Rigi Anzeiger
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Yvonne Schärli: «Alles hat seine Zeit»

Ebikon: Die Regierungsrätin aus Ebikon beendet ihre Amtszeit nach zwölf Jahren. Im Interview mit dem Rigi Anzeiger blickt sie zurück und (ein bisschen) in die Zukunft.

Yvonne Schärli. Bild Franca Pedrazzetti

Yvonne Schärli. Bild Franca Pedrazzetti

Yvonne Schärli, Sie sagen, Sie seien jetzt, sechs Wochen vor dem Abschied aus der Regierung, im «Erledigungsmodus». Ist das vorherrschende Gefühl dabei «Abschied» oder «Neubeginn»?
Es ist der Abschied. Der nimmt viel Raum ein, ich möchte das Amt gut abgeben und dem Nachfolger gut übergeben können. Auch die Geschäfte in den Kommissionen und in der Regierung abschliessen und die Projekte in den Dienststellen will ich abschliessen. Ganz wichtig sind mir die Verabschiedungen sie sollen in einer guten Atmosphäre stattfinden. Neben all dem ist die Zukunft noch an einem sehr kleinen Ort. Nachdenklich stimmt mich das Ergebnis des zweiten Wahlgangs vom 10. Mai – mein Abschied per 30. Juni 2015 ist zugleich das vorläufige Ende der SP in der Regierung des Kantons Luzern.

Ist das nicht noch schwierig, überall Abschied nehmen zu müssen und zu wissen, das war jetzt das letzte Mal?
Das ist unterschiedlich. Es gibt Verabschiedungen eher formeller Art, bei andern ist der Abschied mit etwas Wehmut verbunden. Es war für mich aber von Anfang an ganz klar, und ich habe das am Tag meiner Wahl auch der Partei gesagt, dass ich das Amt zehn, maximal zwölf Jahre ausüben werde. Die grösste Wehmut werde ich haben, wenn ich mich von meinen engsten Mitarbeitern verabschiede. Sie gehen mit einem durch die Hochs und Tiefs, begleiten einem auch in schwierigen Momenten, und davon gab es einige. Gleich zu Beginn meiner Amtszeit das Bürgerrechtswesen mit dem Urteil des Bundesgerichts gegen die Einbürgerungspraxis der Gemeinde Emmen (Einbürgerung durch Urnenentscheid), dann die Polizei-Führungskrise, die Unwetterbewältigung. Da ist man mit seinen engsten Mitarbeitenden sehr eng unterwegs, und das habe ich sehr gut erlebt.

Menschen, die über längere Zeit in der Öffentlichkeit standen, haben es oft schwer, sich zurückzuziehen, sie empfinden es, nicht mehr so gefragt zu sein. Haben Sie Angst vor dieser – vermeintlichen – Leere?
Ich behaupte jetzt mal, dass mir das gar nichts ausmachen wird – aber nicht im Sinn von «endlich werde ich in Ruhe gelassen». In der Öffentlichkeit stehen hat gute und weniger gute Seiten. Wir sind ja alles Alphatierchen (wer das Gegenteil sagt, sagt nicht die Wahrheit), aber es gibt schon auch Schwieriges zu ertragen. Man ist immer unter Beobachtung, und da hat sich in den zwölf Jahren meiner Amtszeit einiges verändert, gerade auch durch die neuen Medien.

Mit Entzugserscheinungen rechnen Sie nicht?
Nein. Es liegt in meiner Natur, eine Aufgabe zu übernehmen, die Arbeit zu machen und sie zu Ende bringen – es hat alles seine Zeit. Ich hatte die Familienzeit, dann die politische Zeit im Gemeinderat, ein Amt, das ich sehr gerne ausgeübt habe, und schliesslich die Zeit im Regierungsrat. Für mich war der Wechsel in den Regierungsrat auch nicht ein Aufstieg, sondern einfach eine andere Arbeit. Die Erinnerung an die Arbeit im Gemeinderat ist immer noch sehr präsent und sehr gut.

Das tönt ja nun fast buddhistisch – es hat alles seine Zeit…
So bin ich eben, so bin ich durch mein Leben gegangen, das war schon immer so. Ich lebe im Hier und Jetzt. Natürlich ist auch die Vergangenheit wichtig, ich bringe ja auch meine Geschichte mit, die habe ich auch ins Amt mitgebracht.

Und die Zeit im Amt, hat Sie die nicht verändert?
Doch, diese Zeit verändert. Ich bin sicher deutlich belastbarer geworden, noch belastbarer als vorher. Und entscheidungsbereiter, man kann in diesem Amt nicht immer nur abwägen, man muss auch handeln, im Sicherheitsdepartement sowieso. Es gibt auch eine Veränderung in einem enorm positiven Sinn. Ich hatte das Privileg, Menschen kennen zu lernen, die ich sonst nicht kennen gelernt hätte. Das war für mich eine absolute Bereicherung.

