Rigi Anzeiger
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Warten auf goldiges Nichts

Root: Nelly Schenker wuchs im Keller und in Heimen auf, der Schulbesuch wurde ihr verwehrt. Vergangene Woche las sie im Pfarreiheim aus ihrem Buch.

Nelly Schenker las abwechselnd mit Paul King aus ihrem Buch «Es langs, langs Warteli für es goldigs Nüteli».

Nelly Schenker las abwechselnd mit Paul King aus ihrem Buch «Es langs, langs Warteli für es goldigs Nüteli».

cek. Nelly Schenker kam 1941 auf die Welt als «Resultat» einer Vergewaltigung durch einen Soldaten. Zuerst hausen sie und ihre Mutter in einem Keller eines Verwandten. Nach dem Besuch des Kindergartens, entdeckt man bei Nelly Schenker einen Schatten auf der Lunge. Der Aufenthalt in ein Sanatorium folgt. Zurück nach Hause darf sie nicht mehr. Sie kommt in ein Waisenhaus und dann acht Jahre in ein Heim für schwer erziehbare Mädchen. Immer wieder appelliert sie, in die Schule gehen zu dürfen, denn sie will lernen. Das bleibt ihr verwehrt. Kaum volljährig, flüchtet Nelly Schenker, arbeitet zuerst in einer Wäscherei eines Luzerner Altersheimes und drei Monate in einem Laden in Root. Weil sie mit einem Mann vor der Ladentüre redete, wird Nelly Schenker gekündigt. Sie landet in einer psychiatrischen Klinik, flüchtet erneut, lernt einen Mann kennen und hat mit ihm zwei Kinder. Dreizehnmal zügelt sie, lässt sich scheiden. Nelly Schenker kommt auch in Kontakt mit der Bewegung Vierte Welt (ATD), die sich für die Menschenwürde in Armut lebender Leute einsetzt. Da ist sie endlich jemand.
Auf über 316 Seiten hat Nelly Schenker mit Noldi Christen ihre bisherige Lebensgeschichte aufgeschrieben und daraus vergangene Woche im Pfarreiheim Root abwechselnd mit Paul King von der ATD-Bewegung vorgelesen. «Ich war vorhanden, aber ich war doch alleine», sagte sie. Ihre Mutter durfte sie auch nicht sehen. Später nimmt man ihr sogar ihre Kinder weg. Sie dürfen aber wieder zu ihr zurück. «Man darf den Armen die Kinder nicht wegnehmen. Dass es so etwas heute noch gibt, verstehe ich nicht», äusserte Nelly Schenker, die auch viel Behördenwillkür erlebte. Nelly Schenker lernte schreiben und lesen, während sie mit ihrer ältesten Tochter Melody die Hausaufgaben machte. Als ein in der Armut lebender Mensch fühlte sich Nelly Schenker immer wieder auf die Seite gestellt. Aber sie hat nie aufgegeben, eine Kunstgewerbeschule besucht, malt heute Bilder. «Was bedeutet der Buchtitel ‹Es langs, langs Warteli für es goldigs Nüteli›?» will ein Besucher wissen. Nelly Schenker: «An Weihnachten, wenn meine Cousinen und Cousins ihre Geschenke aufmachten, fragte ich nach meinem Geschenk. Dann kam immer dieselbe Antwort: ‹Du bekommst ein langes, langes Warteli mit einem goldigen Nüteli.›» Will heissen: «Ein langes Warten und ein goldiges Nichts.»