Leider nein», entgegnet Jost. «Dazu ist der Mensch nicht in der Lage.» Das sitzt. «Warum machen wir dann Geschichtsunterricht?» «Um wenigstens besser verstehen zu können», sagt der ehemalige Geschichtsprofessor der Uni Lausanne. Man merkt: am Verstehen liegt es nicht bei den Schülerinnen und Schülern des Gymi Immensee. Alle im Saal verstehen genau und bestens, was jetzt an Europas Grenzen abgeht. Aber was tun? «Über die Dinge reden. Sie nicht verheimlichen und vor allem nicht verniedlichen, wie das zum Beispiel die offizielle Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht hat. Sich nicht weisswaschen wollen, sondern aushalten, dass man Teil eines paradoxen Systems ist», sagt Hans-Ulrich Jost, und: «Wenn man schon nicht aus der Geschichte lernen kann, so kann man wenigstens aus Fehlern lernen, die im Umgang mit der Geschichte gemacht wurden. Dafür kämpfe ich, denn das wird mitentscheidend dafür sein, wem die Geschichte recht geben wird.» Betroffen applaudierten die Schülerinnen und Schüler, wohl wissend: Es geht hier nicht nur um Angela Merkel. Es geht um uns und um mich.