Als Regierungspräsidentin hatten Sie ja auch Repräsentationspflichten in Milieus, die wohl nicht zu Ihren eigenen zählen – zum Beispiel bei den Schützen. War das jeweils eine Pflichtübung, ein Müssen?
Den Schützen zum Beispiel habe ich gesagt, dass ich mich nicht in Abstimmungskomitees einbinden lasse, dass ich aber ihre Arbeit wertschätze, das zu zeigen war mir wichtig. Mit den Schützen gab es auch eine Zusammenarbeit bei der Sanierung der Schiessstände und als es galt, gesetzliche Auflagen umzusetzen. Regieren heisst ja vor allem auch vollziehen. Die Bevölkerung hat mich gewählt mit dem Auftrag, meine Arbeit bestmöglich zu machen. Bestmöglich geht nur, wenn man das Vis-a-vis ernst nimmt, ihm Wertschätzung entgegenbringt und dabei ehrlich und sich selber treu bleibt.

Gab’s in den zwölf Jahren Ihrer Amtszeit nicht Momente, in denen Sie an Rücktritt gedacht haben, in denen Sie sich sagten «Warum tue ich mir das an»?
Die gab es, zum ersten Mal schon nach vier Jahren. Der Unterschied zum Gemeinderat Ebikon war enorm. Dort bin ich mit meinen Anliegen durchgekommen. Die Regierung erlebte ich zu Beginn stark parteipolitisch geprägt, da bin ich meinen Themen oft aufgelaufen. Unvorsichtigerweise habe ich Medien gegenüber gesagt, dass ich nach vier Jahren Bilanz ziehen und danach entscheiden würde, ob ich weitermachen soll. Das wurde dann so interpretiert, ich würde einen Rücktritt ins Auge fassen. Das wurde natürlich breit gewalzt und sorgte für Verunsicherung auch in der Partei. Für mich war der Gedanke an Rücktritt aber nur ein kurzer Moment. Bei der Polizeikrise ging es mir physisch und psychisch nicht gut. Ich stellte in der Regierung die Vertrauensfrage und erhielt das Ja der Kollegen. Es war eine schwierige Aufgabe, die musste ich lösen. Mir war die wirklich unabhängige Untersuchung dieser Sache sehr wichtig. Hätte die ergeben, dass ich grobe Fehler oder Unterlassungen gemacht habe, wäre ich zurückgetreten.

Wie würden Sie sich selbst charakterisieren – zum Beispiel bei einem Bewerbungsgespräch?
Als jemand, die gerne bewegt – Menschen und Ideen – und aufgabenorientiert ist. Als jemand, die sachlich ist, seine Emotionen aber auch zeigen kann. Als jemand, die klar, direkt und ehrlich ist – das höre ich auch von Kollegen, und dass ich hartnäckig sei, man kann auch sagen stur. Ich stehe für eine Regierung, in der gefightet wird, ich habe Wohlfühlregierungen nicht gern.

Sie sehen sich jetzt im Übergabemodus – wie lange geben Sie sich, bis Sie in den Neubeginnmodus gehen?
Das geht wohl nicht so lange. Erwerbsarbeit ist für mich allerdings kein Thema mehr, schon aus Altersgründen. Es wird ehrenamtliche Arbeit sein. Anfragen sind da, die Entscheide fallen laufend. Ich werde in Vorständen, in Stiftungen tätig sein, die «meinen» Themen zu tun haben, mit sozialem Engagement, auch mit Frauenthemen. Dort werde ich tätig sein, solange ich noch als Türöffnerin und beratend hilfreich sein kann. Präsidien werde ich aber keine übernehmen.

Wird es zwischen Abschiednehmen und Neubeginn eine Zäsur geben, eine grosse Reise oder etwas Ähnliches?
Nein, das brauche ich nicht. Für mich ist der Abschied vom Amt ja nicht ein grosser Schritt, sondern wohl überlegt. Der Tag danach ist ein Tag wie jeder andere. Die ganze Familie wird im Laufe des Sommers miteinander in einem Haus in Südfrankreich gemeinsam Ferien machen. Das war nicht geplant, hat sich aber so ergeben. Reisen und natürlich meine Familie mit meinem Enkel wird in Zukunft sicher wieder ein wichtigeres Thema, und generell werde ich geistig, seelisch und körperlich wieder andere «Nahrung» brauchen. Intellektuelle Inspiration, Kontaktpflege und Bewegung sind mir wichtig und in den letzten Jahren etwas zu kurz gekommen.